Hugo Schuchardt an Meyer Kayserling (6-894-3)

von Hugo Schuchardt

an Meyer Kayserling

Gotha

02. 10. 1892

language Deutsch

Schlagwörter: Reisen Biographisches Empfehlung (Personen) Networking Politik- und Zeitgeschichte Bibliotheken und Bibliothekswesen Universität Prag Empfehlungen Romanische Philologie Machado y Álvarez, Antonio Cornu, Julius Spanien Nizza Valencia

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Meyer Kayserling (6-894-3). Gotha, 02. 10. 1892. Hrsg. von Johannes Mücke (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3239, abgerufen am 02. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3239.


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Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich beeile mich, eben hier angekommen, Ihren werthen Brief vom 28. d. M. zu beantworten.

In Bezug auf die Reiseroute kann ich einen bestimmten Rath deshalb nicht geben, weil ich nicht weiss ob es Ihnen mehr darauf ankommt rasch nach Spanien zu kommen oder angenehm.

Unzweifelhaft ist der Weg den ich gemacht habe, über Nizza, Barcelona, Valencia bei weitem der schönere.

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In Bezug auf die Empfehlungen haben Sie mich missverstanden. Ich sagte Ihnen dass da ich 1879 in Spanien war und mit meinen zahlreichen dortigen Bekannten seit dem ausser Verkehr gekommen bin (manche werden mir das vielleicht als Undankbarkeit anrechnen), es mir schwer sein würde, Ihnen dorthin Empfehlungen zu geben; ich weiss nicht einmal wie viel davon noch leben. Mein bester Freund, ein durchaus vorurtheilsloser, freisinniger Mensch, Antonio Machado y Alvarez,1 befindet sich wie im vorigen Jahre, und zwar mehr zufällig, hörte, in einem Gesundheitszustand der ihm nicht erlauben würde, Ihnen zu nützen. Einige meiner Bekannten sind sehr ultramontan und |3| antihaeretisch; einer z. B., ein in der Wissenschaft bekannter Mann, gab mir einst ein Buch welches eine energische Vertheidigung der Inquisition enthielt (von einem Professor der Philosophie, wenn ich nicht irre) mit dem Ansinnen einer Uebersetzung ins Deutsche zu bewerkstelligen.2 – Uebrigens muss ich Ihnen sagen dass in Spanien Empfehlungen (und zwar gerade solche wie ich sie jetzt bestenfalls geben könnte d. h. Einführungen) durchaus nicht die Bedeutung haben wie anderswo, besonders in England. Ich habe von denen die ich nach Spanien mitbrachte und die man mir in Spanien selbst gab, mehr Ärger als Vergnügen und Vortheil gehabt. Alle Leute deren Wohlwollen und Freundschaft ich gewann, habe ich zufällig kennen gelernt. Der Spanier scheint nicht selten einen Empfehlungsbrief wie |4| einen lästigen Zwang zu empfinden. Bei einem Herrn in Sevilla, dem mich Emilio Castelar3 als seinen ich weiss nicht, wie hochgradigen Freund ans Herz gelegt hatte, wurde ich erst nach wochenlangem Bemühen vorgelassen.

[Ü]ber Bibliothekare kann ich Ihnen keine Auskunft geben; die die ich vor 13 Jahren kannte, haben wahrscheinlich anderen Platz gemacht – auch habe ich kaum auf spanischen Bibliotheken gearbeitet. Das hat, und zwar erst im vorigen Jahren mein Freund und Kollege Dr. Jules Cornu,4 o. ö. Professor der romanischen Philologie an der deutschen Universität Prag gethan, und der würde Sie in dieser ganzen Angelegenheit besser zu berathen vermögen als ich (es ist ein sehr liebenswürdiger Mensch). Sollten Sie über Paris kommen, so empfehle ich Ihnen A. Morel Fatio,5 den gründlichen Kenner älterer spanischer Dinge, aufzusuchen. Mit besten Wünschen für Ihre Reise

Ihr ganz ergebener
HSchuchardt


1 Die Korrespondenz Schuchardts mit Antonio Machado y Alvarez (1846-1893, Pseudonym Demófilo) wurde herausgegeben von Steingress (1996, 2009a).

2 Konnte nicht ermittelt werden.

3 Auch ein Schreiben des spanischen Politikers Emilio Castelar y Ripoll (1832-1899) liegt im Nachlass Schuchardts vor (Bibl. Nr. 01555).

4 Der Romanist Jules Cornu (1849-1919) wurde 1901 (bis 1911) Schuchardts Nachfolger auf dem Lehrstuhl für romanische Philologie in Graz. Es liegt eine umfangreiche Korrespondenz mit Schuchardt vor (Bibl. Nr. 01710-01842).

5 Die Korrespondenz von Schuchardt und Alfred Morel-Fatio (1850-1924), an den sich Schuchardt bereits vor und während seiner Spanienreise 1879 ratsuchend gewandt hatte, wurde von Schwägerl-Melchior (2014) ediert.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der National Library of Israel, Jerusalem. (Sig. 894)