Hugo Schuchardt an Edward Spencer Dodgson (058-19)

von Hugo Schuchardt

an Edward Spencer Dodgson

Graz

08. 02. 1893

language Deutsch

Schlagwörter: Charencey, Hyacinthe de

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Edward Spencer Dodgson (058-19). Graz, 08. 02. 1893. Hrsg. von Bernhard Hurch (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3195, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3195.


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Lieber Herr Dodgson

Unsere Karten haben sich gekreuzt. Ich bedauere dass Sie sich auch mit dem Aino beschäftigen. Warum interessirt Sie denn eine Sprache die gar keine Litteratur hat? Es könnte doch nur in wissenschaftlicher Beziehung sein, aber Sie weisen ja die Zumuthung zurück a scientific man zu sein. Sie sind mir ein Räthsel. Wenn Sie mir nur wenigstens die Frage beantworten wollten warum das Baskische verdient populär zu sein. Und weiter, Sie wünschen, das Baskische solle sich litterarisch ausbilden und ausbreiten. Gut, aber das kann nur in einem bestimmten Dialekt geschehen, und ich sehe keinen andern hierfür möglichen als den Guipuzcoischen Wird aber den ein Souler leicht verstehen, gern darin etwas lesen? Und au comble du malheur, Sie wollen, dass das vorgesetzte Ziel durch Uebersetzungen erreicht werde, Homers’, Camões’, der Kalewala! Nein und tausend Mal nein! Das Wort traduttori – traditori gilt hier in einem andern Sinn als in dem gewöhnlichen. Die Basken sollen aus ihrer eigenen Seele heraus schreiben; sie sollen uns Schilderungen ihres innern und äussern Lebens geben – denken Sie an Mistral’s Mirèio. Und wenn es nicht Poesie ist, so sei es Prosa. Der Piarres Adame ist wirklich ein recht armseliges Produkt. – Ich schreibe jetzt nicht spanische Briefe – ich leide an Kopfdruck. Meine Abhandlung hat man schon vor 3 Wochen zu drucken begonnen; es geht aber sehr langsam vorwärts. Charencey’s Beifall darf Sie nicht ermuthigen; er ist in Etymologicis ein Phantast.

Herzlich Ihr
H.S.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Azkue Biblioteka (Euskaltzaindia). (Sig. 19)