August Leskien an Hugo Schuchardt (19-06437)

von August Leskien

an Hugo Schuchardt

Leipzig

03. 04. 1908

language Deutsch

Schlagwörter: Biographisches 50. Versammlung deutscher Schulmänner und Philologen (Philologentag) in Graz (1909) Universität Leipzig Jubiläen Villa Malwine Universität Grazlanguage Plansprachenlanguage Esperanto Steindorff, Georg Brugmann, Karl Friedrich Christian Knapp, Georg Friedrich Eichler, Ernst/Schröter, Gerhart (1986) Schuchardt, Hugo (1909)

Zitiervorschlag: August Leskien an Hugo Schuchardt (19-06437). Leipzig, 03. 04. 1908. Hrsg. von Johannes Mücke (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3083, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3083.


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Leipzig, 3. April 1908

Lieber Freund.

Steindorff1 ist nicht in Ägypten. Ich fuhr sofort nach Empfang Ihres Briefes zu ihm und traf ihn zu Hause. Er war aber verreist, nach Wien, München, Berlin; ist von dort erst gestern zurückgekommen und hat Ihren Brief vorgefunden, den er gleich beantworten wird.

Was denken Sie nur, daß Brugmann und ich Ihnen verdenken, daß Sie in der Weltsprachenfrage uns entgegenstehen? Übrigens glaube ich, haben Sie meine Stellung zu der Sache nicht ganz richtig |2| aufgefaßt. Ich suche in der Sprache gar nichts Mystisches, habe mich auch auf die Prinzipienfrage gar nicht eingelassen, sondern nur gefunden, daß das Esperanto ein schlechtes Machwerk ist, und das finde ich auch noch. Meine Äußerung über die Fauststelle von der Sonne "ihre vorgeschriebne Reise . . ." ist doch wohl nur ein Scherz gewesen, wahrscheinlich hervorgerufen durch den Mißbrauch, den namentlich Knapp2 immer mit Dichterstellen trieb.

Mir geht es im ganzen gut. Ich hatte vor c. 2 Jahren einmal eine kurze Periode von Herzschwäche durchzumachen, habe das aber überwunden und mich seitdem wohl befunden. Nur habe ich damit zu rechnen, daß ich mich etwas schonen muß; die Kräfte sind nicht |3| mehr die gleichen wie früher. Ich kann nicht mehr wie noch vor einigen Jahren 10stündige Fußtouren machen, Berge steigen, Schlittschuhlaufen u.dgl. Aber das kann man ja lassen. Sonst kann ich ziemlich leisten, was zu leisten ist. Etwas weniger Vergnügen macht mir die Arbeit, aber das mag mit den zunehmenden Jahren so kommen. In meiner Familie geht alles gut: meine Jüngste, die jüngste von 6 Kindern, wird nächstens konfirmiert, damit sind sie alle erwachsen. Zwei, ein Sohn und eine Tochter sind verheiratet, zweifacher Großvater bin ich schon, nächstens werde ich vierfacher.

Zu der Villa wünsche ich Glück; ich finde es sehr gescheit.3 Wenn ich könnte, baute ich mir hier ein Haus, aber ich bin schon in Loschwitz bei Dresden mit einem großen Grundstück und einer Villa, ich |4| muß sagen, belastet, denn der Besitz ist zu groß und wir können das Haus nur in den paar Ferienmonaten bewohnen. So haben wir uns denn entschlossen zu parzellieren und neulich eine Parzelle verkauft, freilich nur den dreißigsten Teil, so daß uns noch Raum genug bleibt.

Ob ich im nächsten Jahr zur Philolologenversammlung4 komme? Kaum. Wir haben hier erst das Jubiläum, 500jährige, der Universität,5 und das wird mir wohl genügen müssen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Leskien


1 Vgl. Eichler & Schröter (1986: 101, FN): "Steindorff, Georg (1861-1951), Ägyptologe; von 1893 bis 1934 Prof. in Leipzig, danach Emigration". Von Steindorff liegen vier noch unbearbeitete Briefe im Nachlass Schuchardts vor (Bibl Nr. 11232-11235). Der erste Brief stammt vom 10.04.1908.

2 Vgl. Eichler & Schröter (1986: 101, FN): "evtl. Knapp, Georg Friedrich (1842-1926), Nationalökonom; Prof. in Leipzig und Straßburg". Elf Briefe von Knapp an Schuchardt liegen in dessen Nachlass vor (Bibl. Nr. 05671-05681). Die ältesten stammen aus dem Jahr 1872, als Schuchardt noch als Kollege von Leskien in Leipzig wirkte.

3 Schuchardt bezog 1906/07 die für ihn errichtete Villa Malwine in Graz, die ihm von da an gleichermaßen Lebensort und Arbeitsstätte war und unter anderem seine Bibliothek und seine Sammlung von europäischem Fischereigerät beherbergte. Die Villa ist heute im Besitz der Universität Graz.

4 Die 50. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner fand vom 28.09. bis 01.10.1909 in Graz statt. Schuchardt beteiligte sich mit einem Aufsatz an der Festschrift Strōmateis für den Kongress (Schuchardt 1909 [= HSA 579]).

5 Vgl. Eichler & Schröter (1986: 101, FN): "Die Universität Leipzig, 1409 nach dem Auszug der deutschen Professoren und Studenten aus Prag gegründet, beging im Sommer 1909 mit einer Festwoche das 500-jährige Gründungsjubiläum".

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