Hugo Schuchardt an Hans Georg Conon von der Gabelentz (06-s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Hans Georg Conon von der Gabelentz

Graz

17. 02. 1887

language Deutsch

Schlagwörter: language Chinesische Sprachenlanguage Russisch Leland, Charles Godfrey Eismann, Wolfgang/Hurch, Bernhard (2008) Leland, Charles G[odfrey] (1876)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Hans Georg Conon von der Gabelentz (06-s.n.). Graz, 17. 02. 1887. Hrsg. von Bernhard Hurch und Katrin Purgay (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3046, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3046.


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Graz, 17 Febr. 1887.

Verehrter Herr Kollege,

Für die letzte gütige Auskunft noch dankend erlaube ich mir wiederum Ihnen einige Fragezeichen mitzutheilen, diesmal solche die ich bei der Durchsicht meiner chino-russischen Materialien gemacht habe.1 Da ihre Beantwortung für meine Studien nicht unerlässlich ist, so bitte ich Sie nur zu antworten wenn Sie gerade ohne sich weiter |2| zu bemühen, eine Antwort wissen, auf jeden Fall nach Ihrer Bequemlichkeit zu verfahren.

Za ist im Jargon die allgemeine Präposition (zu, bei, für usw.); es pflegt sogar das Subjekt mit ihr umschrieben zu werden: za mojá „ich“, gleichsam „was mich anlangt“. Gibt es im Chinesischen ein Wörtchen, als dessen Reflex dieses za betrachtet werden könnte? Es findet sich, wie mir eben einfällt, auch beim Komparativ: za eto lučeǰe bjeleniki weisser als dies.

Höchst befremdlich ist mir dass im Jargon z öfters für russ. s, t’, t, d auftritt z.B. soledaza = солԁачья, boi-za = Вoи-ся u.s.w. Fr. Müller2 hat z nicht in der Tabelle der chinesischen Laute; es komme nur in der alten Sprache vor.

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Leland hat in seinem Pidginenglish Sing-Song: „Lo a termination which frequently follows vowels or liquids; die-lo = die“ (ebenso wai-lo, go away).3 Nun finde ich im Chino-russischen hinter Verbalformen ein -la, -lo, -le das ich mir ebenfalls nicht aus der Grundsprache zu erklären vermag. uma-kopečaj-lo („Wahnsinn“, – Verstand-räucherung?), sered ece-ši-lo (Hartherzigkeit, Herz-vernäht sein?) – falšivaj-la (Falschheit) – pokušaj-le (versuche)[.] Hängt etwa hiermit auch das chino-engl. galaw, galā zusammen, welches unserm südd. „halt“ entsprechen soll?

Die Zeitwörter gehen zum Theil auf –xu aus und dies soll auf das mong. –xu des Infinitivs zurückgehen: bičixu |4| „schreiben“ wird als ganz mong. Verbum angeführt das in den Jargon übergegangen sei. Bei Jülg Kalm. M.4 finde ich bišikü. Ist das nicht aber selbst ein Lehnwort aus dem Russischen (pisati)?

Endlich würde mir an der Verifizierung folgender als chinesisch bezeichneter Wörter liegen: sehangán, gut (ich finde nur h̔ān in diesem Sinn) – dodòdie viel mi ju nicht haben, – šimmo dieses (shummo bei Leland: what?, why?).

Ich bitte um Verzeihung dass ich Sie mit diesen Dingen behellige; wenn wir auch besser mit Chinesischem hier versorgt wären, als es dank unsern miserabeln Finanzen der Fall ist, so würde ich mich doch kaum auf eigene Hand etwas festzustellen getrauen, wie etwa wo es sich um afrikanische Sprachen handelt.

Mit hochachtungsvollstem Gruss

Ihr ergebenster

Hugo Schuchardt


1 Am Tag zuvor, also am 16. Februar 1887 schrieb Schuchardt in gleicher Angelegenheit einen langen Brief an Baudouin de Courtenay (vgl. Eismann / Hurch, Hg. 2008: 64-66). Baudouin hatte ihm auch ausführlich und materialreich geantwortet. Das Thema der Chino-Russischen Misch- und Verkehrssprachen hatte Schuchardt schon einige Jahre zuvor interessiert. Instruktiv ist die Verteilung, an welchen der beiden Korrespondenten Gabelentz und Baudouin Schuchardt welche Fragen richtete. In dem genannten Brief erwähnt er auch ausführlich seine Quellen. Baudouin war für Schuchardt der Gewährsmann für das Russische, Gabelentz für das Chinesische.

2 Friedrich Müller, 1834-1898, österreichischer Sprachwissenschaftler. Hier bezieht sich Schuchardt auf Fr. Müller (1882: 401).

3 Leland (1876: 127).

4 Bernhard Jülg, 1825-1886, deutscher Philologe und Sprachforscher. Hier: Jülg (1866) .

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Thüringer Staatsarchiv in Altenburg, Familienarchiv Gabelentz. (Sig. s.n.)