Karl Vossler an Hugo Schuchardt (38-12546)

von Karl Vossler

an Hugo Schuchardt

München

09. 11. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: Berufungen Networking Universität Wien Universität Würzburg Antisemitismus Universität München Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Spitzer, Leo Küchler, Walther Lerch, Eugen Elwert, W. Theodor (1982)

Zitiervorschlag: Karl Vossler an Hugo Schuchardt (38-12546). München, 09. 11. 1921. Hrsg. von Verena Schwägerl-Melchior (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2869, abgerufen am 15. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2869.

Printedition: Schwägerl-Melchior, Verena (2015): Mein Verhältnis zur Sprachwissenschaft ist das des unglücklichen Liebhabers" - Der Briefwechsel zwischen Hugo Schuchardt und Karl Vossler. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 80., S. 181-266.


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M. 9. Nov. 21
Leopoldstraße 87II

Hochverehrter u. lieber Freund,

Mir scheint, daß Spitzer eine Professur verdient, u. ich werde mich bei jeder Gelegenheit für ihn einsetzen. Eine solche bietet sich vielleicht demnächst, wenn Küchler (Würzburg)1 den Ruf nach Wien annimmt, wie ich ihm dringend geraten habe. Küchler ist so wenig Antisemit wie ich. Freilich wird er bei seinen Kollegen nicht durchdringen. Aber es genügt, wenn er Spitzer auf die Liste bringt u. Prof. Lerch, den er durchbringen kann, nach Würzburg berufen |2| wird. Dann kann ich Spitzer auf das hiesige von Lerch inne gehabte planmäßige Extraordinariat bringen; u. ich glaube, daß mir dies gelänge. Dies sind lauter "Wenn", u. ich vertraue sie Ihnen nur an, um Ihnen zu zeigen, daß 1) nicht alle Hoffnung für Spitzer verloren ist, 2) daß ich meinerseits alles tun will, um ihn zu fördern. Das hiesige Extraord. für roman. Philologie ist gelegentlich meines Berliner Rufes eingerichtet worden, ist gut besoldet u. wäre wie gemacht für Spitzer. Sobald Lerch, was doch nicht unwahrscheinlich ist, |3| irgendwo unterkommt, ist Spitzer der Mann, für den ich mit allen Kräften eintreten u. den ich an die erste Stelle im Vorschlag setzen will. – Sonst sehe ich allerdings nicht viel Hoffnung für ihn. Fast alle unsere neuphilolog. Kollegen – die Germanisten u. Anglisten noch mehr als die Romanisten – leben in nationalistischen Ekstasen u. können nicht verstehen u. nicht glauben, daß auch ein Jude ein deutsches Herz hat. Von Spitzer weiß ich, daß er es hat, nur eben nicht in dem engen Sinne der nationalen Exclusivität. Mich würde es sehr sogar freuen, ihn hier zu haben; denn abgesehen von seinem außerordentlichen Können, ist er |4| mir auch als Mensch wertvoll.

Das deutsche Volk in seinem Elend braucht inneren Ausgleich u. innere Versöhnung u. kann es sich nicht leisten, junge Kräfte, die in seinem Schoß gewachsen sind u. ausgebildet wurden, aufs Pflaster zu werfen – um einer animalischen Rassenschnüffelei willen. Der Jude, der sich zum Deutschtum bekennt, ist für mich ein Deutscher. Darum habe ich auch den kleinen Chrysostomus,2 wie Sie ihn nennen, in mein Herz geschlossen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr in aufrichtiger Verehrung ergebener

K. Vossler


1 Walther Küchler (1877-1953), deutscher Romanist und Nachfolger Vosslers in Würzburg (vgl. Elwert 1982).

2 Herbert Steiner, vgl. Lfd. Nr. 37-HS_KV_s.n..

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