Hugo Schuchardt an Karl Vossler (30-HS_KV_s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Karl Vossler

Graz

04. 06. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Dankschreiben Sprachwissenschaft (Reflexion) Sprachkenntnisse Neuphilologische Mitteilungen Mehrsprachigkeit (individuell) Revue internationale des études basques Politik- und Zeitgeschichte Wissen und Leben: neue Schweizer Rundschau Universitätsangelegenheiten Antisemitismus Publikationsversandlanguage Deutschlanguage Italienischlanguage Spanischlanguage Portugiesischlanguage Französischlanguage Dänisch Gilliéron, Jules Urquijo Ybarra, Julio de Bovet, Ernest Spitzer, Leo Vossler, Karl (1919) Baehr, Rudolf (1994) Schuchardt, Hugo (1921) Schuchardt, Hugo (1919) Schuchardt, Hugo (1894) Hurch, Bernhard/Kerejeta, Maria Jose (1997) Urquijo, Julio de (1932) Schuchardt, Hugo (1919) Osman, Nabil (1971) Bovet, Ernest (1920) Schuchardt, Hugo (1920)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Karl Vossler (30-HS_KV_s.n.). Graz, 04. 06. 1920. Hrsg. von Verena Schwägerl-Melchior (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2861, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2861.


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Graz, 4. Juni '20

Lieber Freund,

Erst heute komme ich dazu Ihnen für das Letzte zu danken. Ich hatte Dringendes zu erledigen – und meine Arbeitskraft steht im besten Fall nur wenig über dem Gefrierpunkt, und später setzte meine allsommerliche Mischung von Kopfdruck und völliger Erschlaffung ein. Ich benutze einen günstigeren Augenblick um Ihnen zu schreiben.

Wie alles aus Ihrer Feder, habe ich auch Ihren neuesten sprachphilosophischen oder, vielleicht bestimmter zu sagen, sprachästhetischen Aufsatz1 mit besonderem Genuß gelesen; ich beneide Sie und bin doch neidlos indem ich mich auf eigene Hand gar nicht dahin wagen würde, wo ich mich gern von Ihnen führen lasse und Stimmen höre "die was ich selbst nicht sagen kann, mir sagen".2 Vermuten Sie ja |2| nicht etwa eine Spötterei; ich bin Individualist nicht nur für den eigenen Bedarf, ich erfreue mich stets an fremder Individualität. Wenn ich sage: der und der sieht die Dinge anders als ich, so ist das meistens nicht als Vorwurf gemeint. Nicht einstimmig, aber zusammenklingend! Nehmen wir z.B. Gilliéron;3 er taucht zur Schilderung der französischen Wortkämpfe seinen Pinsel in die blutige Farbe der Stierkämpfe – das stört mich nicht allzusehr, ihm erscheinen jene so und das hat ihn offenbar bei seinen Entdeckungen gefördert.4 Ich habe in Ihrem Aufsatz kaum etwas gefunden, was ernsten Widerspruch bei mir erregt hätte. Denn was Sie 290 Anm. (und den obigen Text dazu genommen) sagen,5 beruht doch wohl auf einem Antiphonetismus, wie auch ich ihn hege, und die dabei verwendeten Ausdrücke sind nur aus der Rüstkammer N° 1 entnommen.

Aber in einem Punkte, und zwar gleich zu Anfang,6 fühlte ich mich doch ernstlich getroffen. Seit Jahrzehnten reite ich auf einem Steckenpferd und nun heben Sie mich, wohl ohne Absicht, aus dem Sattel; da es nicht unwahrscheinlich ist daß ich mich bei nächster Gelegenheit, wieder hineinzuheben versuchen werde,7 so will ich Ihnen im voraus (noch wahrscheinlicher aber gibt es gar |3| kein Nachher) andeuten, worum es sich handelt: um das "gedankenlose 'Können'" fremder Sprachen (ich habe noch kürzlich dieses Wort in den Helsingforser Neuph.Mitt.8 wiederholt). In der Tat werden Dinge miteinander vermengt die jedenfalls auf sehr verschiedenen Veranlagungen beruhen. Manche bringen es im Sprechen und Schreiben überhaupt zu keinen bemerkenswerten Erfolgen, die Wenigsten – und dazu gehören Sie – befinden sich in so günstigen Umständen daß sie das einmal erworbene Gut ungeschmälert durch Jahrzehnte hindurch wahren, ja beständig vermehren. Es mag ja sein daß das aktive Können die Beurteilung der Sprachfeinheiten erleichtert; aber dagegen wäre erstens einzuwenden daß man ein sehr guter Musikkritiker sein kann, ohne selbst zu musizieren oder gar zu komponieren und zweitens wäre es zu übertrumpfen: nur der kann eine Sprache, der ein Gedichtchen darin abzufassen und der die Sprache mit Eigenem, Neuartigem zu bereichern vermag. Käme ich noch auf italienischen oder |4| französischen Boden, so würde ich mich wohl mit den Einheimischen zu verständigen wissen; aber seit vielen Jahren schreibe ich nur deutsch und es ist mir ganz recht daß man mir italienisch, spanisch, portugiesisch, französisch, dänisch usw. schreibt. Das fremdsprachliche Briefschreiben ist sogar schädlich; es hält die Fremden von der Erlernung unserer Sprache ab. J. de Urquijo9 versicherte mir, er habe Deutsch gelernt um meine baskologischen Sachen zu verstehen und in seiner Zeitschrift werden meine Sachen in deutscher Sprache gedruckt. Saroïhandy10 – darauf bin ich stolz – hat meine sehr schwierige und ausgedehnte Arbeit über die baskische Konjugation11 gelesen und gut verstanden, wie mir seine Untersuchungen auf diesem Gebiete bezeugen. Den Damen am Rhein ist freilich ihr Bißchen Französisch nützlich, sie verloben sich mit französischen Offizieren, während den deutschen Offizieren 1870 das Entsprechende wohl nur ausnahmsweise glückte. Ich finde das ist nicht sehr schmeichelhaft sei es für die deutschen Frauen sei es für die deutschen Männer. – Der verflossene Krieg und der gegenwärtige "Frieden" hat mich allerdings etwas miselsüchtig12 gemacht. Dazu kommt |5| noch manches, das in einen engeren Kreis fällt. Bovet, der wirklich bemüht ist, gerecht zu urteilen schreibt in W.u. L. vom 1. April 1920 in einem Artikel "L'Allemand IV": Il est un premier fait que, longtemps avant la guerre, apparaissait avec un évidence croissante: la décadence de la pensée et de la science allemande" ... Mais je vois aussi que depuis trente ans environ, tout cela a changé rapidement; tandis que les études franc. et ital. progressaient et se renouvelaient d'une façon merveilleuse, en Allemagne,13 usw.

Bei dem großen "Revirement" der Romanisten ist L.Spitzer leer ausgegangen oder wird leer ausgehen. Es tut mir leid um ihn; er ist doch eine sehr selbständige und fruchtbare Kraft. Es wundert mich, daß M.-L.14 nicht für ihn eintritt. Er ist ein Opfer des Antisemitismus, der seinerseits zwar nicht zu billigen, aber zu erklären ist. In unserer dunkeln Ecke (die sich Wochen, ja Monate |6| hindurch des hellsten Himmels erfreute) kommt nun der Haß gegen die Ostjuden hinzu, die in der Gestalt von Schleichhändlern […] uns unendlich schädigen.

Antworten Sie nicht etwa rasch auf diesen Brief; warten Sie meinen Aufsatz "Sprachursprung III (Prädikat, Subjekt, Objekt)"15 ab, der schon gedruckt ist, von dem aber wohl die SA [Sonderabdrucke] (von der Berl.Ak.d.W.) noch nicht so bald ausgegeben werden; Sie können dann zwei Portionen Weihwasser auf mich mit einem Male sprengen.

Herzlich grüßend

Ihr
HSchuchardt


1 Es handelt sich um die Publikation Der Einzelne und die Sprache (Vossler 1919b).

2 Der Vers stammt aus der deutschen Übersetzung von Shakespeares 3. Sonett.

3 Jules Gilliéron (1854-1926), französischer Sprachwissenschaftler Schweizer Herkunft, der ebenfalls mit Schuchardt korrespondierte.

4 Gilliéron verwendete in seinen Arbeiten eine sehr metaphernreiche, häufig durch Kriegsvokabular und darwinistische Anschauungen geprägte Sprache, wie es in der Sprachwissenschaft des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert bei vielen Gelehrten üblich war (vgl. Baehr 1994).

5 Vossler (1919b: 289-290): "Demgegenüber erscheinen alle diejenigen Neuerungen, die sich an der Sprache als solcher vollziehen, als das Aeußerliche, mag es nun ein Lautwandel, eine Analogie, eine Kontamination, Differenzierung, Grammatikalisation oder allgemeiner Bedeutungswandel sein. Diese grammatischen Wandlungen werden nicht von den Sprechenden gemacht; sie werden von der Sprache erlitten und erscheinen nur dadurch als Wandlungen, daß der historische Grammatiker einen früheren mit einem späteren Zustand der Sprache vergleicht und die Verbindungslinie zwischen diesem und jenem als einen Wandel betrachtet. In Wirklichkeit hat aber kein Wandel, sondern eine Wanderung des beobachtenden Auges stattgefunden. 1) Wer dies eingesehen hat, wird nicht mehr die sinnlose Frage nach den Ursachen des Lautwandels tun, über die schon so viel Tinte schon geflossen ist".

6 Vossler (1919b: 266): "Die Teilnahme des Einzelnen an der Sprache ist durch Sprechen und Hören eine zweiseitige. Was beide Seiten zusammenhält, nennt man das Können. Wer eine Sprache nur hörend oder lesend und nicht auch sprechend und schreibend ausübt, der kann sie nicht. Zu fragen, was wichtiger sei: das Sprechen oder das Hören, das Verstehen oder das Verständigen, ist müßig. Wohl gibt es Gelegenheiten, in denen es mehr auf das eine als auf das andere ankommt, aber sie lösen sich derart ab, daß – wie beim Gehen das rechte mit dem linken Beine wechselt – gerade durch die Ablösung das Gesetz ihrer Zusammengehörigkeit erfüllt wird".

7 Schuchardt kommt in seinem Exkurs zu Sprachursprung III auf diesen Punkt zurück (Schuchardt 1921 [HSA 741]: 196).

8 Schuchardt (1919, HSA 723). Die entsprechende Stelle, die Schuchardt aus einer älteren Arbeit ( Schuchardt 1894, HSA 279) zitiert, lautet: "Die Fremden sollten uns, besonders wenn sie selbst mehr oder weniger deutsch verstehen, nicht sagen: 'schreiben Sie uns doch in unsrer Sprache; Sie können sie ja'. Dieses gedankenlose 'können'! .... Dass ein Unterschied zwischen dem Verständnis einer Sprache und ihrem Gebrauch besteht, fühlen ja wohl Alle; aber die wenigsten ermessen wie groß er ist" (Schuchardt 1919 [HSA 723]: 77).

9 Julio De Urquijo Ybarra (1871-1950), Baskologe und Gründer der Zeitschrift Revista Internacional de Estudios Vascos, der in intensivem Briefkontakt mit Schuchardt stand (vgl. Hurch/Kerejeta 1997, sowie die Onlineedition der Korrespondenz).

10 Jean Saroïhandy (1867-1932), französischer Philologe vgl. "Jean Saroïhandy" in: euskomedia ( http://www.euskomedia.org/PDFAnlt/riev/23/23503508.pdf). Der Schuchardt-Nachlass verzeichnet sechs Briefe Saroïhandys.

11 Schuchardt (1919, HSA 718).

12 'aussätzig', vgl. Osman (1971, s.v. Miselsucht).

13 Bovet (1920d: 451-452).

14 Das Kürzel M.-L. steht für Wilhelm Meyer-Lübke.

15 Der dritte Teil der Serie Sprachursprung erschien 1920 (Schuchardt 1920, HSA 726).]

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