Hugo Schuchardt an Karl Vossler (23-HS_KV_s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Karl Vossler

Graz

20. 12. 1919

language Deutsch

Schlagwörter: Fabeln Don Quijote Märchen Erster Weltkrieglanguage Deutsch Hey, Johann Wilhelm D'Ovidio, Francesco Gotha Vossler, Karl (1919) Elschenbroich, Adalbert (1972)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Karl Vossler (23-HS_KV_s.n.). Graz, 20. 12. 1919. Hrsg. von Verena Schwägerl-Melchior (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2851, abgerufen am 09. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2851.


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LFr.

Ich bin ein unglücklicher Mensch: im mündlichen Verkehr mit dem ésprit d'escalier1 behaftet, im schriftlichen mit dem PS. Gestern Abend nehme ich das Büttene mit ins Bett und lese gleich in den ersten Zeilen von "grimmiger Torheit".2 Ich erstarre, taue erst am Sonnenkönig wieder auf.3 Gestatten Sie mir mich gegen J.J. Rousseau zu wenden.4 Die Kinder verstehen Lafontaine nicht, gut; aber sie verstehen doch die Fabeln und hat das nicht auch eine gute Wirkung? Mit Don Quijote ist es ja ähnlich; ich bekam ihn zur Konfirmation geschenkt, er hat mich sehr ergötzt und sehr angeregt, verstanden habe ich ihn damals gewiß nicht. Hingegen sagten z.B. Musäus' Volksmärchen5 meinem kindlichen Geschmack gar nicht zu. Kommt es nicht viel mehr darauf an was man in eine Dichtung hinein, als was man aus ihr herausliest? |2|Lafontaine ist für mich sehr fruchtbar geworden, ich war Jahre hindurch ein leidenschaftlicher Fabelliebhaber. Auch war ja Gotha die Heimat eines sehr einträglichen Fabeldichters, Hey.6 Dessen Fabelbuch schenkte ich einst d'Ovidios Töchtern die deutsch lernen sollten oder schon lernten, mit einer italienischen Premessa alle Tedeschine.

Lang, lang ists her!7

Herzl. gr. Ihr
HSch


1 Die französische Wendung wurde mit der Lehnübersetzung "Treppenwitz" ins Deutsche übernommen, wo sich die Bedeutung später verschob, und bezeichnete ursprünglich die Eigenschaft, den passenden Kommentar immer erst einen Moment zu spät, "auf der Treppe", parat zu haben.

2 "Den Meisten von uns ist La Fontaine als ein Dichter bekannt, der Fabeln für Kinder geschrieben hat. Für Kinder aber taugen seine Fabeln ganz und gar nicht, und wenn die Franzosen sie heute noch ihren Kindern zu lesen geben, so begehen sie eine grimmige Torheit" (Vossler 1919a: 1).

3 Vossler (1919a: 1) thematisiert im folgenden Abschnitt die Widmung der Fabeln an den Sohn Ludwig des XIV. in dessen Kindertagen: "La Fontaine, der kein geringer Menschenkenner war, hatte freilich die ersten sechs Bücher seiner Tiergeschichten einem sechsjährigen und das letzte, zwölfte Buch einem zwölfjährigen Knaben gewidmet. Aber der sechsjährige war Kronprinz von Frankreich, Sohn Ludwigs XIV., und der zwölfjährige war dessen Enkel, der junge Herzog von Burgund. Von Kronprinzen und Herzögen war man damals – wir stehen in den Jahren 1668 und 1694 – gehalten, anzunehmen, daß sie jenseits der Naturgesetze wandelnd, sich in der Kinderstube schon hervortun durch Gewähltheit des Geschmackes und Gediegenheit des Urteils".

4 Wie Vossler anführt, wandte sich Rousseau in seinem Erziehungsroman Émile gegen die Lektüre der Fabeln La Fontaines durch Kinder, da sie diese nicht verstünden (vgl. Vossler 1919a: 2).

5 Johann Karl August Musäus (1735-1787) veröffentlichte zwischen 1782 und 1786 eine Märchensammlung unter dem Titel "Volksmärchen der Deutschen" .

6 Johann Wilhelm Hey (1789-1854) war ein Kinderliederdichter aus Thüringen (vgl. Elschenbroich 1972).

7 Francesco D'Ovidio bedankt sich in seinem Brief vom 20.07.1883 (Bibl. Nr. 08444), also lange Zeit vor dem durch den Ersten Weltkrieg bedingten Bruch, für die Zusendung der Fabeln Heys.

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