Hugo Schuchardt an Franz von Miklosich (18-138-41-11)

von Hugo Schuchardt

an Franz von Miklosich

Graz

02. 02. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Zeitschrift für romanische Philologie Das Auslandlanguage Lateinlanguage Rumänischlanguage Albanischlanguage Italienisch Meyer, Gustav Miklosich, Franz (1883) Sittl, Karl (1882) Meyer, Gustav/Schuchardt, Hugo (1882) Miklosich, Franz (1883) Miklosich, Franz (1871) Cihac, Alexandru (1879) Diefenbach, Lorenz (1880)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Franz von Miklosich (18-138-41-11). Graz, 02. 02. 1883. Hrsg. von Bernhard Hurch und Luca Melchior (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2815, abgerufen am 02. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2815.


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V.H.H.!

Ich sage meinen besten Dank für die Uebersendung der zweiten Auflage der "subjectlosen Sätze"1 und die erbetene Belehrung. In Ihrer "rum. Stud." letztem Hefte citiren Sie zweimal das Buch von Karl Sittl,2 das demnächst von G. Meyer und mir eine sehr herbe Kritik erfahren wird.3 An der ersteren Stelle leitet Sittl rom. -ŏra vom Gen. Pl. -ōrum ab (!);4 an der andern bezieht er sich wegen maldac = μανδάκης5 auf Ausland 1880,6 während schon Cihac das Richtige oder Mögliche darüber gesagt hatte.7

In vorz. H.

Ihr e.

H. Schuchardt

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1 Miklosich (21883).

2 Sittl (1882).

3 In der Tat haben Schuchardt und Meyer (Meyer & Schuchardt 1882) gemeinsam eine ungewöhnlich lange und detaillierte, nämlich 20-seitige Besprechung dieses Bandes von Sittl in der Zeitschrift für romanische Philologie veröffentlicht. Wie von Schuchardt hier angedeutet, ist die Rezension durchwegs negativ. Sie weist Sittl methodische und empirische Fehler sowie mangelnde Sach- und Literaturkenntnis nach. Schuchardts Zeitangabe mit "demnächst [...] erfahren wird" wirkt etwas verwirrend, weil der Brief aus 1883, die Rezension dagegen aus 1882 stammt; sie erschien aber ziemlich am Ende des letzten Hefts des Jahrgangs, der sich offenbar verzögert hatte.

4 Vgl. Sittl (1882: 57): "Ausserdem haben wir noch sehr interessante Formen zu behandeln: die Langobarden fassten nämlich die Pluralgenitive auf -arum und -orum als Neutra des Singulars und bildeten davon den Nom. Pl. auf -ora und den Akk. Pl. auf -oras (Bluhme S. 30 f.) also campora, fundora, locora, preceptora, portora, camporas, fundoras, lacoras, vicoras". Miklosich (1883a: 33) verweist darauf bezüglich der rumänischen Pluralbildung in -urĭ.

5 Sittl vertrat die Meinung, daß das Lateinische auf der Balkanhalbinsel stark von einem thrakisch-dakischen Substrat beeinflußt worden sei, und führte irrtümlicherweise als Beweis dazu (Sittl 1882: 48) "μανδάκης (δεσμὸς χότρου)" als "[d]as interessanteste Beispiel" von Erhaltung thrakischer Wörter im Rumänischen "das erst im Ausland 1880 Nr. 5 S. 85 nachgewiesen wurde" an. Auf diese Stelle wies Miklosich in den Berichtigungen zu den Beiträgen zur Lautlehre der rumunischen Dialekte (Miklosich 1883a: 61) hin. In Meyer & Schuchardt (1882: 621) liest man wiederum: "Herr Sittl bemerkt nun S. 48 Anm.: 'Der Versuch Sch.'s, das dakisch-mösische Latein aus dem Walachischen und den Fremdwörtern des Albanesischen zu rekonstruieren, leidet an dem Übel der Unwahrscheinlichkeit; die Denkmäler jener Sprache reichen nicht weit hinauf und die Albanesen haben die meisten romanischen Wörter zweifellos erst später aus dem Italienischen entlehnt.' Diese letzte Behauptung möchte glauben lassen, Herr Sittl habe Miklosichs Alb. Forsch. II mit keinem Auge gesehen; aber nein, auf derselben Seite citiert er diese Schrift, welche über die zahlreichen aus der einheimischen Sprache ins Lateinische der Balkanhalbinsel aufgenommene Wörter handle. Aber Miklosich und ebenso Sch. an den angeführten Stellen beschäftigen sich nicht mit den dakischen oder thrakischen Wörtern des Rumänischen, sondern den lateinischen des Albanesischen. Das 'interessanteste Beispiel' von den ersteren hat Herr Sittl auch in der That anderswoher genommen; rum. maldác von thrak. μανδάκης sei erst im Ausland 1880 nachgewiesen worden. Aber davon war schon früher, so bei Cihac Dict. II (1879), S. 672 die Rede gewesen und an diesem Orte hätte Herr Sittl auch erfahren können, dass das rumänische Wort zunächst auf mittelgriech. μανδάκης zurückgeht".

6 In einem Beitrag mit dem Titel "Die rumänische Sprache in ihrer ethnologischen Bedeutung", erschienen in der Zeitschrift Das Ausland ( Diefenbach 1880: 83), hatte Lorenz Diefenbach " thrakisch μανδάκης· δεσμὸς χότρου vergl. rumänischmaldácu Heuhäufchen, mit anderem Bildungssuffixe auch vielleicht rumänischmándanela Band Binde, Streifchen" als eines der wenigen Elemente vorrömischer Sprachen auf dem Balkan, die in den modernen Sprachen der betroffenen Gebiete zu finden seien, genannt.

7 Vgl. Cihac (1879: 672): "Maldác, s., petit tas (de foin); -mgr. μανδάκης manipulus foeni; cfr. vgr. (thrace) μανδάκης lien à gerbe; v. Vanič. fdw. 31".

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek. Siehe: [Portal]/Österreichische Nationalbibliothek, " Schuchardt, Hugo, 1842-1927 [VerfasserIn] ; Miklosich, Franz, 1813-1891 [AdressatIn]" (Sig. 138)