Hugo Schuchardt an Franz von Miklosich (14-138-41-07)

von Hugo Schuchardt

an Franz von Miklosich

Graz

17. 01. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Hofbibliothek k. u. k. Akademie der Wissenschaften in Wien Rossijskaja Akademija Nauk (St. Petersburg)language Pidgins (Russisch)language Chinese Pidgin Russian Birk, Ernst von Mussafia, Adolf Graz Wien Spanien Richter, Elise (1928) Hafner, Stanislaus (1980) Lichem, Klaus/Würdinger, Wolfgang (2015) Cherepanov, Sergej I. (1853) Eismann, Wolfgang/Hurch, Bernhard (2008) Schuchardt, Hugo (1882) Schuchardt, Hugo (1882) Schuchardt, Hugo (1883) Schuchardt, Hugo (1884) Schuchardt, Hugo (1884) Schuchardt, Hugo (1884) Schuchardt, Hugo (1884)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Franz von Miklosich (14-138-41-07). Graz, 17. 01. 1883. Hrsg. von Bernhard Hurch und Luca Melchior (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2813, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2813.


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Graz, den 17 Jänner 1882.1

Hochverehrter Herr Hofrath!

Sie haben meinen wissenschaftlichen Bestrebungen immer so viel Nachsicht und meiner Person so viel Wohlwollen geschenkt, daß ich wohl wagen darf, in einer Angelegenheit, welche für mich und zwar als Mann der Wissenschaft von höchstem Interesse ist, mich ganz offen gegen Sie auszusprechen.

Ich erfahre gerade, daß die Aka|2|demie mein Gesuch, sie möge sich dafür verwenden, daß ich Bücher aus der k.k. Hofbibliothek erhalte, in Anerkennung der stets in liberalster Weise von der k.k. Hofbibliothek geleisteten Förderung der Wissenschaft einstimmig ablehnte. Wenn ich von meinen eigenen Erfahrungen absehe, so habe ich weder in Graz noch in Wien, noch in Prag je anders von der Administration des Herrn Hofraths v. Birk reden hören, als von einer illiberalen – und zwar auch aus dem Munde von Akademikern selbst. Jene Äußerung der Akademie setzt mich, mit besonderer Beziehung auf meinen |3| Fall (es sind nur zwei ganz gewöhnliche Bücher vom 25 November bis 3 Jänner ohne jeden Grund und ohne jeden Bescheid vorenthalten worden), in großes Erstaunen, aber auch augenblicklich in eine große Verlegenheit, da ich mich bemühe beim k.k. Obersthofmeisteramt eine günstigere Behandlung seitens des Vorstandes der k.k. Hofbibliothek mir zu erwirken. Denn wenn sie nicht bisher eine thatsächlich willkürliche gewesen ist, so zum Mindesten eine formell rücksichtslose. Ich habe wegen dieser Angelegenheit auch an Mussafia geschrieben; aber da er in der letzten Zeit immer arge Schmerzen |4| hatte und vielleicht nicht in der Lage ist, mir zu antworten, so würden Sie mich ungemein verbinden, mir ganz offenherzig Ihre Ansicht und Ihren Rath auszusprechen.2

Nach Spanien habe ich ein zweites Mal geschrieben; aber darauf noch keine Antwort erhalten. Seien Sie versichert, daß ich die Codex-angelegenheit nach Kräften betreiben werde.

Sie sprachen mir von irgend einem Aufsatz bezüglich des Pidgin-russische der in den Schriften der Petersburger Akademie zu finden sei und zwar in den ersten Bänden. Doch nicht in denen aus der 1ten Hälfte des vorigen Jahrhunderts? Könnten Sie sich nicht etwa des Jahrzehntes erinnern? Ich suchte im Register vergebens nach.3

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr treu ergebener

H. Schuchardt


1 Schuchardt datierte den Brief "17. Jänner 1882"; inhaltlich läßt sich dieser auf das Jahr 1883 postdatieren; so nimmt Schuchardt z.B. Bezug auf die Anfrage Miklosichs betreffs eines slawischen Manuskripts in Granada, diese wurde aber erst im Dezember 1882 gestellt; auch die beschriebenen Schwierigkeiten mit dem Hofbibliothekar Birk (vgl. die Einleitung zur vorliegenden Edition sowie die Antwort Miklosichs im folgenden Brief und die Briefe Lfd. Nr. 20 und Lfd. Nr. 21) ereigneten sich erst im Laufe des Jahres 1882, wie Elise Richter in ihrem Nachruf anmerkt: "In späteren Jahren war er so verösterreichert, daß er es an den in Österreich üblichen Schimpfereien über alles Österreichische nicht fehlen ließ. 'Energie und rücksichtsloser Gerechtigkeitssinn sind in Wien ziemlich unbekannte Dinge. Eine schlappe, farblose Bonhomie, lauter Opportunität, Schlamperei' (Die Hofbibliothek hatte Schwierigkeit bei der Bücherentlehnung gemacht! 1882.)" (Richter 1928: 246-247).

2 Es ist nicht gelungen, viele Details über diese Vorgänge, in denen Schuchardt offenbar nicht auf die Unterstützung seiner Kollegen zählen konnte, in Erfahrung zu bringen (zur Angelegenheit vgl. auch Hafner 1980: 39). Miklosich und Mussafia waren zu dem Zeitpunkt seit mehreren Jahren wirkliche Mitglieder der Akademie (Miklosich war auch zwischen 1866 und 1869 Sekretär der philosophisch-historischen Klasse gewesen), während Schuchardt erst Ende 1882 zum korrespondierenden Mitglied gewählt wurde. Bei dem von Schuchardt erwähnten Brief an Mussafia könnte es sich um sein Schreiben an den Wiener Kollegen (datiert auf den 10.2.1882, das aber wahrscheinlich auch auf das Jahr 1883 nachdatiert werden muss), in dem er die Angelegenheit ausführlich darstellt(Lichem & Würdinger 2015).

3 Es handelt sich um Cherepanov (1853); Auskunft über den Artikel ersuchte Schuchardt auch bei Baudouin de Courtenay, welcher ihm die bibliographischen Angaben dazu sowie einige Auszüge davon liefern konnte (vgl. die Briefe von 13. Mai, 4. Juni12. Juni, 16. Juni und 29. Juni 1884, abgedruckt in Eismann & Hurch 2008: 20-27; auch die Tatsache, daß Schuchardt sich erst im Jahre 1884 an Baudouin wandte, könnte als indirekter Hinweis zur Nachdatierung des vorliegenden Briefes dienen). Schuchardt entwickelte in dieser Zeit lebhaftes Interesse am chinesisch-russischen Pidgin: Er versuchte nicht nur mit anderen slawistischen wie Baudouin de Courtenay, sondern auch mit nicht-slawistischen Korrespondenten (Gabelentz) diesem Thema näherzukommen. Er arbeitete in diesen Jahren an seinen Kreolische Studien (von denen die ersten sechs Teile bis 1884 erschienen: Schuchardt 1882a, Schuchardt 1882b, Schuchardt 1883, Schuchardt 1884a, Schuchardt 1884b, Schuchardt 1884c) und zeitgleich an seinem Aufsatz "Die Mundart von Maimatschin" ("Маймачинское нарѣчіе" ( Maimachinskoe narechie), Schuchardt 1884d). Cherepanovs Aufsatz wird jedoch in dieser Studie nicht erwähnt.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek. Siehe: [Portal]/Österreichische Nationalbibliothek, " Schuchardt, Hugo, 1842-1927 [VerfasserIn] ; Miklosich, Franz, 1813-1891 [AdressatIn]" (Sig. 138)