Friedrich Schürr an Hugo Schuchardt (18-10391)

von Friedrich Schürr

an Hugo Schuchardt

Vevey

27. 03. 1926

language Deutsch

Schlagwörter: language Italienischlanguage Romanische Sprachen Winkler, Emil Gamillscheg, Ernst Graz Paris Frankreich Spanien Italien

Zitiervorschlag: Friedrich Schürr an Hugo Schuchardt (18-10391). Vevey, 27. 03. 1926. Hrsg. von Bernhard Hurch (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2715, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2715.


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Vevey, 27. März 1926.
Quai Sina 5.

Hochverehrter Herr Hofrat !

Vielen herzlichen Dank für Ihren freundlichen Brief und vor allem für Ihre Bemühungen in meinem Interesse! Ich möchte doch hoffen, daß Ihr Brief an den Herrn Unterrichtsminister von Einfluß sein kann. Und dies vielleicht auch aus folgendem Grunde. Das herrschende Sparsystem dürfte den Gedanken nahelegen, ob nicht die Grazer ital. Lehrkanzel mit den beiden Innsbrucker roman. Lehrkanzeln nach dem zu erwartenden Weggange Winklers zusammengelegt werden kann. Ich habe bei meinen Verhandlungen mit dem Wiener Ministerium es wegen Graz von Anfang an betont, daß ich mich nicht auf das Italienische beschränken möchte und daher gebeten, mein Lehrgebiet auch auf die anderen roman. Sprachen ausdehnen zu dürfen, was zugestanden wurde. An und für sich dürfte dem Ministerium für Graz und Innsbruck wohl diejenige Lösung am willkommensten sein, bei der es am meisten erspart. Viel wird natürlich immer noch von Innsbruck selbst abhängen. Wie ich höre, soll Gamillscheg sich geäußert haben, als Nachfolger für Winkler würde ein Literarhistoriker vorgeschlagen werden. Sollte man sich in Innsbruck wirklich der Illusion hingeben, auch weiterhin 2 roman. Lehrkanzeln zugebilligt zu erhalten? Vielleicht könnte daher ein Wink des Ministeriums die Innsbrucker Fakultät veranlassen, in einem neuen Vorschlage in erster Linie diejenigen zu berücksichtigen, die sich als Linguisten und als Literarhistoriker ausgewiesen haben. Ich habe auf jeden Fall vor meiner Abreise aus Freiburg dem Innsbrucker Germanisten Schatz meine Arbeiten geschickt, obwohl ich keinerlei Beziehnungen zu ihm habe. Ich habe seit dem Vorgehen der Tübinger Kommission eingesehen, daß durch Zurückhaltung nichts zu erreichen ist, daß auf ein selbständiges, sachgemäßes und objektives Urteil einer solchen Kommission nicht zu rechnen ist. Prof. Sütterlin wollte noch in meinem Interesse an seine Tübinger Bekannten schreiben; ich habe ihn gebeten, davon Abstand zu nehmen, da dadurch vielleicht etwas verdorben |2| werden könnte. Meine Illusionen, ein ernstlicher Glaube an eine gewisse Objektivität im wissenschaftlichen Leben sind endgültig zerstört. Sonst hätte ich nicht gewagt, Sie, hochverehrter Herr Hofrat um diesen Schritt zu bitten. Nochmals vielen herzlichen Dank !

Vorgestern bin ich, auf einem Spaziergange von Glion herunterkommend, an das Kirchlein geraten, vor dem die Büste des Herrn Bridel, doyen von Montreux steht, und habe Ihre Grüße ausgerichtet.1 Wenn wir nicht wieder schlechtes Wetter hätten, wäre ich nochmals hingegangen, um eine Aufnahme von dem Kirchlein mit dem Blick auf die Dent du Midi zu machen. – Ich kann mich kaum entschließen, von hier weg und nach Paris zu gehen: ein gewisses inneres Widerstreben möchte mich von Frankreich zurückhalten. Aber ich muß nach Paris, um in neuerer Literatur zu wühlen. Am liebsten wäre ich ja nochmals nach Spanien gefahren. Von Italien halten mich z. Zt. auch innere Gründe ab wie gegenwärtig wohl die meisten Deutschen. Solang es mir aber möglich ist, möchte ich meine Ferien zu Aufenthalten in den romanischen Ländern benützen.

In steter Verehrung

Ihr sehr ergebener

FriedSchürr


1 Philippe Bridel, 1757-1845, waadtländisch-schweizer Poet, mütterlicherseits Vorfahr von Schuchardt.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10391)