Friedrich Schürr an Hugo Schuchardt (17-10390)

von Friedrich Schürr

an Hugo Schuchardt

Vevey

19. 03. 1926

language Deutsch

Schlagwörter: Winkler, Emil Gamillscheg, Ernst Ive, Antonio Haas, Wilhelm Vossler, Karl Spitzer, Leo Becker, Philipp August Rohlfs, Gerhard Meyer-Lübke, Wilhelm Lerch, Eugen Brüch, Josef Urtel, Hermann Wartburg, Walter von Gartner, Theodor Frankreich Paris Spanien

Zitiervorschlag: Friedrich Schürr an Hugo Schuchardt (17-10390). Vevey, 19. 03. 1926. Hrsg. von Bernhard Hurch (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2714, abgerufen am 04. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2714.


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Vevey, 19. März 1926
Pension Mme von Gunten, Quai Sina 5.

Hochverehrter Herr Hofrat!

Sie werden mein Dankschreiben auf Ihre letzte Sendung bekommen haben, worin ich Ihnen von meiner Enttäuschung bezgl. des Innsbrucker Vorschlags vom letzten Herbst Mitteilung machte, davon daß man dort (u. zwar Winkler, höchstwahrscheinlich auch Gamillscheg) gegen mich geltend machte, für die rein grammatische Professur nach Gamillscheg käme ich nicht in Frage, „da ich nicht mehr der Linguist von ehedem sei”. Merkwürdig, der Enttäuschungen ist in meiner Lebensbahn kein Ende. Die Verhandlungen wegen der Nachfolgerschaft Ives ziehen sich in unabsehbare Länge, da das Wiener Ministerium mich in einer Weise drückt, die mir unerklärlich bleibt. Selbst im besten Falle, wenn man mir sofort ein bezahltes Extraordinariat böte, müßte ich noch finanzielle Opfer bringen – so aber soll ich immer noch als Nichtetatsmäßiger hingehen und mich auf bloße Versprechungen verlassen.

Und nun eine neue Enttäuschung. Ich werde auch in Deutschland immer wieder übergangen. Warum? Wegen meiner Annäherung an den idealistischen Standpunkt? Man kommt ja unglaublich klug am besten vorwärts, wenn man sich laut und wahrnehmlich zum Positivismus bekennt. In Tübingen ist Haas wegen seiner Schlaganfälle vor einiger Zeit zurückgetreten. Auch dort bin ich übergangen worden. Auf der Liste steht an 1. Stelle Winkler (!). Vossler der mir dies mitteilte, schrieb dazu: „ein Schwabenstreich”, nur Spitzer meint, es sei in Deutschland heute so, daß auch die dümmsten genommen werden. Für Winkler haben sich eben Gamillscheg und sein Lehrer Becker eingesetzt. Ferner stehen auf der Liste Rohlfs und Krüger. Was man mir gelegentlich schon vorgeworfen hat, einseitige Beschäftigung mit Mundartenstudium, scheint gegen andere nicht zu sprechen. Ohne daß ich etwa Rohlfs’ Tüchtigkeit in Zweifel ziehen möchte­, bedrückt es mich doch, daß der Jüngere und später Habilitierte mir vorgezogen wird. Und ich glaube doch dargetan zu haben, daß ich nicht so einseitig bin, wie man mich manchmal hinstellen möchte. Vor wenigen Wochen erst ist mein drittes Buch |2| über „Das altfranzösische Epos. Zur Stilgeschichte und inneren Form der Gotik” herausgekommen.1 Zu spät! Es hat mir auch nichts genützt. Ich habe mich eben im Falle Tübingen überzeugen können, daß die Berufungskommissionen an sich wohl fast immer völlig urteilslos sind und daß es einzig auf persönliche Empfehlungen ankommt. ich bin aber völlig isoliert, niemand wird gegebenenfalls für mich eintreten. Mein Lehrer Meyer-Lübke betrachtet meine „Sprachw. u. Zeitgeist” als einen Abfall und sie war mir nie recht grün.2 Vossler aber hat gar keinen Einfluß, da er nicht einmal Lerch weiterbringt. Ich muß sagen, ich sehe der Zukunft mit Sorgen entgegen, denn meine Stellung in Freiburg ist alles andere als eine Lebensstellung: meine Bezüge stammen aus dem Ital. Lektorat. Die Bemühungen Hess’, mir ein bezahltes Extraordinariat zu verschaffen, sind nicht durchgedrungen zufolge von Finanzknappheit in Baden.

Aller Voraussicht nach wird also Winkler von Innsbruck nach Tübingen gehen. Nach dem jetzigen Stand der Dinge hätte ich dann dort trotzdem keine Aussichten, falls die voriges Jahr gemachte Liste in Kraft tritt (1. Brüch, 2. Urtel, 3. von Wartburg). Macht man aber eine neue Liste, da das Ministerium ja doch keine zwei Professuren mehr in Innsbruck unterhalten wird, so werden wahrscheinlich Winkler und Gamillscheg wieder gegen mich arbeiten. Warum nur? Sie schrieben mir z.Zt., wenn Garnter noch lebte, hätten Sie ein Wort für mich einlegen können. Haben Sie nicht doch noch irgendwelche Beziehungen in Innsbruck, etwa den Germanisten Schatz oder den Sprachvergleicher Kalinka? Und wenn ja, dürfte ich Sie bitten, ein Wortlein für mich zu verwenden? Verzeihen Sie, daß ich Sie mit dieser Bitte belästige. Ich täte es nicht, wenn ich noch das geringste Vertrauen darauf hätte, daß in akademischen Dingen sich die Machtlosigkeit durchsetzt. Jedenfalls würden Sie mich zu sehr großem Dank verpflichten.

Da auch noch rein menschliche Enttäuschungen in den letzten Wochen über mich gekommen sind, war ich in letzter Zeit mit den Nerven so herunter, daß ich von der geplanten Studienreise nach Frankreich zunächst für einige Tage Erholung suche. Dann will ich über Dijon nach Paris und vielleicht am Ende noch nach Südfrankreich und Spanien.

In steter Verehrung

Ihr sehr ergebener

FriedSchürr


1 Schürr (1926) .

2 Das „sie” bezieht sich wohl auf Meyer-Lübkes Frau, die starken und nicht immer erfreulichen Einfluß auf ihren Mann hatte.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10390)