Hugo Schuchardt an Peter Rosegger (03-s_n)

von Hugo Schuchardt

an Peter Rosegger

Graz

22. 10. 1904

language Deutsch

Schlagwörter: Alighieri, Dante

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Peter Rosegger (03-s_n). Graz, 22. 10. 1904. Hrsg. von Bernhard Hurch (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2596, abgerufen am 17. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2596.


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Graz, 22 Okt. 1904

Hochgeehrter Herr,

Als ich gestern in Ihrem INRI las, kam mir der Gedanke Ihnen ein paar Gedanken von mir mitzuteilen. Nicht als ob ich Sie dadurch veranlassen wollte mir zu schreiben. Gott behüte! Ich möchte mich nur, wie durch einen Stossseufzer, erleichtern und — doch davon am Schluss!

Sie sehen nur den Tag wo ich auch die Nacht sehe, Sie sehen nur den leuchtenden Palast wo ich auch die schaurigen Kerker sehe die ihm als Grundfeste dienen müssen. Ich meine dass derselbe Mund der uns die ewige Liebe, uns auch, der |2| biblischen Überlieberung zufolge, die ewige Verdammnis verkündet hat; die ist nicht zu verschweigen, nicht auszuschalten, nicht umzudeuten, und wer daran nicht glaubt, heisst nicht Christ. Wie aber lässt sich das Entgegengesetzte miteinander vereinen? Die Theologen haben es versucht; aber ihre Spitzfindigkeiten würden, wenn sie irdische Dinge beträfen, nicht einmal angehört werden; es ist als ob sie aus Spinnweben eine Brücke über einen Abgrund bauen wollten. Mysterium! Wunder! Gut wenn es nur eines für den Verstand wäre, aber es ist auch eines für das Gemüt. Durch diesen Glauben an endlose Qualen des jenseits sind von jeher die Herzen verhärtet worden, nie sind ärgere Grausamkeiten begangen worden als gegen die von denen man wähnte |3| dass sie sicher verdammt seien; man steckte eben das Höllenfeuer für sie nur einige Augeblicke früher an.

Das Herz des einfachen Menschen, das Herz des Kindes lehnt sich gegen diese Lehre auf. Ich entsinne noch wie ich mit jenem Landgrafen von Thüringen fühlte, der einer Aufführung des geistlichen Schauspiels von den klugen und den törichten Jungfrauen beigewohnt hatte und als auf der Bühne die letzteren mit ewigem Fluch beladen worden waren, dem ewigen Wahnsinn verfiel. Nicht die Furcht dass man selbst dereinst zu den „Linken” gehören könnte, spricht am Lautesten, nein, vielmehr die Verzweiflung dass es überhaupt „Linke” gibt, für ewige Zeiten Verurteilte.

Sie kennen die Inschrift welche Dante auf die Pforte |4|der Hölle setzte: Sie ist dichterisch das Grossartigste was sich denken lässt, aber eben deshalb weil sie die Trostlosigkeit in der Vollendung darstellt.

Möge ein andrer Dichter, aus der Tiefe seines Gemütes heraus, den geängstigten Seelen - nicht der meinigen - Trost spenden.

Ihr ganz ergebener
Hugo Schuchardt

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv“ erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Landesbibliothek Graz. (Sig. s_n)