Johann Urban Jarnik an Hugo Schuchardt (28-05092)

von Johann Urban Jarnik

an Hugo Schuchardt

Prag

14. 12. 1916

language Deutsch

Schlagwörter: language Rumänisch Jireček, [Josef Konstantin] Asbóth, Oszkar Schuchardt, Hugo (1916) Schuchardt, Hugo (1916) Weiss, Brigitta (1986)

Zitiervorschlag: Johann Urban Jarnik an Hugo Schuchardt (28-05092). Prag, 14. 12. 1916. Hrsg. von Luca Melchior (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2564, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2564.


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Hochgeehrter Herr Collega,

Empfangen Sie meinen besten Dank für das überaus interessante Schriftchen1. Ich gestehe auch, dass meine Sendung in der Erwartung zu Stande kam, dass Sie so freundlich sein werden, mir als Entgelt diese Ihre wertvolle Arbeit zu senden.2

Zufälligerweise las ich darüber in der Anzeige der Wiener Akademie, wo zugleich auch Dr Lambertz's Bericht über seine Reise nach Albanien3 abgedruckt ist. Prof Jireček4 war so freundlich mir die Sache allzugleich zu senden, während Dr Lambertz5, wie er mir schreibt, noch immer die Erhaltung derselben abwartet, um mir und meinem Sohne, der sich ebenfalls fleissig mit der rumänischen und albanesischen Sprache beschäftigt, je ein Exemplar zu senden.

Dieser mein ältester Sohn Namens Hartwig, hat seine Univ.-Studien in Wien absolviert, wo er sich auch |2| den Doctortitel (aus der romanischen Philologie) erwarb. Seit etwa 14 Jahren weilt er als Beamter der Landesbibliothek in Brünn, seit November v.J. ist er in Iglau, wo er zuletzt die Officierschule besucht, nachdem er früher 8 Monate lang für waffenunfähig erkannt wurde.

Die rumänische Volkssprache hat er sich in dem Maasse angeeignet, dass dies allgemeine Bewunderung erregt, ich kann mich in dieser Beziehung keineswegs mit ihm messen. Schade nur, dass er gar zu genau ist und daher selten dazu kommt rumänisch zu schreiben.6

Ihre Arbeit interessiert mich auch persönlich. Ich habe nämlich beschlossen, über meine rumänischen Studien in böhmischer Sprache einen längern Artikel zu schreiben (eigentlich habe ich es schon getan) und dann will ich eine Bibliographie meiner Arbeiten über Rumänisch und rumänisch geschriebener Artikel zusammen stellen. Auch diese Arbeit ist bereits fertig, es erübrigt nur |3| den wesentlichsten Inhalt derselben hinzuzufügen und die Sache wird sich glaube ich gut praesentieren.

Ich habe im Mai l. J. mein 68tes Lebensjahr erreicht und werde kaum noch etwas Grösseres leisten können, daher kann es mir erlaubt sein, einen Rückblick zu thun.

Hier ist es um so angezeigter, nachdem die rum. geschriebenen Sachen unserem Publicum ganz und gar unbekannt sind.

Ausserdem benütze ich die Gelegenheit meine magyarischen Kenntnisse aufzufrischen. Ich habe nämlich genau vor 50 Jahren nach dem Kriege, als zwei magyarische Maroden in meinen Geburtsort Pottenstein a. A. kamen, zum ersten Mal als absolvierter Quartaner das Studium des Magyarischen begonnen.7 Später habe ich den Prof Oskar Asbóth8 aus Pest, der zwei Sommer hindurch bei uns die Ferien zubrachte, kennen gelernt und dann mit ihm böhmischen Briefwechsel geführt, welche Briefe er magyarisch beantwortete. |4| Vor einem Jahre habe ich diese seinen Briefe durchgenommen und auf dieser Grundlage weiter gebaut. Besonders zahlreiche Volkslieder habe ich gelesen und übersetze sie ins Böhmische.

Schade nur, dass ich nicht um 20 oder wenigstens 10 Jahre jünger bin.

Nun muss ich jedoch schliessen, ich fürchte ohnehin Sie mit meinem langen Schreiben belästigt zu haben.

Hochachtungsvoll
Prag 14. December 1916.
DrJohann Urban Jarník
Prag 549. II


1 Aus dieser spärlichen Angabe ist schwer nachzuvollziehen, um welche Schrift es hier geht. Im Jahre 1916 veröffentlichte Schuchardt jedoch nur zwei längere Arbeiten, die Berberische Hiatustilgung (Schuchardt 1916a) und das Verzeichnis seiner eigenen Druckschriften (Schuchardt 1916b); es ist wahrscheinlich, dass es sich um eins von diesen zwei Werken handelt.

2 Es ist nicht klar, was Jarník Schuchardt zusandte. Es könnte sich um das Schriftchen Jarník (1916) handeln, das jedoch nicht (mehr) in der schuchardtschen Bibliothek verzeichnet ist (vgl. Weiss 31986).

3 Lambertz (1917) .

4 Wahrscheinlich handelt es sich um den österreichischen Slawisten, Historiker und Balkanologen tschechischer Herkunft Konstantin Jireček (1854-1918).

5 Maximilian Lambertz (1882-1963), österreichischer Albanologe.

6 Dies schildert Jarník ausführlich auch in Drumul pe care am mers ( Jarník 1909 : 852-854), vgl. auch Gorovei (1938: 9).

7 Vgl. Jarník (1909: 1231-1233).

8 Oszkar Asbóth (1852-1920), Slawist, mit dem Schuchardt korrespondierte (00176-00200); vgl. dazu Jarník (1909 : 1233).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05092)