Johann Urban Jarnik an Hugo Schuchardt (22-05086)

von Johann Urban Jarnik

an Hugo Schuchardt

Wien

12. 02. 1879

language Deutsch

Schlagwörter: Gebr. Henningerlanguage Albanisch Hasdeu, Bogdan Petriceicu Mussafia, Adolf Gröber, Gustav Schuchardt, Hugo (1880) Miklosich, Franz (1870) Miklosich, Franz (1871)

Zitiervorschlag: Johann Urban Jarnik an Hugo Schuchardt (22-05086). Wien, 12. 02. 1879. Hrsg. von Luca Melchior (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2558, abgerufen am 10. 06. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2558.


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Hochgeehrter Herr Professor!

Ich muss mich beeilen, diese Zeilen an Sie zu richten, falls ich will, dass Sie von denselben noch in Graz getroffen werden.1 Vor allem meinen besten Dank für die gütige Zusendung Ihrer werthvollen Bemerkungen zu Hasdeu2 sowie auch dafür, dass Sie Ihrem Versprechen gemäss zu Ende meinen Namen genannt haben3. Sehr freut mich es, dass Sie dieselben auch Cihac haben zukommen lassen denn dieser war ganz unglücklich darüber, dass er wer weiss wie lange auf dieselben werde warten müssen und zugleich erbittert gegen Hasdeu, dass er das Publicum auf diese Weise zum besten zu halten sich erlaubt. Was die Druckfehler betrifft, so können Sie darauf rechnen, dass ich alle, die mir aufgefallen sein werden sorgfältig verzeichnen werde.

Was mein Albanesisches betrifft, so wird sich die Sache allerdings bis Herbst ver|2|ziehen und ich werde daher von Ihrem Rathe noch Gebrauch machen können. Mit der dozon'schen Chrestomathie4 bin ich ganz desperat: in den von ihm abgedruckten Märchen gibt es doch ziemlich viele Ausdrücke, welche mein Albanese nicht versteht und wo es sich nicht schon aus dem Context ergibt, in welcher Bedeutung das oder jenes Wort zu nehmen ist. Warum hat Dozon auch hier nicht eine Übersetzung geboten oder warum hat er sein Vocabulaire zu gleicher Zeit nicht veröffentlicht? Gibt es denn keine anderen prosaischen Texte, zu denen eine Übersetzung gegeben wurde und besonders solche, deren sie [sic] eine Erwähnung thun, die nämlich zugleich gegisch und toskisch vorliegen? Könnten Sie vielleicht so freundlich sein, mir aus Ihrer Bibliothek etwas Derartiges zu leihen? Was die hiesige Universitätsbibliothek besitzt, habe ich Alles genommen, das ist aber nicht viel; es ist dies Xylander5, Lecce6 Hahn, dottrina cristiana7, Miklosich8, Camarda (aber leider bloss die Grammatik9, |3| nicht die Chrestomathie10), Jubany11 und Dozon.

Gestern hat er mir eine Anzahl mitunter recht kerniger und meistens in Reimen abgefassten Räthsel gebrauch [sic], sowie auch das Bruchstück (so viel er sich hat erinnern können) eines Kirchenliedes, welches das Werk der Erlösung besingt,12 versprach mir jedoch seinem Bruder zu schreiben, damit er mir das Ganze und vielleicht auch noch Anderes schicke.

Den Rossi13 habe ich leider nicht und ebensowenig scheint ihn die Bibliothek zu besitzen; haben Sie ihn vielleicht?

Vergangenen Montag sah ich mich gezwungen auf das Vergnügen, dem Herrn Prof. Mussafia Gesellschaft zu leisten, verzichten zu müssen, da ich Halsschmerzen hatte, weswegen ich auch heute noch nicht ausgehe, weiss daher nicht, ob Gröber14 und in welchem Sinne geschrieben hat. Falls Sie ihm die gewünschten Zeilen noch nicht geschickt haben, bitte ich noch dieses Opfer bringen zu wollen.

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Wie steht's denn mit den Briefen? Werden Sie sich dieselben nachsenden lassen? Bestimmen Sie keinen Ort, wohin man Ihnen Briefe schicken könnte und woher Sie sich dieselben wenigstens in einer gewissen Zeit immer nachsenden lassen. Ich für meinen Theil thue dies so, dass ich meinen Geburtsort Pottenstein in Böhmen als denjenigen Ort angebe, wohin alle an mich adressirten Briefe, wenn ich auch am andern Ende der Welt bin, mich gewiss finden. Es könnte sein, dass ich Ihnen von Rumänien etwas Interessantes mitzutheilen hätte und daher bitte ich, falls Sie überhaupt während Ihrer Reise sich nicht ganz isoliren wollen, mir die diesbezügliche Adresse mittheilen zu wollen.

Schliesslich wünsche ich viel Glück auf dem weiten Weg und

zeichne mit besten Grüssen

Ihr ergebenster

Wien am 12. Februar 1879.
JohUrb. Jarník


1 Denn Schuchardt hielt sich 1879 sechs Monate in Spanien auf (cf. die Einleitung zur vorliegenden Edition sowie Brief 05081 und die dazu gehörigen Fußnoten).

2 Schuchardt (1880), vgl. Brief 05079 und die dazu gehörigen Fußnoten.

3 "In Bezug auf părinătele u.s.w. verdient die Ansicht Dr. Jarnik's in Wien beachtet zu werden, dass das ă die Lautbarkeit des vor Konsonanten ja oft verdunkelten n (s. S. XIII) hervorheben sollte." (Schuchardt 1880, XLIV).

4 Dozon (1878) .

5 Xylander (1835) .

6 Lecce (1716) .

7 Es handelt sich um das erste im toskischen Albanischen gedruckte Werk, die 1592 in Rom veröffentlichte Übersetzung der dottrina cristiana durch den sizilianischen Geistlichen albanischer Sprache Lekë Matrënga / Luca Matranga, welcher "[c]on questa opera religiosa, Matranga desiderava venire in aiuto agli Arbëreshë di Piana e anche della Sicilia, della Calabria e delle altre colonie arbëreshe d'Italia, perché imparassero la dottrina della fede nella loro lingua" ( Berisha 2004 : 39f.). Zu Matrënga und seinem Werk vgl. Matzinger (2006) , der auch eine kritische Edition des Textes bietet.

8 Miklosich ( 1870- 1871).

9 Camarda (1864) .

10 Camarda (1866) .

11 Jubany (1871) .

12 Aus diesen spärlichen Angaben ist leider nicht möglich zu schließen, um welche Werke es sich handelt.

13 Rossi (1875) .

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In den Briefen an Schuchardt Nr. 04028 vom 30.10.1878, Nr. 04029 vom 29.11.1878 und Nr. 04031 vom 01.02.1879 bespricht Gröber die Angelegenheit mit der rumänischen Grammatik. Insbesondere im letzten dieser Briefe ist zu lesen:

"Verehrtester Herr College.

Dasz Sie definitiv von der Rumän. Gram. zurückgetreten sind, erfahre ich erst durch Ihre freundl. Zeilen. Den Ton der Foerster'schen Postkarten kenne ich zur Genüge aus der Zeit meiner Correspondenz mit ihm, - à la canaille pflegt er darauf mit dem Adressaten zu verhandeln: so wird wohl auch die Karte an Jarník gehalten gewesen sein. Unendlichen Verdrusz werden Sie sich durch den Entschlusz zum Rücktritt erspart haben, unendliche Demüthigungen wird F. J. ferner zu bereiten wissen. Dasz Jarník in das Henninger'sche Unternehmen einträte würde ich nur willkommen heiszen; aber es könnte nur in Cooperation mit Gaster geschehen, der ja von Gebr. Henninger in petto gehalten wird, für den Fall, daß Jarník's Gr. auf Hindernisse stiesze. Ich glaube auch, daß Gaster noch zu bestimmen wäre gemeinsam mit Jarník zu arbeiten, wenn sich nur ein Modus für die Cooperation finden liesze, bei dem Jedem des Seine bliebe, - darauf legt G. leider mehr Gewicht, als ich erwartet hätte. Ich habe Mussafia dies mitgetheilt, in der Hoffnung, daß er mit Jarník u. dieser dann mit G. über die Art des Zusammenarbeitens zu verhandeln geneigt wäre. Freilich bleibt bei dem Eintritt Jarníks in das Henninger'sche Unternehmen immer noch eine Schwierigkeit. Die Gebr. H. haben mehrerlei von Foerster übernommen: Aiol, Altfrzös. Bibl., und würden sich vielleicht scheuen, um F's Zorn nicht auf sich zu laden, mit Jarník in Verbindung zu treten, nachdem er sich von Foerster losgemacht hat. Doch käme das auf eine Anfrage bei H. an. – Bis vor 2 Tagen, wo ich Gaster sprach, kann F. noch keinen Schritt gethan haben um G. für die Flittnerschen Grammatiken zu gewinnen. G. würde einen Antrag von F. jedenfalls nicht ohne meine Zustimmung annehmen. Sie zu geben würde ich gern bereit sein, wenn für Jarník dadurch alle Schwierigkeiten beseitigt würden, dann träte die Concurrenz zwar ein, aber J's bisherige Bemühungen wären doch nicht vergebliche gewesen: Vielleicht ist dies die einfachste Lösung der Frage. Sie würden auch durch Mittheilung Ihrer Meinung hierüber sehr erfreuen; für Gasters Entscheidung würde sie jedenfalls maszgebend sein" (ich danke Katrin Purgay für die Hilfe bei der Transkription).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05086)