Tullio Erber an Hugo Schuchardt (09-02766)

von Tullio Erber

an Hugo Schuchardt

Zara

04. 10. 1884

language Deutsch

Schlagwörter: Sachwortforschung Netzelanguage Italienisch

Zitiervorschlag: Tullio Erber an Hugo Schuchardt (09-02766). Zara, 04. 10. 1884. Hrsg. von Birgit Dorn (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2521, abgerufen am 15. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2521.


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Zara am 4. October 1884.

Sehr geehrter Herr!

Wollen Sie mir gütigst eine väterliche Verzeihung dafür gewähren, dass ich erst heute Ihre zwei freundlichen Briefe beantworte, die ich auf meinem Sommersitze richtig erhalten habe, während ich dort dem wildesten Fischer= und Matrosen=Leben zum Schrecken meiner Mutter ganz ergeben war, da dieselbe in der Meinung lebt, dass wir Professoren leichter als andere ertrinken. In dieser liebevollen Pacifications=Epoche wäre es wirklich schade, den h. Petrus um Gastfreundschaft, natürlich in slavischer Sprache, anzugehen. Ich bedaure von Herzen, dass es |2| Ihnen in den Ferien nicht besonders gut gegangen ist und hoffe, dass die Villacher= Luft Ihnen gut angeschlagen habe. Ich habe mir alle Mühe gegeben, die von Ihnen gewünschten Erkundigungen in’s Clare zu bringen, aber leider vergebens, da viele von Boglić1 angeführte Ausdrücke lokaler Natur und deshalb in Oltre2 nicht bekannt sind. Ich habe mich daher an ihn, den wüthenden Naturforscher gewendet dürfte aber noch lange auf eine Antwort warten, da dort gerade jetzt die Weinlese in vollem Gange und er ein bedeutenden Gutsbesitzer ist. Bis dahin wollen Sie sich gütigst mit dem begnügen, was meine Wenigkeit diesbezüglich leisten kann, ich sage aber im voraus, dass es wenig ist. |3|

Von den Schiffsausdrücken kenne ich nur stroppo = ein kreisförmig gebundener Strick, welcher das Ruder festhält und an dem schermo (einem Stücke Holz) befestigt.

Beim Netze versteht man unter occhi die Maschen, und je nachdem dieselben größer oder kleiner sind, sagt man hier rete ad occhi grandi, und rete ad occhi piccoli. So, und jetzt bin ich fertig, trotzdem ich von Jugend auf am Meere gelebt habe. Sobald ich aber etwas von Boglić erfahre, werde ich gleich schreiben und zwar viel fleißiger als in den Ferien, wo ich schändlich faul gewesen bin.

Bestens grüßend verbleibe ich

Ihr

ergebenster

T. Erber


1 Jakov Boglić (1826-1897) studierte Theologie in Zadar und Dubrovnik und war von 1853-1883 Gymnasiallehrer in Zadar. Von Boglić wurde auch ein Werk zur Geschichte der Insel Hvar verfasst ( Boglic, 1874 )(vgl. Ravlić 2000, s.v.). Weiters wird Boglić als Verfasser eines Teils des im Nachlass enthaltenen Manuskripts (Nachlass Schuchardt, Werkmanuskript 1.1.3.1) über Hvar genannt.

2 Italienischer Name für den Ort Preko (vgl. Alberi, 2008: 1677).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02766)