Tullio Erber an Hugo Schuchardt (07-02764)

von Tullio Erber

an Hugo Schuchardt

Zara

13. 06. 1884

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachkontaktphänomene phonolog. Prozesse / Lautentsprechungen / Korrelationenlanguage Italienischlanguage Slawische Sprachen

Zitiervorschlag: Tullio Erber an Hugo Schuchardt (07-02764). Zara, 13. 06. 1884. Hrsg. von Birgit Dorn (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2519, abgerufen am 16. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2519.


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Zara am 13./VI. 84.

Sehr geehrter Herr!

In Erwiderung auf Ihre freundliche Correspondenz-Carte erlaube ich mir Ihnen folgendes mitzutehilen.

Die slavische Betonung mlikárica, kabánica u.s.w. wird im Italienischen in kabaníca (eigentlich gabaníza) und mlicarízza geändert. Das Umgekehrte ist bei der Aussprache der ital. Wörter im Slavischen der Fall, und zwar: ital: capitáno = slav. kapétan; ital. conversazíone = slav. konversácion; ital. colóre = slav. kólur; ital. letteratura = slav. literátura; ital. geografía = slav. geográfia u.s.w. alle Subst: auf ia. Ueber diese Betonung habe ich mehrere Sachverständige interpelliert, und von diesen wurde mir die Versicherung zu Theil, dass sich diese Betonung auf dem ganzen |2|Festlande Dalmatiens unverändert verhält. Anders verhält es sich hier mit den Inselbewohnern. Diese sagen: kapetán, kolúr, profešúr etc. und versetzen den Accent auf die letzte oder vorletzte Silbe auch bei rein slav. Wörtern, z.B. ljubít(i), dažit(i), molít(i), gospodaríca, kerimá, etc |: auf dem Festlande dážiti1 =regnen (wenig gebräuchlich) (móliti bitten), gospodárica = Herrin, Frau; kríma =Wirtshaus etc). – Diese Betonung ist auch den Inselbewohnern auf Lussin, Cherso, etc. eigen, nur dass dort die Endung i des Infinitivums ganz wegfällt, während sie hier nur sehr schwach gehört wird.

Konversacíjon kommt mit dieser Betonung hier nicht vor. Klúka ist hier sehr gebräuchlich. Mir kommt es, dass die Inselbewohner das a sehr oft wie ua aussprechen? Ich habe einst von einem Lusinianer gehört: Bili smo jo, moj brôt, pop Ivon, i još |3|jedon, statt bili smo ja moj brat, pop Ivan, i još jedan = es waren ich, mein Bruder, der Pfarrer Johann und noch einer. Ich weiß nicht ob ich Ihnen gesagt habe dass auf den Inseln slav. Wörter vorkommen, welche am Festlande unbekannt sind z.B. segutra für das kroat. jutros= heute früh. Dagegen ist die alte Form Šu Marak (sveti Marak) = heiliger Markus; Sutomišćica (sveta Eufemia) etc. auch am Festlande bekannt.

Und nun lasse ich Sie, in Gottes Namen, in Ruhe!

Mit besten Grüßen

Ihr

ergebenster

T. Erber

P.S. Von Herrn Prof. Tilgner2 folgen viele Empfehlungen. Dieser Mensch findet keine Worte, um die Güte und Freundlichkeit der Grazer Universitäts-Professoren genug zu schildern. Er ist wahrhaft überglücklich.


1 daždjeti = ’regnen’ (Jakić & Hurm, 1999: 84).

2 Ein Prof. Tilgner wird im vorherigen Brief erwähnt.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02764)