Adolf Mussafia an Hugo Schuchardt (55-07674)

von Adolf Mussafia

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

26. 02. 1890

language Deutsch

Schlagwörter: Universitätsangelegenheiten Universität Wien Berufungen Österreichische Akademie der Wissenschaften (Wien) Romanische Philologie Lotheissen, Ferdinand Cornu, Julius

Zitiervorschlag: Adolf Mussafia an Hugo Schuchardt (55-07674). Unbekannt, 26. 02. 1890. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2385, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2385.


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Bester Freund!

Dein Schreiben hat mich ebenso überrascht als betrübt. Ich hätte nie geahnt, dass die von mir unternommenen Schritte Dich unangenehm berühren könnten. Stünden wir in regerem brieflichen Verkehr, so hätte ich Dir gelegentlich von meinem Vorhaben Mittheilung gemacht. Bei meiner Brieffaulheit bot sich mir dazu kein Anlass. Von einem Verschweigen, sei es mit Vorbedacht oder nur aus Nachlässigkeit |2| kann die Rede durchaus nicht sein. Um Dir die Sache genau darzustellen, muss ich etwas weiter ausholen.

Schon als Lotheissen das Extraordinariat für nur französische Sprache u. Litteratur anstrebte, hat sich die Facultät gegen eine solche zu weit getriebene Specialisierung entschieden ausgesprochen. Sie meinte mit Recht, dass bei solchem Gebaren aus der romanischen Philologie leicht ein Dutzend Lehrkanzeln herausgeschnitten werden könnten. Nach Lotheissens Hinscheiden1 blieb die Facultät ihrem Grundsatze treu, u. als sie um die Wiederbesetzung des Extraordinaria|3|tes ansuchte, so verlangte sie ausdrücklich, dass der Neuangestellte imstande sei, das ganze Gebiet zu vertreten u. dem augenblicklichen Bedürfnisse nach Vorträgen über neufranzösische Litteratur (da der jetzige Ordinarius Vorträge über diesen Gegenstand zwanzig Jahre hindurch nicht halten konnte und in seinen alten Jahren nicht halten will) dadurch entsprochen wurde, dass dem neuen Extraordinarius die Pflicht auferlegt wurde, wenigstens jedes zweite oder dritte Semester ein Hauptcollegium über den Gegenstand zu lesen. Dies schien |4| völlig hinreichend. Denn wenn der Candidat, der 8 Semester an der Universität zubringt, 3 oder 4 solche Collegia hört, so braucht er nicht mehr. Dafür sollten Ordinarius u. Extraordinarius in die Lage versetzt werden, auch andere Sprachen als die französische zu berücksichtigen, wodurch endlich die dem Wesen u. den Zielen der Universität widersprechende Bevorzugung des französischen, wenn auch nicht ganz aufgehoben, so doch wesentlich vermindert sein würde. Unter solchen Verhältnissen musste ich von jenen Herren absehen, (ich brauche keine Na|5|men zu nennen), die sich schon an uns gedrängt hatten, um Lotheissens Erbschaft in seinem Sinn u. seiner Art anzutreten. Es war meine Pflicht, unter den jungen Romanisten Umschau zu halten, um möglichst den Bedeutendsten zu gewinnen. Ich gestehe Dir dass ich da keinen Augenblick zögerte u. bin überzeugt, dass Du der erste sein wirst, meine Wahl zu billigen. Ein paar Freunde, die mir aufrichtig zugethan sind, haben zwar die Besorgnis ausgesprochen, dass ich von der |6|jungen u. wie es scheint etwas stürmischen Kraft leicht in den Hintergrund geschoben werden könnte; ich bin bescheiden genug, um diese Möglichkeit als sehr wahrscheinlich anzusehen, würde es aber vor mir selbst nicht verantworten können, wenn ich aus solchen persönlichen Rücksichten die Berufung eines bedeutenden Mannes unterlassen hätte. Hätte ich dies aus Rücksichten für meine Kollegen thun sollen? Vielleicht, wenn deren Interessen wirklich gefährdet würden. Ich kann dies aber nicht zugeben. |7| Schon bei meiner ersten Anfrage an M.2 schrieb ich ihm: "Sie kommen unter günstigen Auspicien; in nicht gar langer Zeit trete ich ab, und da auf das Ordinariat in Wien Sch.3 oder, falls er ablehnt, Cornu die berechtigte Anwartschaft hat, so sind Sie sicher, nach Graz oder Prag zu kommen." Dasselbe wiederholte ich in der Commissionssitzung. Es versteht sich von selbst, dass, wie der Augenblick kommen wird, in welchem ich Vorschläge für das Ordinariat zu erstatten haben werde, sie lediglich in diesem |8| Sinne lauten werden.

Nur in einem Falle könnte man mein Vorgehen als unzeitgemäß bezeichnen, wenn ich schon jetzt beim Abschluss meiner dreißigjährigen Dienstzeit um meine Pensionierung einzukommen gedächte. In solchem Falle könnten meine Collegen mir vorhalten, dass ich ihren Wünschen und Entschlüssen nicht vorgreifen sollte. Wer an meine Stelle gekommen wäre, der hätte am besten entschieden, ob er einen Extraordinarius braucht und welchen. Nun aber gestehe ich |9| Dir, dass sich auch bei mir bewahrheitet hat, was bei so vielen Menschen geschieht: man fasst einen Entschluss für die Zukunft; wie der Zeitpunkt kommt, ihn auszuführen, dann wird man wankend. Dazu kommt, dass Gottlob! meine Schmerzen seit ein paar Jahren viel milder sind, so dass ich es für ein Unrecht hielte, nicht mein Pfund voll zu zahlen und, so lange ich kann, wenn auch vielleicht in etwas bescheidenerem Masse, meine Pflicht weiter zu erfüllen.

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Ich hoffe, lieber Freund, dass diese offenherzige u. aufrichtige Schilderung der Verhältnisse jede Bitterkeit, die etwa in Dir aufgekommen wäre, verscheuchen werde; sei überzeugt, dass nichts mich mehr kränken würde als der Gedanke, dass Du mir auch nur einen kleinen Theil Deiner bewährten Freundschaft entziehen könntest. Ich würde es um somehr empfinden, je unschuldiger ich bin.

Die Wehmuth, welche aus Deinen letzten Zeilen spricht, |11| schreibe ich wohl der momentanen Verstimmung zu; Du hast doch kein Recht zu klagen, weder über Deine Leistungsfähigkeit noch über den Beifall, dessen sich Deine Arbeiten erfreuen.

An die Ak. denke ich sehr angelegentlich; ich habe schon einige einleitende Schritte gemacht; leider scheint heuer wieder die Statistik in Mode zu kommen.

Herzliche Grüsse von mir u. meiner Frau

Dein treuer

A Mussafia

26/2 90


1 Ferdinand Lotheissen war am 19. 12. 1887 gestorben.

2 Es handelt sich um Wilhelm Meyer-Lübke (1861 - 1936), der mit 1. April 1890 zum außerordentlichen Professor für romanische Philologie ernannt wurde.

3 Schuchardt.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07674)