Adolf Mussafia an Hugo Schuchardt (41-07662)

von Adolf Mussafia

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

1881

language Deutsch

Schlagwörter: Universitätsangelegenheiten Gesundheit Einladunglanguage Altfranzösisch Schipper, Jacob Koschwitz, Eduard

Zitiervorschlag: Adolf Mussafia an Hugo Schuchardt (41-07662). Unbekannt, 1881. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2368, abgerufen am 02. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2368.


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Bester Freund!1

Es war mir beim besten Willen nicht möglich, den mir festgestellten Termin einzuhalten; denn ich dictire Briefe überaus ungerne, und zum Selbstschreiben kam ich, bei der mir so karg zugemessenen Zeit und bei der grossen Arbeit, welche das Collegium über Syntax2 mir auferlegt, schlechterdings nicht. Ich bedauere es von ganzem Herzen durch ein so langes Stillschweigen Sie so sehr beunruhigt zu haben; die Hauptursache lag aber darin, dass ich selbst in sehr verdriesslicher Gemüthsstimmung mich befand und immer wartete auf die Zeit, da ich Ihnen heiterer hätte schreiben können. Schipper3 hat nicht genau berichtet, wenn er Ihnen schrieb, ich wäre 'gegen Sie verstimmt'; 'verstimmt' allein wäre genug gewesen. Dass die langen Auseinandersetzungen über Koschwitz4, meine Erbschaft u.s.w. mit dazu beitrugen, will ich nicht läugnen; indessen war Diess bei weitem nicht das Einzige. Weit mehr erstaunt u. erbittert war ich darüber, dass K. selbst, mit leiser Anspielung auf meinen Gesundheitszustand, sich mir zur Ubernahme einer Stelle in Wien anbot; ich sah darin, vielleicht mit Unrecht, einen Zusammenhang mit Ihren Besprechungen mit einem Freunde o. Bekannten K's in Radegund. Ich liebe so sehr die Ruhe, alle Redereien bringen mich so leicht aus der Fassung, dass ich durch all diese Briefe, welche wenn auch in verschiedenem Sinne doch alle zum Thema hatten, 'was wird mit Ihrer Stelle werden, wenn Sie einmal das Feld räumen?' ganz melancholisch wurde. Dazu traf die leidige Angelegenheit Loth.'s5, welche mir noch immer viel Galle verursacht, sowol für meine Person selbst als in meiner Eigenschaft als Mitgl. des Collegiums.6 Wir lehnen ihn ganz entschieden ab, u. das Ministerium scheert sich nicht darum u. ernennt ihn, wie es verlautet, gar zum Ordinarius. Es ist zum tollwerden! |2| Dabei bei immer trüber Witterung, oft von Schmerzen geplagt, arbeiten um fünf Stunden wöchentlich über eine Materie zu lesen, für die gar so wenige u. zum theil schwer erreichbare Vorarbeiten vorhanden. Kurz seit October verlebe ich recht unangenehme Tage, die dadurch unangenehmer wurden, dass ich mich in meinem Grolle gegen diese ungewohnten Widerwärtigkeiten einspann und Niemandem schrieb, von Nichts mehr wissen wollte. Jetzt habe ich auf einige Zeit von den Vorlesungen Ruh, L's Sache ist ein fait accompli u. ich schüttle es ab; ich werde ruhiger u. da kann ich Ihnen nunmehr sagen, dass meine Liebe u. Achtung für Sie nicht einen Augenblick sich irgend wie vermindert hat. Ich war etwas unartig aber Sie werden es mir verzeihen. Schreiben Sie mir nicht wieder über diesen tollen Angelegenheiten; ohnehin nützt alles Reden u. Projectemachen nichts; es geschieht was Intrigue, Zufall u.s.w. will u. das ganze Bettel ist nicht werth, dass man sich darum auch nur eine Viertelstunde des Lebens verbittere.

Also noch einmal vergessen wir beide die unerquickliche Episode u. bleiben was wir immer gewesen; herzlich mit einander verbunden in der Liebe zur Sache u. in der Verachtung gegen alle Äusserlichkeiten. Wenn ich immer Ihre Besuche lebhaft wünsche, so wäre es mir eine wahre Freude, wenn Sie den milden Winter benützten u. zu einem Ausfluge nach Wien sich entschlössen; da würden wir uns nach Herzenslust aussprechen!

Leben Sie recht wol

Ihr treuer

A Mussafia


1 Der vorliegende, nicht datierte Brief ist vermutlich im Spätherbst 1881 entstanden.

2 Mussafia hielt im Wintersemester 1880/81 folgende fünfstündige Vorlesung: Historische Syntax der französischen Sprache.

3 Jacob Schipper (1842-1915), Anglist.

4 Eduard Koschwitz (1851 - 1904), Philologe, beschäftigte sich v.a. mit dem Altfranzösischen.

5 Ferdinand Lotheissen (1833-1887), Romanist.

6 Vgl. dazu Kurt Weihs: Geschichte der Lehrkanzeln und des Seminars für romanische Philologie an der Universität Wien, masch. phil. Diss., Wien, 1950 , 87 f.: "Seine wissenschaftlichen Arbeiten [...] und seine zahlreichen Abhandlungen fanden in der Fachwelt gute Aufnahme. Da auch seine Lehrtätigkeit [...] anerkannt wurde, entschloss sich das Ministerium, dem Professorenkollegium die Ernennung Lotheissens zum ausserordentlichen Professor nahezulegen, obschon dieses davon abriet. Doch lag der Grund dafür keineswegs in einer Geringschätzung der Leistungen Lotheissens, sondern darin, dass nach Ansicht des Professorenkollegiums die Disziplin der neueren französischen Literatur ein zu kleines Gebiet repräsentiere um eine selbständige Vertretung an der Universität zu erlangen. [...] Der Kaiser ernannte Lotheissen am 5. Dezember 1881 zum ausserordentlichen Professor der Neueren französischen Sprache und Literatur [...]."

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07662)