Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (412-11167)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

05. 03. 1925

language Deutsch

Schlagwörter: Baskische Studienlanguage Französischlanguage Katalanischlanguage Rumänischlanguage Provenzalisch Meyer-Lübke, Wilhelm Schulze, Wilhelm Schultz-Gora, Oskar Meillet, Antoine Wagner, Max Leopold Spitzer, Emma Neapel Österreich Schuchardt, Hugo (1925) Spitzer, Leo (1926)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (412-11167). Bonn, 05. 03. 1925. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2268, abgerufen am 30. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2268.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 5. III. 1925.

Verehrter lieber Freund,

Ich stehe noch unter dem Eindruck Ihres wirklich adler-artigen Aufsatzes1 – sofern man beim Adler nicht nur die Kühnheit, sondern die ruhige Majestät bewundert, ist das Bild berechtigt –, da kommt auch Ihr Brief. Ich beantworte beide Sendungen, damit Sie, unter der Last 2facher Antwort meinerseits stehend, mir bald wieder schreiben.

Ja, Sie haben wirklich die Fähigkeit, beim Kleinsten das Größte aufzurollen. Mit der Detailfrage verbindet sich gleich der Blick in die Unendlichkeit. Wie Molière arbeiten Sie immer über dieselben Probleme – sie stets tiefer durchgründend und ausweitend; und ein Zipfel zaubert gleich das ganze Gedankengewebe Ihres Lebens herbei. Merkwürdig auch, daß Sie immer am baskischen Zipfel zupfen – ein ungünstigeres Terrain für Beobachtung von Sprachlichem könnte ich persön­lich mir gar nicht denken. Für Sie aber wird in jenem Dunkel alles klar – |2|und damit auch für Ihre Leser. Es ist wohl nicht zu kühn zu behaupten, daß das Baskische Ihnen mehr verdankt als Sie dem Baskischen. Wenn Leute wie M.-L. allein sich mit dieser Sprache beschäftigt hätten, nie wäre sie uns so interessant geworden. Auch die Sprachen – wie die Literaturgrößen – bedürfen erst eines kongenialen Biographen, um uns lebendig zu werden.

Einige Detailkritiken: S.10 "mit artikuliertem Sinne" – diese einst ganz und gäbe Wortbildung meide ich jetzt. Sie klingt mir sehr unschön.

Ob die Frage des Passivismus nicht dadurch geklärt würde, daß Sie von "Indifferentismus" des Verbs sprächen?

S.14 an eine rein äußerliche Vertauschung von 'sein' und 'haben' kann ich nicht glauben (Sie scheinen es ja auch nicht), höchstens an Konvergenz von Konstruktionen wie frz. il eut des crisil a criéil cria, j'ai cr[…], sono stato etc.

Die Parallelen aus dem Kapholländ. passen nicht: es liegt dem "falsche Hypostasierung" durch Einheimische vor, also Mißverständnisse, ähnlich wie in frosch schlagen, das sich wohl ganz anders erklärt als bask. 'Stärke schlagen' (vgl. eher hiemit battre trop, manger force montons, cat. massa 'zu viel').

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S.18 zu μορμώ vgl. noch meinen Artikel in der Ztschr. über frz. marmonset zu pukaé meinen Artikel in Dacoromania III über rum. apucà.

S.19 an m als "Trenner eines Zwillingswortes" kann ich nicht recht glauben, wie ich in einem eben an W. Schulze gesandten Artikel über Schorlemorle2 nachweisen möchte.

S.22 ist eigentlich oştia! außerhalb Triests und Umgebung irgendwo in Italien zu hören?

S.27 Das bask. -tu scheint mir die direkte Fortsetzung des Partizipiums "für Infinitiv" (oder Supinums) im Rumänischen und des ähnlichen altprov. Partizips, das Schultz Gora in der letzten Zeitschrift-Nummer nachweist.

Mein Etymologicum hat mir von Meillet nörgelnde Bemerkungen eingetragen. Ich habe immer mehr das Empfinden, daß dieser Gelehrte stehen bleibt und es der übrigen Welt verargt, wenn sie weitergeht – vielleicht sogar an seinen eigenen Leistungen vorbei.

Jawohl, "Gesinnungsgemeinschaft" ist schön gedacht.

M.L.Wagner – welche Schande für unsere Gesetzgebung. Er ist eben wegen Homosexualia "straffällig" und weilt in Neapel, nachdem er Krach mit der Fakultät gehabt hatte. Ich sandte ihm in den entscheidenden Tagen ein |4| Separatum mit der Aufschrift "In Verehrung und Hochschätzung" oder so ähnlich, um ihm die ewige Solidarität der Wissenschaftler im Augenblick, da ihn die Fakultätler bedrängten, zu bezeugen. Die Antwort ist wohl jene Neapler Sendung.

Ich war in Marburg – keine Wohnung zu finden. Der Kurator, Zentrum des Anti-Spitzer-Widerstandes, kann oder will nicht helfen. So werde ich denn im Mai allein nach Mbg. gehen, ohne Familie und Bücher. Empi fährt dann nach Pfingsten nach Österreich, wo ich sie im August wiedersehe. Pech im Glück – aber doch sind wir froh und werden uns nicht mehr beklagen.

Herzlichste Grüße

Spitzer

In der letzten Nummer des "Hochland" werden unsere Morgensterniaden vom Standpunkt des Katholiken unter skeptische Lupe genommen und wird uns Aufspürung "literarischer Abhängigkeiten" zum Vorwurf gemacht.


1 H.S., "Das Baskische und die Sprachwissenschaft", Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften 202.4 (1925): 1-34.

2 LS., "Singen und sagen – Schorlemorle", in: Zeitschrift für Vergleichende Sprachforschung 54 (1926): 213-223.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11167)