Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (392-11147)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

12. 06. 1924

language Deutsch

Schlagwörter: Antisemitismus Sozialismus Universität Marburg Bloch, Oscar Terracher, Louis Adolphe Spitzer, Emma Spitzer, Wolfgang Gilliéron, Jules Vossler, Karl Lerch, Eugen Paris Polen Wien

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (392-11147). Bonn, 12. 06. 1924. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2238, abgerufen am 23. 03. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2238.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 12. VI. 1924.

Verehrter lieber Freund,

Vielen Dank für Ihre ausführlichen Auskünfte, die Ihnen viel Mühe, Zeit und Anstrengung gekostet haben müssen.

Ich bin nicht ganz Ihrer Ansicht in der Einschränkung unseres Zeitschriftbetriebes und zwar nicht nur wegen meiner persönlichen Hundertarmigkeit, die sich ja in Riesenarmigkeit läutern könnte und sollte, sondern deshalb weil ich meine, wie die Wissenschaft Ordnung ins Leben bringe, so sollte wieder die Wissenschaft selbst von Ordnern höherer Art geordnet werden (den Ihnen nicht und mir auch nicht besonders sympathischen, aber doch nötigen Systematikern). Die Manigfaltigkeit wissenschaftlicher Bestrebungen kann aber doch nur in verschiedenen, national abgestuften Zeitschriften zur Entfaltung kommen.

Ich weiß auch nicht, ob es gerade jetzt, wo die Franzosen ihren politischen Kurs umstülpen – in einer in Deutschland unerhörten Weise –, richtig ist, deutscherseits Absagen zu erteilen.

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Ich glaube, in dem Prospekt Bl-T. steht nur von "tous les romanistes" od. dgl., damit ist das Übernationale ja doch angedeutet u. schließlich kommt alles auf die Durchführung an, die ja nichts zu wünschen übrig läßt. Ich habe in meiner Antwort auf den Prospekt deutlich geschrieben, ein "approuver" meinerseits könne nur unter der Voraussetzung der Mitarbeit von Gelehrten aller Nationen geschehen. Wenn Sie nun absagen, ist meine Mission des praktischen Zusammenbringens von Gelehrten, die einander ja doch brauchen und einander auch nicht feind sind, gescheitert. Wieso Sie in den Geruch des Antisemitismus kommen sollen, ist mir unklar – wenn Bloch Jude ist, so ist es Terracher doch nicht, der im Hintergrund stehende Meillet auch nicht. Daß ein teilnehmender Jude ein Unternehmen zu einem "jüdischen" stempelt, ist überhaupt nur eine traurige Erscheinung unserer Tage. So sind viele Bewegungen, die an sich guten Kern hatten (der Sozialismus z.B.), in Mißkredit gekommen, was für die Menschheit Schaden gebraucht hat. Nun, zum Glück hat man die Relativitätstheorie nicht den Glauben ihres Entdeckers spüren lassen.

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Neulich las ich übrigens einen Artikel Grantoff's (Protestant!), der gleichzeitig mit mir in Paris war und Ähnliches beobachtet hat wie ich: Antisem. gibt es in Frkreich nicht. Gr. erklärt das so, daß der Franzose für Rassenempfindungen keinen Sinn habe: der Abscheu vor Negern z.B. sei gar nicht vorhanden (stimmt auch!). Auch dafür sucht Gr. Erklärungen (Vorwiegen des zentralen Paris usw.), ich glaube man braucht nur den einfachen Satz hinzustellen: "Der Franzose hat weniger rassenmäßig als national bedingte Abneigungen und Zuneigungen" und ihn geschichtlich zu erklären.

Ich bin eben wieder etwas trübsinnig gestimmt. Meine Frau und Kind sollen in ein paar Tagen nach Pörtschach reisen, aber noch weiß ich nicht, wie ich ihr eine brauchbare Kraft mitgeben u. wie ich das Geld für die weite Reise aufbringen soll. Es ist wirklich schrecklich! Unser Kurs kommt heuer nicht zustande: es haben sich nur 2 Teilnehmer fix angemeldet. So ist das ganze Geld für die Propaganda in den Nordländern umsonst gewesen.

Aber auch andere Dinge bekümmern mich. Neulich schrieben Sie einmal, Sie hätten in Ihrem Leben viel an "Interesselosigkeit" gelitten. Ich muß gestehen, seit ein paar Jahren geht es mir auch so. Ich spüre |4|eine Abneigung vor der wissenschaftlichen Arbeit, auch oft vor den sprachwissenschaftlichen Problemen selbst. Gewiß, kommt ein neuer Artikel oder ein neues Haus mir ins Haus geflattert [?] oder sitze ich selbst bei einem bestimmten Artikel oder Problem, so bin ich wie in einem Feuer. Aber dann, wenn das Interesse verflogen ist, sitze ich mit einem stumpfen Gefühl da und suche mich tagelang durch Pseudo-Arbeit hinzuhalten, wenn ich nicht gar mich um Häusliches kümmere. Kurz, die Wissenschaft selbst hat mich auch enttäuscht, nicht nur die Wissenschaftler.

Es kommt eine weitere Erwägung hinzu: ich bin in Marburg (wie ich jetzt höre, tatsächlich ganz als erster, vor den 2 Ergänzungs-Ordinarien) vorgeschlagen auf die Sprachgeographie hin, deren berühmter germanistischer Vertreter Wrede in mir einen Mitkämpfer erwartet. Nun werde ich aber gerade diesen Mann enttäuschen, weil ich mich mit der Sprachgeographie oder Nur-Sprachgeographie Gilliérons nicht befreunden kann u. weil ich tatsächlich mit Vossler (in der Wölfflin-Festschrift) überzeugt bin, daß den besten Einblick ins Werden der Sprache der in die Sprache des Individuums, vor allem des großen Individuums, des Künstlers vermittelt,

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[Einige Zeilen bis zur Unleserlichkeit durchgestrichen]

Ich wundere mich immer wieder über die Gelassenheit, mit der man Unrecht an Juden erträgt (etwa wie man einen Mord an einer Dirne oder Mißhandlung einer solchen nicht so schwer nimmt). Ich verlange seit vielen Jahren nichts als: Recht und zwar individuell auf mich abgepaßte rechtmäßige Behandlung. In einem Staate, der die Gleichheit aller seiner Bürger in die Staatsgrundgesetze aufgenommen hat (anders also als in Russland oder Polen), habe ich das Recht zu verlangen, daß ich nicht für die Schwindeleien jüdischer Schieber verantwortlich gemacht werde: ich habe z.B. nicht gesehen, daß im alten Österreich-Ungarn die polnischen Aristokraten für die polnischen Plebejer verantwortlich gemacht wurden – und ich bin ebenso "Aristokrat" wie ein Graf Korytowsky oder Goluchowsky. Ich habe in meiner Militärzeit gegen die jüdische Clique innerhalb der Reserveoffiziere gekämpft u., wie Sie wissen, ein ruhiges Leben in Wien aufs Spiel gesetzt – weil ich eben selbst jedem |6|Menschen individuelle Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte.

Daß nun ich an erster Stelle als Priv.-Doz. von einer Fakultät vorgeschlagen werde, das Ministerium aber aus Angst vor einer Minorität trotz aller günstigen Auskünfte nicht ohne weiteres die Wissenschaftlichkeit an die erste Stelle rückt, ist eine solche Beschämung, daß selbst hartgesottenen Antisemiten das zu viel wird. Sie können sicher sein, daß dieser Fall von den Bonner Kreisen zum Gegenstand einer blutigen Preßfehde gemacht werden wird, falls das Ministerium nicht fest bleibt. Daß Sie selbst das nicht als eine Beschämung empfinden und mir von den Schwindeleien eines Koofmich im selben Atem sprechen, wundert mich. Fakultäten haben nun einmal das Recht, Politik mit Wissenschaft zu vermischen – aber daß die überparteiliche, demokratische Regierung des erneuten Deutschland einen Schritt wagt, den das Kaiserliche Deutschland verabscheut hätte – ist ein Novum.

Sie meinen, meine Interesselosigkeit sei nur rhythmisch bedingt. Ich denke nicht. Denn schon zwei Jahre ist eine düstere Schwermut über meiner Wissenschaft |7|gelagert (ich kann sie seit Pörtschach 1922 datieren) und wohlgemerkt nicht die Schwierigkeiten des Lebens, nicht die äußeren Erschwerungen sind daran beteiligt. Wozu das alles? frage ich mich.

Zu Ihrer Auseinandersetzung mit Vossler müßten Sie auch Leo Jordan's Contra-Vossler-Aufsatz in der Weberfestschr. "Sprache und Gesellschaft" lesen, mit dem Sie voraussichtlich auf weiten Strecken übereinstimmen dürften. Ich habe gerade mit dem durch V. offenbar auch menschlich gereizten Autor korrespondiert u. mich rückhaltlos für Vossler ausgesprochen. Jordan leugnet die Berechtigung aller irrationalen Bewegungen in der Sprachwissenschaft: nur das Rationale findet vor diesem strengen Aufklärer Gnade. Dabei rechnet er die internationale Hilfssprache unter die "irrationalen" Bestrebungen, wo sie m.E. etwas Rationales ist; dabei sagt er, der Deutsche gehe aufs Wesentliche, der Franzose aufs Formale, wo er als Rationalist gerade mit den Franzosen sympathisieren müßte. Und vor allem vergißt der gute Mann, daß die "Vorurteilslosigkeit der Wissenschaft" genau so eine metaphysische Anschauung ist wie die V.'sche vorurteilsvolle: die Abwesenheit des Emotionalen ist ebenso eine |8|Weltbetrachtung wie die emotionalistische. Der Dichter soll nach Jordan kein Vater sein, das heiße ihn mit "charismatischen" Tugenden ausstatten. Ich schrieb ihm: "Auch bei Ihnen ist Wunderglaube, nämlich der Wunder-Glaube, daß Wunderbares aus Nichtwunderbarem entstehen könne".* Gegen solche Leute ist nun tatsächlich Antisemitismus am Platze, die da dekretieren: Dichtung gibt es nicht, Verstand ist alles.

Bei zurriaga ist mir der onomatopoet. Ursprung sicher. Nur eine genaue Analogie für das -aga-Suffix habe ich noch nicht finden können.

Herzliche Grüße und gute Besserung

Leo Spitzer

* Wenn man das "an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" zu Grunde legt, so muß jedermann zugeben, daß seit Vossler die Behandlung stilistischer Probleme erst möglich geworden ist, allerdings besitzt V. selbst nicht die nötige Akribie dazu: Lerch übertrifft ihn hierin, u. ich glaube unabhängig von Vossler, ebenfalls zur Erfassung stilistischer Wertigkeiten vorgedrungen zu sein, die aber nur dadurch Interesse finden konnte (wenn sie es fand!), daß V. theoretisch den Weg bereitet hatte.

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1) daß, wenn mir ein von einer Feuerbrunst geschädigter, an der ich wenigstens nicht ganz unschuldig bin (ich meine "ich"="der Deutsche"), zum Zeichen dafür daß wir die Schuldfragen nicht mehr erörtern, sondern gemeinsam wiederauf­bauen sollen, eine Zigarette reicht, diese Zigarette eben keine Zigarette, sondern ein symbolischer Akt, eine – Friedenspfeife ist, 2) daß Schädel – M-L von Ihnen durch keinen Brand getrennt sind, 3) daß "Straßbourg-Rép.Franc" nicht bloß heißen kann: "Seht, Straßb. ist französisch", sondern auch "das offizielle Frank­reich spricht zu Ihnen" (ich hatte ausdrücklich eine "offizielle" Fühlung­nahme mit Ihnen und M-L angeregt), 4) was M-L sagt, weiß ich nicht, da ich ihn immer bloß von der Ferne sehe u. sehen will.

[Einige Zeilen bis zur Unleserlichkeit durchgestrichen]

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Im Falle Sprache-Natur ist mir noch immer nicht klar, wie sich Natur u. Sprach­gebrauch wesentlich unterscheiden. Ich würde höchstens verschieden tief in uns eingebetteten Sprachgebrauch annehmen – das au also tiefer in jener Elsäs­serin drinnen als das ai. Denn "natürlich" und "konventionell" verschwimmen bei der Sprache, die doch nur eine Natur gewordene (oder zu ihr werdende, tendie­rende) Konvention ist.

Was nun oir– entendre betrifft, so sind doch zwei Dinge zu unterscheiden:

1) Der Schwund von audire, der nicht bloß frz., sondern auch ital. ist 2) das Ein­rücken von intendere, das ich mir aus der Nahebeieinanderlagerung von 'horchen' und 'hören' erkläre: intendere hieß natürlich zuerst 'horchen' (wie écouter, nur mehr geistiger), vgl. regarder neben voir. Daß nun gerade französische Gesell­schaftskultur hier maßgebend sein soll, scheint mir einer jener Zufalls-Spiegel­bilder, wie V. sie so oft konstruiert. Ich habe Arch.f.neu.Spr. 1922 S. 157 in der Besprechung der V. zugrundeliegenden Gott­schalk'schen Arbeit geschrieben:1 "Schade, daß Verf. nicht das Verhalten der übrigen romanischen Sprachen zu intendere, das nirgends zu 'hören' geworden ist, aber bei Dante dazu Ansätze zeigt,

[Rest fehlt]


1 Spitzer nimmt im Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 43 (1922): 155-157, eine Sammelbesprechung vor. Walter Gottschalks Arbeit Lat. 'audire' im Französischen. Gießen: Romanisches Seminar 1921, wird am positivsten besprochen – mit der hier zitierten Einschrän­kung, die vollständig lautet: "Schade, daß Verf. nicht das Verhalten der übrigen romanischen Sprachen zu intendere, das nirgends zu 'hören' geworden ist, aber bei Dante dazu Ansätze zeigt, vgl. D'Ovidio, Studii sulla divina commedia S.123, und ebenso im Span. (no entiendo bien 'ich höre nicht gut [am Telephon]', no oigo bien 'ich bin schwerhörig') - auch die Abzweigung von engl. intend wäre erwähnenswert - anderseits die Schwäche von audire im Ital. nicht miter­wogen hat, ferner die Frage, ob eine alte Wortarea das intelgir des Jonas mit dem Rätorom. und Rumänischen verbindet."

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