Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (387-11142)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

10. 05. 1924

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Marburg Dreyfus-Affäre Antisemitismuslanguage Wallonischlanguage Spanischlanguage Portugiesischlanguage Katalanisch Gamillscheg, Ernst Horning, Adolf Vising, Johan Bloch, Oscar Iordan, Iorgu Meyer-Lübke, Hermine Zauner, Adolf Vossler, Karl Meyer-Lübke, Wilhelm Paris Wien Spitzer, Leo (1922) Schuchardt, Hugo (1904) Iordan, Iorgu (1924)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (387-11142). Bonn, 10. 05. 1924. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2233, abgerufen am 31. 03. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2233.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 10. V. 1924.

Verehrter lieber Freund,

Dank für Briefe und Karte. Es ist mir nicht ganz klar geworden, worin wir uns prinzipiell unterscheiden, in der Frage der etymologischen Kriterien nämlich. Alles, was Sie sagen, steht, wenn auch nicht so gut ausgedrückt, in dem Anti Gamillscheg-Artikel, der 1922 in der Ztschr. erschien, und in dem vor dem Erscheinen stehenden Ihnen eingesandten Versuch,1 einer Mißleitung der Öffentlichkeit vorzubeugen, die Gamillscheg sehr geschickt einfädelt, ohne daß man ihm direkt auf die Finger klopfen könnte.

Es scheint mir eher, daß wir bei der Handhabung dieser etym. Kriterien uns unterscheiden. Z.B. chiffe > jiffe scheint mir von Horning dadurch wiederlegt zu sein, daß es vereinzelt steht (nur im Wallonischen), während jiff jaff jouff- weit verbreitet sind. Oder garduña mit ǔ – ú > ø – ú steht bisher allein. Oder was ist bei der Annahme, sp. ceño, ptg. acenar, kat. cenar sei nicht episkynion, sondern cinnus, und ptg. cenho durch celha beeinflußt, "künstlich"?2 Ich glaube, wir kommen letztlich |2| auf eine Verschiedenheit in der Handhabung des Handwerksgeräts – der eine Arbeiter wendet lieber diesen Trick, jener jenen an, den sog. "Vorteil", den keiner missen möchte u. als das Wichtigste, Unerlernbarste ansieht. Ich stimme Ihnen vollkommen gegen Vising bei, Sie mir vielleicht gegen Gamillscheg – aber ich bin nicht von Ihrem Falott3 überzeugt, Sie nicht von meinem garduña (wobei ich selbstverständlich meine Geringfügigkeit kenne und nicht mit Ihnen "entrer en lice" möchte!) – also? Unsere individualistische Methode bringt es mit sich, daß wir selbst gegeneinander individualistisch sein müssen. Empört bin ich wie Sie gegen das "Lautlich Unannehmbar", ein Seitenstück zu jenem politischen "Unannehmbar", das so oft im Lauf der Zeit zu einem "Annehmbar" – "Annahme" – "Angenommen" herabglitt. Haben Sie übrigens meinem Falott beigestimmt?

Ihre Marburger Reminiszenz ist ja sehr köstlich. Wenn aus Marburg etwas wird, woran ich noch sehr zweifle, so wird man wirklich sagen können: La joie fait peur – |3| ich fürchte mich nämlich vor dem "Ziel" ebenso wie vor der Nichterreichung des Zieles. Wie mir Kaufleute berichten, soll es dort infolge des Treibens der terroristischen Studenten schrecklich zugehen: in die ersten Kaffeehäuser der "Stadt" darf ein Jude nicht hinein usw. Einen Vorschmack habe ich ja bei der Diskussion meiner Kandidatur erfahren, wobei in meinem "Privatleben" gewühlt und der finsterste Tratsch aufgerührt wurde, um mich zu diskreditieren. Zum Schluß werden ja doch die Studenten fanatisiert werden und gegen mich demonstrieren, das ist, nach diesen Wahlen, meine Überzeugung. O. Bloch sagte mir in Paris, der Dreyfus-Prozeß habe Frankreich von dem antisemitischen Bazillus gereinigt – glückliches Land!

In die Genesis "Rationaler" Taten habe ich jetzt wieder hineingeleuchtet. Ich übersende Ihnen ein Separatum J. Jordans, in dem der dort publizierte Brief von unserem hiesigen Verleger K. Schröder an Jordan gerichtet wurde [?]. Dieser, wahnsinnig aufgeregt über die Druckunterbrechung, wandte sich an mich um Vermittlung. Ich gehe hin, spreche mit den verschiedenen "Unterläufeln" und erfahre, 1) daß der Brief in der dtsch. Börsenzeitung |4| veröffentlicht wurde, 2) daß das Buch (über rum. Toponomastik)4 sich jetzt ja doch nicht rentiere. Nach längerem Verhandeln wird nun weitergedruckt, wobei Jordan etwas zuzahlt u. der Verleger seinen patriotischen Ruf durch diese "Tat" gestärkt hat. Ich frage, hat man das Recht einen Mann wie Jordan, der ein begeisteter Deutschenfreund in einem Lande ist, wo dies gerächt wird, 4 Wochen lang unter dem Vorwand des Patriotismus aufzuregen, wenn, wie mir der Verleger zugab, nur ein "Schreckschuß" geplant war – an dem vielleicht auch Frau Minny, über die relativ geringe Glorie, die ihrem Mann von J. in der Streitberg-Festschr. zuteil wurde, empört, auch ihren Teil hat?

Ich erhalte die mich gar nicht an sich interessierende Rozwadowsky'sche Aufforderung, zum phonet. Einheitsalfabet mich zu bekennen, was mir schnuppe ist (ist übrigens ė durch den Punkt als geschlossen gekennzeichnet – wirklich eine graphische "Nachahmung" des Lautes geschlossenes e?), ferner die neue "Jiddische Zeitschrift", die mir nicht schnuppe wäre – wenn nur gegen meinen Rat nicht Deutsch in hebräischen Lettern gedruckt würde, womit auf ein wissenschaftliches Publikum sofort verzichtet wird!

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hindert ja meinerseits nichts). Sie haben ganz recht gehabt, so zu Zauner über meine Sache zu sprechen wie Sie taten – jede Verhehlung von Tatsächlichem liegt mir fern. Ich gehöre nicht zur Klasse jenes Klemperer, der da aussprengte, er sei in Wien vorgeschlagen – ohne daß davon auch nur die Rede sein konnte!

Klemperer soll übrigens einen offenen Brief an oder gegen seinen Lehrer Vossler vorbereiten, in dem er gegen dessen chauvinistische Stellung neuerer Zeit vorstößt. Gleichzeitig wird Klemperer im Lit. Echo als der "tüchtigste jüngere Romanist" ausgespielt.

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Deutschen das Individuelle an der Sprache betonten. Gewiß kein Zufall!

Unser materielles Leben verdüstert sich wieder. Wir haben unseren vorjährigen Verdienst (Kurs etc.) aufgezehrt u. heuer scheint kein Kurs zustande zu kommen. Der Ruf ist noch nicht da, wer weiß, ob und wann er kommt. M-L kann ich um nichts bitten (so z.B. um einen Antrag auf Erhöhung meiner Remuneration); dies wäre gerade heuer unvermeidlich, da er Dekan ist.

So weiß ich wirklich nicht, wie wir leben sollen. Denken Sie, daß ein "höherer" Ordinarius fast das 4fache unserer Bezüge hat! Wir hätten nicht nach Paris fahren sollen, aber anderseits war das solch ein erfrischendes Stahlbad!

Herzlichste Grüße

Spitzer


1 L.S., "Aus Anlaß von Gamillschegs Französischen Etymologien", in: Zeitschrift für romanische Philologie 42 (1922): 5-34.

2 Zu dieser Etymolgie siehe den Brief vom 9.4.1924.

3 H.S., "Triest. faloto; franz. falot usw.", in: Zeitschrift für romanische Philologie 28 (1904): 129-146.

4 Iorgu Iordan, Rumänische Toponomastik. Bd.1. Bonn und Leipzig 1924 (Bd.2-3 erschienen 1926).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11142)