Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (373-11131)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Pörtschach

03. 10. 1923

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Graz Riegler, Richard Riegler, Theodor Meyer-Lübke, Wilhelm Zauner, Adolf Wechssler, Eduard Jud, Jakob Graz

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (373-11131). Pörtschach, 03. 10. 1923. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2219, abgerufen am 26. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2219.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Pörtschach, 3. Okt. 1923

Verehrter lieber Freund,

Ihre letzten 3 Schreiben machten mir doch eine Antwort noch vor der Abreise ins Dunkel zur Pflicht: Ich glaube tatsächlich, daß wir auch im Fühlen uns verstehen und nahestehen und danke Ihnen für Ihre guten Worte.

[Teil im Original entfernt]

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Ich bin Ihnen, verehrter Freund, von Herzen dankbar, nicht nur daß Sie jetzt für mich handeln wollen, sondern daß Sie nun selbst zur Meinung gekommen sind, daß ich, ohne daß man für mich handelt, zugrunde gehen werde. Ich schätze noch immer Ihre Wirkungsmöglichkeit für mich nicht gering ein, trotz der Hdbger Sache. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, daß eine Anstrengung, die nicht größer für Sie ist als einen etwas ausführlicheren Brief an mich zu schreiben, mir ganz entschei­dend helfen könnte.

[Teil im Original entfernt]

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Nun zur Frage der Duzbruderschaft, Freundschaft usw. Ich glaube so wie Sie, daß die "Schleckerei" mit wahrer Freundschaft nichts zu tun hat. Freundschaft kann ruhig Sie sagen und Du fühlen. Freundschaft ist etwas Feierliches, Männliches. Mit der Mutter ist man doch nicht feierlich. Bei Freundschaft sind es zwei wohlequilibrierte Organismen, die miteinander kommunizieren, bei Mutter- und Gattenliebe sehe ich ein "emboîtement" des einen in den anderen. Tatsächlich bin ich auch kein Freund des Geduzes: die Aufhebung der Distanz beseitigt eben jene Feierlichkeit, die uns an Goethe-Schiller so sehr gefällt, sie ist oft der Beginn zu Mißhelligkeiten, die eben aus dem gestörten Gleichgewicht kommen. So war ich sehr erstaunt, als mir Riegler das Du antrug: seither sind denn auch verschiedentliche Differenzen aufgetaucht.

[Teil im Original entfernt]

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Nun zu Theo! Er hat etwas Bescheidenes, Liebes, vielleicht Gedrücktes und dabei zum Licht, zum Leben Strebendes. In der Phrase "mir keinen Dank erwerben" haben Sie das Wort "Dank" losgelöst aus seinem Zusammenhang und so den Sinn verschoben. Jene Phrase heißt doch nichts als "sich Unannehmlichkeiten (Mißdeutungen) usw. aussetzen". Tatsächlich glaube ich, daß es für Theo das Richtige ist, der Oberaufsicht seines schulmeisterlichen älteren Bruders, der Enge eines nur grammatikalischen Philologieunterrichts an der Universität Graz, der Enge nur-österreich. Verhältnisse zu entrinnen. Gerade in finanzieller Hinsicht wäre der Aufenthalt jetzt in Deutschld. für einen Österreicher ratsam, da in Zeiten jäh sinkender Valuta die Preise für den Ausländer stets billig sind. Aber Riegler ist ja nun schon überzeugt, daß von Ihrer Person abgesehen, Graz für das Weltkind Theo nicht das Richtige ist.

M-L schreibt mir mit "Lieber Freund"(!) heute von meiner "so überaus liebenswürdigen und verständnisvollen Rezension" – er hat also nichts davon gemerkt, daß ich mich über die vollkommene Vernachlässigung der von mir seit Jahren empfohlenen stilistischen Betrachtungen beklage. Er schreibt noch von Zauners "merkwürdigen Einwänden" gegen seinen Palatalisiergs-Artikel im Lbl. diese Einwände scheinen mir aber eher "schlagend".

Der Arrivist Wechssler, das ist "das Schiebertum, das sich nicht Zeit nimmt den … zu wärmen".

Jud wird als Schweizer die Einreise schon erhalten. Er schrieb mir vor weni­gen Tagen, daß er mit 75 Diapositiven abreise.

[Teil im Original entfernt]

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11131)