Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (371-11130)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Pörtschach

27. 09. 1923

language Deutsch

Schlagwörter: Dreyfus-Affäre Max Niemeyer Verlag Antisemitismus Universität Göttingen Universität Frankfurt Universität Hamburg Universität Heidelberg Leo S. Olschki Meyer-Lübke, Wilhelm Zauner, Adolf Schürr, Friedrich Curtius, Ernst Robert Bonn Frankreich England Péguy, Charles (1910)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (371-11130). Pörtschach, 27. 09. 1923. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2217, abgerufen am 02. 12. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2217.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Pörtschach a/See, 27. IX.

Verehrter lieber Freund,

Ich komme mir immer sehr bösartig vor, wenn ich mit Ihnen polemisiere: Sie sind zwar geistig, aber nicht physisch stärker als ich, und das macht meinen Kampf zu einem unwürdigen. Mir tut es am wehesten, wenn ich Sie aufrege. Denn ich weiß sehr wohl, wie dem Alter zu mute ist: meine Eltern waren Über-Siebzigjährige, alle unsere Freunde in Bonn sind 60jährig und darüber. Wenn ich etwas erregter Ihnen geschrieben habe, so war das auch nicht so sehr gegen Sie gerichtet, als gegen die Kumulierung paralleler Erlebnisse, die ich so oft schon gehabt habe. Können Sie nicht sich denken, wie ungerecht man auch gegen einen lieben Freund auffährt der etwa an unserer Haustüre läutet, nachdem kurz vorher vier lästige Unberufene geschellt haben?

Und "Kumulierung paralleler Erlebnisse" ist es, was mir das Leben erschwert. Ich habe stets dasselbe erlebt. Ich sehe im Folgenden vollkommen von Ihnen ab und bitte alles nur als autobiographische Feststellungen zu betrachten, die die zwischen uns aufgetauchten Gegensätze Ihnen begreiflich machen sollen.

Vor allem die "Hemmungen", von denen Sie sprechen. Ich glaube sie Ihnen, ich weiß, daß das so ist. Ich habe aber immer mit diesen deutschen Hemmungen zu kämpfen gehabt: z.B. einer meiner besten Bonner Freunde ist Rudolf Meissner, der mir von Herzen wohl will – aber er hat Hemmungen.|2| Bei der Sitzung, in der M-L das Extraordinariat für Studienrat Platz mir zum Hohn beantragte, kam Meissner um eine halbe Stunde zu spät – gewiß nicht aus bösem Willen, nein, aus Zufall, aus innerer Unfertigkeit, aus Hemmung. Ich könnte so was nicht verstehen: ich würde auch mit 70 Jahren (mein Vater war mit 70 Jahren so!), auf die Minute pünktlich bei einer für einen Freund belangvollen Sitzung erscheinen. Sie, verehrter Freund, haben Hemmungen, wenn Sie mit Zauner sprechen, vor dem Namen "Schürr" den zweisilbigen Namen "Spitzer" zu nennen. Das ist mein Schicksal. Mein jüdisches Schicksal. Das jüdische Volk ist, wie das beifolgende "Aktenmaterial"1 (dem katholischen Christen Charles Péguy entlehnt, den Curtius als "Wegbereiter des neuen Frankreich" feiert, als Erneuerer eines christlichen Frankreich, der auch für dies gefallen ist) zeigt, ein "Volk der Beweglichkeit, der Zelte". Gewohnt, unsere Wohnsitze morgen anderswohin zu verlegen, mit Frau und Kind zu wandern, sind wir an Zielstrebigkeit gewohnt, Hemmungen darf es für uns nicht geben, wir müssen das Leben schnell und kräftig meistern. Dies ist es auch, was Sie das Bedrohliche meines (jüdischen?) Schaffens nennen: ich arbeite ohne Hemmungen. Oft beobachtete ich die durchschnittliche Arbeitsweise Bonner Kollegen: 14 Tage dauert es, bis sie eine ihnen bekannt gewordene bibliographische Notiz nachschlagen, 14 Tage wird herumgebastelt, bis sie verwertet wird – dann bleibt sie am Schluß womöglich ungenutzt. Ich laufe, sofort wenn mir was Neues bekannt wird, auf die Bibliothek, wie im Fieber, als ob der Bau morgen nicht mehr dort stände, exzerpiere, verwerte im Nu – natürlich giften sich die Fachgenossen über meine bedrohliche Schnelligkeit. Aber wo steht geschrieben, daß das Schnell-Erraffte schlechter sein müsse als das Langsam-Zusammengeklaubte? Victor Hugo hat in ein paar Tagen seine wirkungsvollsten Dramen geschrieben.

|3|Ich glaube ebenfalls, daß – zwischen Judentum und Christentum ein friedlicher Ausgleich kommen wird – aber ich werde ihn nicht erleben: Der Ausgleich wird m.E. dann kommen, wenn alle Juden christliche Frauen haben werden, d.h. wenn alle Juden mein wertes Beispiel nachgeahmt haben werden. Solange sie aber in trotziger Herausforderung dem deutschen Geiste gegenüberstehen und dieser glaubt, von den Juden nichts lernen zu können, ja sich von dieser Ansteckung befreien zu müssen – so lange wird auch unser armes deutsches Vaterland keine Ruhe haben (das Wort "arm" ist heute am Platz, am Tage der Kapitulation vor Poincaré). Denn wenn die Juden auch nicht mächtig genug sind Deutschland zu beherrschen, so sind sie es noch immer genug, es zu erschüttern: die Haltung der jüdischen Deutschamerikaner im Kriege hat den Deutschen ebenso viel geschadet wie die Versenkung der "Lusitania", auch die Deutschen könnten einen Dreyfus-Prozeß bekommen usw.

Der jüdische Geist ist kritisch "entgrenzend" veranlagt. Er sieht keine Grenzen, keine Kästchen, keine Schranken. Er spinnt sich nicht ein in selbstgeschaffene Schlagwörter. Der Deutsche ist nicht nur Sachenmensch, wie Sie ihn einst definierten, er berauscht sich an Worten und glaubt an sie – der Jude und der Romane, sie berauschten sich an Worten und wissen, was sie von den Worten zu halten haben: Mauthner's "Kritik der Sprache" ist eminent jüdisch. Das Beispiel der Katastrophe des passiven Ruhrwiderstandes und des Unterseebootkrieges liegt nahe – konnte der Deutsche wirklich glauben, daß er einen Sieger mit dem passiven Widerstand besiegen, daß er England gegenüber mit 16 Unterseeboten Recht|4| behalten würde? Für den Juden ist hier etwas Unbegreifliches vorhanden. Wie kann ein so tüchtiges und gescheites Volk wie das der Deutschen so naiv-leichtgläubig die Phrasen seiner Regierungsmenschen ernst nehmen? Wäre da ein Zuschuß jüdischer Kritik, Kritikhasterei, Talmudistik, Rabulistik nicht von Heil? Ich weiß natürlich wohl, daß jüdische Hyperkritik durch deutsche Gläubigkeit, Ehrfurcht, Pietät wohltuend ausbalanziert würde.

Ich sehe trübe in die Zukunft: je mehr Deutschland getreten werden wird von den Siegern, desto schlechter wird es mir ergehen. An mir und ähnlichen catilinarischen Existenzen läßt man die politischen Ohnmachtsgefühle aus, die man dem Ausland gegenüber nicht abreagieren kann. Muß ich es nicht als Hohn betrachten, daß die Regierung mir 240 Millionen für September angewiesen hat, während der Verleger Niemeyer mir ein Heft der Zeitschrift, für die ich seit 13 Jahren unentgeltlich arbeite, der Verleger bei dem ich 5 Bücher ohne einen Pfennig Entgelt verlegt habe, mit 54 Millionen und etwas darüber berechnet? Ich habe natürlich sofort entrüstet abgeschrieben u. werde die Zeitschrift von nun an als wehmütiger Zaungast betrachten.

Nehmen Sie, verehrter Freund, die Versicherung, daß ich Ihnen in herzlichster, liebevollster Freundschaft zugetan bin. Kein Detailvorgang, kein vorübergehendes Mißverständnis, keine Empfindungsdifferenz kann die lapidare Tatsache verdecken, daß ich die maßgebende Umwandlung zum Mann in wissenschaftlicher Hinsicht Ihnen verdanke, ebenso wie Meyer-Lübke meine wissenschaftlichen Kinderjahre (letzeres habe ich in der, wie ich glaube, trotz allem Vorgefallenem warmherzigen Besprechung zum Ausdruck gebracht). Wir bleiben wohl bis 8. Oktober noch hier – vielleicht erhalte ich hieher noch ein Lebenszeichen.

Alles Liebe von Ihrem Schüler
Spitzer

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[Anhang zu Brief Nr. 371-11130]2

Ch. Péguy, Notre jeunesse (1910) S. 190ff.3

Que n'aurait-on pas dit s'il avait été Juif? Ils sont victimes d'une illusion d'optique très fréquente, très connue dans les autres ordres, dans l'ordre de l'optique même. De l'optique propre. Comme on pense toujours à eux, à présent, comme on ne pense qu'à eux, comme l'attention est toujours portée sur eux, depuis que la question de l'antisémitisme est soulevée....., comme ils sont toujours dans le blanc du regard ils sont très exactement victimes de cette illusion d'optique bien connue qui nous fait voir un carré blanc sur noir beaucoup plus grand que le meme carré noir sur blanc, qui paraît tout petit. Tout carré blanc sur noir paraît beaucoup plus grand que le meme carré noir sur blanc. Tout ainsi tout acte, toute opération, tout carré juif sur chrétien nous paraît, nous le voyons beaucoup plus grand que le même carré chrétien sur juif. C'est une pure illusion d'optique historique, d'optique pour ainsi dire géographique et topographique, d'optique politique et sociale....

S. 185 Dans cette âpre, dans cette mortelle concurrence du monde moderne, dans cette compromission, dans cette compétition perpétuelle, ils sont plus chargés que nous. Ils cumulent. Ils sont doublement chargés. Ils cumulent deux charges. La charge juive et la charge moderne. La charge de l'inquiétude juive et la charge de l'inquiétude moderne. Le mutuel appui qu'ils se prêtent, (et que l'on a beaucoup exagéré, car il y a aussi, naturellement, des inquiétudes intérieures, des haines, des rivalités, des compétitions, des ressentiments intérieurs; et pour prendre tout de suite un exemple éclatant, l'exemple culminant [de?] la personne et la si grande philosophie de M. Bergson, qui demeurera dans l'histoire, qui sera comptée parmi les cinq ou six grandes philosophies, de tout le monde, ne sont point détestées, haïes, combattues par personne, dans le parti intellectuel, autant que par certains, par quelques professeurs juifs notamment de philosophie), le mutuel appui qu'ils se prêtent est amplement compensé, plus que compensé par cette effrayante, par cette croissante pousseé de l'antisémitisme qu'ils reçoivent tous ensemble. Qu'ils ont constamment à repousser, à réfuter, à rétorquer tous ensemble.

S. 184 Les Juifs sont plus malheureux que les autres. Loin que le monde moderne les favorise particulièrement, leur soit particulièrement avantageux, leur ait fait un siège de repos, une résidence de quiétude et de privilège, au contraire le monde moderne a ajouté sa dispersion propre moderne, sa dispersion intérieure, à leur dispersion séculaire, à leur dispersion ethnique, à leur antique dispersion.

S. 110 Être ailleurs, le grand vice de cette race, la grande vertu secrète; la grande vocation de ce peuple...Toute traversée pour eux est la traversée du désert. Les maisons les plus confortables, les mieux assises, avec des pierres |6| de taille grosses comme les colonnes du temple, les maisons les plus immobilières, les plus immeubles, les immeubles les plus écrasants ne sont jamais pour eux que la tente dans le désert. Le granit remplaça la tente aux murs de toile. Qu'importe ces pierres de taille plus grosses que les colonnes du temple. Ils sont toujours sur le dos des chameaux. Peuple singulier.... Que vos pavillons sont beaux, ô Jacob; que vos tentes sont belles, ô Israel.... Peuple pour qui la pierre des maisons sera toujours la toile des tentes. Et pour nous au contraire c'est la toile des tentes qui était déjà, qui sera toujours la pierre des maisons. Non seulement donc il [der Jude Bernard-Lazare] n'avait donc pas eu pour le métropolitain cette aversion, cette distance qu'au fond nous lui gardons toujours, même quand il nous rend les plus grand services, parce qu'il nous transporte trop vite, et au fond qu'il nous rend trop de services, mais au contraire il avait pour lui une affection propre toute orgueilleuse, comme un orgueil d'auteur.

Anmerkung: "Ein Jude zieht den anderen nach." Warum erwähnt man nicht auch die widrige gegenteilige Erscheinung: "Ein Jude wimmelt den andern ab"? Ich habe dies sehr oft beobachtet: niemand hat so sehr gegen mich Front gemacht als der Jude Lerch, der meine Übersiedlung nach Deutschland dazu benützte, seine Deutschtümlichkeit meiner Jüdischkeit gegenüberzusetzen (so geschehen ohne Einspruch des Redaktors F. Neumann), der Jude Klemperer – glauben Sie, daß der Judenstämmling und Arrivist E. Wechssler in Berlin Urtel und Krüger auf die Liste gesetzt hat, weil er dem Juden Spitzer wohl wollte? Es ist diese Haltung auch durchaus verständlich (um sich jenem "Nachzieh"-Urteil nicht auszusetzen), aber ebenso sehr der von Ihnen angeführten Fall (sollte es sich nicht um Hamburg handeln, wo der wahrhaftig nicht bedeutungslose William Stern den wahrhaft bedeutungsvollen Cassirer "nachgezogen" hat?), wo der zu Einfluß gelangte Jude einen, bisher mißkannten Juden zum Recht verhelfen will. Nehmen Sie an, der Tod und die Gegenrevolution hätte Simonyi's Vorhaben, mich als Ordinarius nach Budapest zu bringen, nicht vernichtet – hätte Simonyi ein Unrecht begangen? Schließlich kommt es dann zu solchen Sachverhalten wie bei mir: "in Göttingen ist man sehr antisemitisch – daher kommen Sie nicht dran" – "in Frankfurt sind schon sehr viele Juden – daher kommen Sie nicht dran" – "in Hamburg sind viele Antisemiten und viele Juden – daher kommen Sie nicht dran"....

Übrigens entnehme ich Ihrem Stillschweigen über Neumanns Antwort, auf die ich ja nur wegen der psychologischen Motivierung neugierig bin, daß in Heidelberg gesagt wurde: "Wir hätten Spitzer ja so gerne genommen, aber da war ja schon Olschki, der ältere Rechte hatte – und daher haben wir Wechssler, Heiss, Curtius genommen" (von denen einige jünger als Olschki sind!). Bekämpft die Juden, Ihr Deutschen, aber bekämpft sie offen, mit offenem Visier – ritterlich!


1 Das von Spitzer bezeichnete "Aktenmaterial" ist dem Brief als Anhang beigestellt.

2 Dieser Anhang ist im Nachlaß Schuchardt unter der Nummer 11215 katalogisiert.

3 Charles Péguy, Notre jeunesse. Paris 1910.

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