Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (368-11127)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

15. 08. 1923

language Deutsch

Schlagwörter: Il Marzocco Revista de Filologia Española Bulletin de la Société de Linguistique de Parislanguage Französisch Seuffert, Bernhard Gilliéron, Jules Iordan, Iorgu Wartburg, Walter von Gilliéron, Jules (1923) Jokl, Norbert (1923) Iordan, Iorgu (1924)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (368-11127). Bonn, 15. 08. 1923. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2214, abgerufen am 03. 10. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2214.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 15. VIII.

Verehrter lieber Freund,

Nach dem Talinsprinzip vorgehend, muß ich nun Ihre erfreulich erhöhte Schreibtätigkeit an und für mich durch Gleiches erwidern.

Ich danke Ihnen für Ihren Versuch, dem auctor unius Libelli, – dessen liebenswürdige Begünstigung von Libellen und Pasquillen in wissenschaftlicher Form ich gewiß auch in die Wagschale (Libella) werfe, wenngleich die dort zu lesenden Sätze nicht immer leicht und elegant wie Libellen (libellalge) sind – eine gute Meinung über mich beizubringen. Im Gegensatz zu Ihrer baskischen Einführung wird diese Einführung meiner Persönlichkeit allerdings ein posthumes Werk sein, da die Akten der Fakultät wohl schon in den Humus des Ministerialstandes in Karlsruhe eingebettet sein werden. Neugierig bin ich nun, wie der gewandte Diplomat sich Ihnen gegenüber herausreden wird, er, der schon vor Jahren mir die schmeichelhaftesten Worte zu schreiben wußte und vor kurzem |2|anläßlich der bevorstehenden Neubesetzung des Seuffertt'schen Literatur-Lehrstuhls auf einen Gelehrten aufmerksam zu machen, der m.E. sicher in Betracht kommt, und Sie um Fürsprache bei dem abgehenden Seuffert oder sonst in Betracht kommenden Kommissionsmitgliedern zu bitten. Es handelt sich um meinen ehemaligen Gym­nasiallehrer, den Wiener Extraordinarius E. Castle, dem ich das bischen literarischen Blick danke, soweit es noch nicht bei mir vom linguistischen Prosaismus erstickt ist. Castle ist ein sehr fleißiger und wissensreicher Minor-Adept, der Gundolf'schen Richtung abgeneigt, aber doch für jeden wissenschaftlichen Fortschritt zu haben, ein sehr gescheiter Mensch, dabei solide in seiner Arbeitsweise. Er ist durch Minor's allzufrühen Tod und durch den Umstand, daß er keinen mächtigen Protektor hatte, bisher nicht an die ihm gebührende Stelle gekommen, obwohl er für die Lenau-, Raimund-, Goethephilologie sehr Maßgebliches geleistet hat. Lange Jahre hat er mit schrecklicher Not zu kämpfen. |3|Derselbe bot mir nun an, mir die Herausgabe eines frz. Lesebuches für tschechische Schulen (Honorar circa 3-6000 tschech.Kr.) zu vermitteln. Nun, ich bin ziemlich abgeneigt, etwas Derartiges zu machen, was zur Wissenschaft nur in loser Beziehung steht, obwohl der Erwerb der Summe mir sehr zugute käme, und werde mir es noch sehr überlegen. Meine einzige Beschäftigung ist jetzt, den Schieber-Kurgästen Zimmer zu vermieten. Das ist zwar eine saure, aber trotz allem ehrlichere Arbeit – wenigstens treibt man so schön Propaganda für den geistigen Beruf, der einen nach 13 Jahren Arbeit oder 20 Universitätslehrer-Semestern zwingt, darauf aufzupassen, daß die Gäste nicht mit der Fremdenabgabe durchgehen...

Von Jeanroy erhielt ich diese Woche eine liebe Karte als Antwort auf meinen Glückwunsch zur Akademieernennung. Gilliéron bereitet ein böswilliges Opus vor "Thaumaturgie linguistique"1, offenbar Antwort auf Millardet. Jokl's Linguist.-kultur. Studie über Albanien2 hat mir nicht mehr so imponiert wie das |4|vor Jahren der Fall gewesen wäre, als ich von der konstruktiven Etymologie etwas hielt.

Mein Freund Dr. Jordan hat die Bearbeitung des historischen Themas statt meiner für die Streitberg-Festschr.3 übernommen. – Ezio Levi hat im Marzocco sehr hübsch über meine Kriegsgefangenenbücher berichtet.

Wagner's u. v.Wartburgs Anzeige meiner Wortbildungs-Arbeit in der Ztschr. haben Sie wohl gelesen. Ich werde mit diesen Besprechungen vielleicht im September nach Berlin zum Minister pilgern, um mir das Recht auf das Leben in irgend einer Weise zu erkämpfen. Das Resultat wird wohl dem Württemberger Varnbühler ähnlich geraten. – Warum sollte Ihre Einführung von mir zu dem Übrigen gelegt werden? Ich lausche stets Ihren Worten und bleibe, soweit Ihr und mein Individualismus das zulassen,

Ihr ergebener Schüler

Spitzer

Haben Sie die Revista de fil.esp.? Wenn nicht, so schicke ich Sep.? Könnten Sie das Heft der Bull.soc.lingu.4 mit Brevier-Rezension für kurze Zeit mir leihen?


1 Jules Gilliéron, Thaumaturgie linguistique. Paris: Champion 1923. Paris: Champion 1923.

2 Norbert Jokl, Linguistisch-kulturhistorische Untersuchungen aus dem Bereiche des Albanischen. Berlin: de Gruyter 1923.

3 I. Iordan schreibt dort den Aufsatz "Der heutige Stand der romanischen Sprachwissenschaft", in: J. Friedrich et al. Stand und Aufgaben der Sprachwisschenschaft (Festschrift für Wilhelm Streitberg). Heidelberg: Winter 1924, 585-621.

4 Bulletin de la Société de Linguistique (de Paris).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11127)