Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (348-11109)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Pörtschach

30. 07. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Würzburg Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Spitzer, Emma Spitzer, Wolfgang Wagner, Max Leopold Hilka, Alfons Gamillscheg, Ernst Riegler, Richard Lerch, Eugen Rohlfs, Gerhard Frings, Theodor Meyer-Lübke, Wilhelm Wartburg, Walter von Brüch, Josef Brugmann, Karl Friedrich Christian Leskien, August Paul, Hermann Wundt, Wilhelm Hahn, Hans Jordan, Wilhelm Maver, Giovanni (Hans) Urtel, Hermann Österreich Bonn Frankreich Spitzer, Leo (1918) Riegler, Richard (1922) Wartburg, Walther von (1922) Bertoni, Giulio (Hrsg.) (1922) Gundolf, Friedrich (1913) Gundolf, Friedrich (1920) Brugmann, Karl/Leskien, August (1907) Vendryès, Joseph (1921)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (348-11109). Pörtschach, 30. 07. 1922. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2192, abgerufen am 28. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2192.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Pörtschach, 30. VII.

Verehrter lieber Freund,

Nun bin ich endlich bei den Meinen. Allerdings brachten die ersten Tage neben der Freude des Wiedersehens mit Gattin und aufs Doppelte gewachsenem Kleinen auch manche Aufregung: da wir heuer die Villa zum größten Teil vermieten müssen, dem proletarisierenden (oder kapitalisierenden) Zug der Zeit gehorchend, hatte meine Frau auch Italiener aufgenommen, die aber den spontan eingegangenen Kontrakt brachen u. nichts oder fast nichts bezahlen wollten. Da mußte ich denn Ordnung machen, da ja der Schaden in die Millionen ginge. Aber nur ungern tu ich dergleichen, da mir nichts gräßlicher ist als dem eigenen Vorteil nachzulaufen, wenn dieses […] mit dem der Familie verbunden ist, zu kämpfen für materielle Rechte. – Die "Wortkunst" wird derzeit noch etwas ruhen müssen, da der Verleger zu stark engagiert ist, im Augenblick wenigstens.

Bezüglich Würzburg verstehe ich nicht, warum ich mich giften soll. An eine katholische Universität berufen zu werden, wo dieser Glaubensparagraph eine conditio sine qua non bildet, konnte ich mir nie einbilden. Empört bin ich dann, wenn für ein Extraordinariat in Berlin Dümmlinge wie Krüger in Betracht kommen. Der Vorschlag in Würzburg ist vom jetzt herrschenden süddeutschen (katholischen) Regionalismus beherrscht: Heiss der ehemalige Würzburger Privatdozent, Wagner der ehemalige Würzburger Student, Hilka der Katholik. Was soll ich tun? Meine Freunde in einflußreichen Stellen oder die, die sich so nennen, tun nichts; Gerechtigkeit gibt es in deutschen Landen nicht; also –

Auch von der Herausgebertätigkeit Hilkas weiß ich ein Lied zu singen. Die perfide Erklärung Gamillschegs am Ende des letzten Zeitschr.-Hefts |2|hat Hilka unbesehen aufgenommen, wo er in der Lage war, sie richtigzustellen. Aber in der Kritik Rieglers über meine Liebeswörter1 hat er einige Ausdrücke des Lobes gestrichen. Gleichzeitig kommen fortwährend huldvolle Beteuerungen der Sympathie, Bewunderung etc. von HilkaLerch hat er von Rohlfs anpöbeln lassen; da Lerch erwidern will, gibt ihm Hilka keinen Raum in der Ztschr. – Wo bleibt die Gerechtigkeit, die Grundtugend eines Herausgebers?

Wenn Sie sagen, der Zeitpunkt meiner Unübersehbarkeit sei längst da, so frage ich mich, warum keiner der freisinnigen Romanisten von Namen den Mut findet, offen meine Partei zu ergreifen und diesen Skandal – wenn er einer ist – zu rügen. Allerdings den Mut des Bekennens hat sich das deutsche Gelehrtentum durch die Verbeamtung längst abgewöhnt. Der Vorschlag Frings, die Bonner Fakultät solle ihre Entrüstung über meine Nichtberufungen dem Ministerium kundgeben, würde vor allem an […] Furchtsamkeit ([…] Feindschaft) scheitern. Daß man mir die Nachfolgerschaft nach M-L verspricht, ist ein Wechsel auf die Zukunft, den diese nicht einzulösen braucht, ein "Trampolin", von dem man ins Leere springen kann.

Ich verstehe nicht, wieso Sie mich gerade zum "Giften" antreiben und gleichzeitig bemerken, ich solle darüber hinwegkommen?

Auch Ihre Angst, Trivialitäten im Fall Rathenau zu sagen, ist mir nicht ganz verständlich. Es gibt Momente im Leben des Einzelnen wie der Nation, wo eine Trivialität auszusprechen von höchster Bedeutung ist. Ein Kondolenzbesuch im Privatleben ist z.B. gewöhnlich von solchen begleitet und doch notwendig und richtig. Die Hintanstellung aller geistigen Ansprüche unter das Gebot der Stunde ist notwendig. So war auch die Verurteilung des politischen Mordes an einem Gemeinwesen, das demokratisch geordnet ist, meiner Ansicht nach Pflicht aller deutschen Intellektuellen. Anstatt dessen sah man bei unserer Universitäts-Rathenau-Feier höchstens 10 Ordinarien und der Rektor fehlte, der auch nur in verklausulierter Form die Einladung hatte ergehen lassen. Daß meiner Verurteilung solcher Taten nicht nur der Empörung über antisemitische Verirrung entspricht, wird dadurch bewiesen, daß ich auch den Erzbergermord nicht anders auffaßte.

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Ich finde die Lauheit in einer solchen moralischen Lebensfrage des deutschen Volkes viel weniger am Platze als zu den Kriegszeiten, da Deutschland seinen physischen Existenzkampf kämpfte. Daß das deutsche Volk durch den Krieg der Klassen und Weltanschauungen innerlich so zerrissen ist wie im Augenblick, bedroht ja auch seine Existenz mehr als alle Annexionen der Feinde beim Friedensschluß. Der Gegensatz zwischen Bayern und dem Reich ist größer als der zwischen Deutschböhmen und dem Reich, der zwischen Rechts- und Linksparteien größer als der zwischen Elsässern, Rheinländern und Preußen. Wir haben heute in Deutschland Völker im Volk – von dem verbissenen Haß der Rechten gegen die Linken, der Kommunisten und Unabhängigen gegen die übrigen, wie er in Deutschland besteht, weiß man in Österreich nichts.

Von den Miscellanea haben mir vor allem die Artikel Wartburgs und Rieglers2 gefallen. Daß Brüch, ohne eine Spur Ihres Geistes, ohne die Spur auch eines Eingehens auf Ihre Denkweise mich abfertigt, hat mich nicht erbaut. Nicht der Widerspruch, auch nicht der Ton desselben, hat mich verstimmt, sondern daß man bei einem Glückwunsch den Jubilar ganz vergißt. Nun, Br. wird die gebührende Antwort von mir erhalten!

Den Stephan George von Gundolf3 habe ich auch vor kurzem mit Bewunderung und Wundern durchtobt. Immerhin fällt manches Schöne für die Ergründung des Wesens lyrischer Dichtung ab. – Nebenbei, um auf die Rassenfrage zurückzukommen, wie stellt sich das Deutschtum dazu, daß repräsentative Männer wie Einstein, Gundolf, Rathenau Juden sind?

Ihr coucou in den berber. Mundarten schließt ja an meine Liebeswörter an!

Die letzten Vorlesungen in Bonn waren dem Weltsprachproblem gewidmet. Da sah ich wieder einmal, wie dumm doch s.g. große Männer oft sind. Ich las nämlich zu diesem Zweck Brugmann-Leskien's Broschüre "Zur Kritik künstlicher Weltspr."4 – hanebüchen! Am schönsten die Argumentation Br.'s, in Deutschland hätte |4|deshalb die Weltsprachbewegung relativ so wenig um sich gegriffen gegenüber Frankreich, weil Werke wie das H. Paul's und Wundt's die wissenschaftliche Auffassung vom Wesen der Spr. weiter verbreitet hätten. Daß da alte nationale Gegensätze (Frankreichs Überzeugung von der rationellen Bewältigbarkeit alles Seienden, Deutscher Glaube ans Organische) walten, hat der große Ursprachrekonstruktor nicht geahnt. Aber auch Leskiens ironische Kritik fällt auf den Urheber zurück.

Das Wort "völkisch" hat in den letzten Werken, eben seit Rathenaus Ermordung, die Bdtg. bekommen, die Sie ihm urspr. zuschrieben, die pejorative: es heißt jetzt, die "Deutschnationalen" trennen sich von den "Deutschvölkischen", diese sind die extremeren. Zugleich ein schönes Beispiel für die in meiner Schrift belegte Konvivenz des Fremd- und des Ersatzwortes in verschiedenen Bedeutungen: statt national – nationalistisch haben wir jetzt national – völkisch, wobei das Fremdwort den höheren Begriff bedeutet.

Nun eine Bitte: könnten Sie mir auf meine Kosten Vendryès Le langage5 hiehersenden lassen? Ich würde es bald retournieren.

Am 31. kommt Familie Hahn (Mathematiker), gegen 3. Dr. Jordan und Frau (Rumänen), gegen 15. wohl Maver's und Urtel. Ich arbeite nichts. Rieglers fahren morgen ab.

Jetzt hoffe ich, daß Sie weniger an Hitze leiden, wir haben hier eher Kälte oder Kühle. Die lokale Nähe wird jetzt die Korrespondenz mehr befördern.

Jedenfalls beste Wünsche für Ihr Wohlergehen und alles Herzliche von den

Spitzers

Notes and Queries?6 Eher: eine Zeitschrift für Längstes, synthetische Artikel, etwa "les idées et les faits"! Des Fragmentarischen haben wir in der Epoche des Positivismus genug bekommen – ich habe ihm selbst schon genug Tribut gezollt.


1 L.S., Über einige Wörter der Liebessprache. Leipzig: Reisland 1918.

2 Richard Riegler, "Wind und Vogel", sowie W. v. Wartburg "Zur Neubildung von Präfixen"; beide in Miscellanea Linguistica dedicata a Hugo Schuchardt (Biblioteca dell'Archivum Romanicum Serie II, Vol.3). Genf: Olschki 1922.

3 Friedrich Gundolf Stefan George in unsrer Zeit. Heidelberg: Weiss 1913; und George. Berlin: Bondi 1920.

4 Karl Brugmann und August Leskien, Zur Kritik der künstlichen Weltsprachen. Straßburg: Trübner 1907.

5 Joseph Vendryès, Le langage. Introduction linguistique à l'histoire. Paris: La Renaissance du livre 1921.

6 Von 1849 bis 1923 in London unter dem kurzen Titel Notes and queries erscheinende Zeitschrift, die auch in einer französischen Ausgabe veröffentlicht wurde; heute Notes and queries for readers and writers, collectors and librarians: a medium of intercommunication for literary men, artists, antiquaries, genealogists, [etc.].

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