Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (344-11105)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

10. 06. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: language Spanischlanguage Französisch Urtel, Hermann Meyer-Lübke, Hermine Gilliéron, Jules Roques, Mario Diez, Friedrich Becker, Philipp August Schmidt, Erich Jud, Jakob Rohlfs, Gerhard Lerch, Eugen Gamillscheg, Ernst Walde, Alois Steiner, Herbert Vossler, Karl Spitzer, Emma Mesk, Josef Zürich Walzel, Oskar (1923) Spitzer, Leo (1922) Krüger, Fritz (1914)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (344-11105). Bonn, 10. 06. 1922. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2188, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2188.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 10. VI.

Verehrter lieber Freund,

Dank für Ihren schönen Brief, der Sommersonnigkeit und herzliche Teilnahme für uns verrät. Sie haben ja recht mit dem Verfolgungswahn – aber ist er ein Wunder? Das ist ja eben die Folge der Rassenverfolgung. Das Kindlein ist ein guter Sorgenbrecher. Nachts schreit er so kräftig, daß man tagüber nur daran denkt, die eigenen Kräfte wieder hochzubringen. Auch wird das ganze Denken, die ganze Hausordnung durch ein so kleines Freßmäulchen umgestülpt. Schön ist es wirklich, die Mutter mit dem kleinen Wägelchen leise und beschaulich dahinwandeln zu sehen, die anderen Pamperlätschchen mit dem unseren, nunmehr 4wöchigen, vergleichend.

Der arme Urtel! Wie muß er erschöpft und zusammengebrochen sein! Ich hab ihn nach Pörtsch. eingeladen.

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Nun zu M-L: die selenitartige Borniertheit hatte Gilliéron in einer Schrift M-L zugeschrieben. – Mit Castro hab ich mich brieflich ausgesprochen: er ist tatsächich sehr selbstgerecht. Mir ist es s.z. bei Mario Roques aufgefallen, daß die romanischen Romanisten uns, die wir mit Materialnot, Sprachnot etc. kämpfen, nicht jene Gerechtigkeit widerfahren lassen, die den ungleichen Bedingungen unseres Forschens gegenüber am Platze wäre. Wenn z.B. ein M-L oder Sie einmal sich irren, so darf das nicht so streng beurteilt werden wie wenn ein Castro, über Span. schreibend, oder ein Thomas, über Frz. schreibend, sich irrt. Der Typus Castro-Roques sieht nur unsere […], nicht auch unsere Leistungen. Selbst nicht allzu produktiv, sagen sich solche Menschen nicht, daß die deutschen Gelehrten seit Diez doch allerhand geleistet haben. Wenn die romanischen Romanisten uns übertrumpfen, à la bonne heure. Vorläufig sehe ich nichts davon, Castro geht so weit, bei aller Anerkennung Gielliérons und Ihre Verdienste um die etym. Forschung geringer als unsere communis opinio dies tut zu bemessen – worin ich nun energisch widersprochen. |3|Sehr erfreulich ist für mich die Anregung, die mir das Lesen einer Korrektur von Walzels "Gehalt und Gestalt"1 bereitet. Hätte ich s.z. statt des leblosen und verzopften Becker einen solchen Literarhistoriker als Lehrer gehabt! Allerdings ist er eitel wie alle lang Niedergehaltenen, eitel wie ich es in 10 Jahren wohl auch sein werde, vielleicht schon bin – aber es tut wohl, wenn ein Mann von Weltruf wie er sich bei mir Jüngerem und doch eigentlich fachlich Fernerstehendem Rat holen kommt. Ich bin wahrhaftig nicht mit Anerkennung verwöhnt – Sie nehmen mir auch noch den schwachen Trost, daß ein Ausländer mich mit Erich Schmidt vergleicht – daher nehme ich sie gern entgegen, wo ich sie finde und denke mir, daß auch andere auf Anerkennung etwas geben: hätte z.B. Jud verschiedene Fachgenossen anerkannt, die er in Wirklichkeit heruntergerissen hat, er wäre nicht Extraord. in Zürich...

Wenig erbaut bin ich von Rohlfs contra Lerch: erstens weil es ein Racheakt ist (Rohlfs hatte den 1. Preis nicht bekommen, Lerch wohl), zweitens weil gerade |4|die "halbe Negation" Lerchs mir richtig beobachtet schien, drittens weil diese Art der "animierten" Polemik, wenn sie auch die Lerchs ist und gelegentlich die Spitzers war, für meine heutigen Nerven zu grobschlächtig wirkt. Das Begrobsen erachte ich nur als Defensivmaßnahme halbwegs gerechtfertigt.

Interessant auch folgendes: den Niedermann'schen Artikel über Dalh hatte ich Gam. auch mitgeteilt (dieser die Karte auch bestätigt): nun steht dort: "Kollege Walde". Es ist mir ja herzlich gleichgültig, aber: wenn Sp. etwas mitteilt, so ist es natürlich weniger mitgeteilt als durch den Ordinarius Walde...

Ja, ich bin sehr gallig!

Steiners Artikel enthält leider viele Druckfehler.

Wie wäre ein crun(a) 'Nadelöhr' = clūnis (vgl. Ihr culus acus), zu ur vgl. M-L Italfr. S. III? Nur als Aphorismus!

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Der Ausdruck vom "nistenden Unglück" stammt von Vossler selbst. Ich weiß nichts Näheres, als daß er mit seinem einen Sohn schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Sehr aufgeregt hat mich der Mordversuch an Scheidemann – nicht als ob dieser Parteibürokrat mir besonders sympathisch wäre. Aber die Tatsache, daß im Deutschen Kulturreich noch immer alle Linksführer abgeschossen werden wie Vieh – während man von keinem Rechtsführer derlei hört –, zeigt doch auf eine verbohrte Rohheit und Unvergeistigtheit, die den wahrhaften Patrioten mit Scham erfüllt. Wenn Gewaltmenschen mit Gewalt beseitigt werden – pazienza (z.B. Rosa Luxemburg, von der der milde M-L mir sagte, er hätte sie am liebsten auch erschossen!) – aber die friedlichen Revolutionäre Scheidemann, Erzberger usw.?

Ihrer Zitier-Abneigung trage ich in meiner Ital. Umgangsspr. Rechnung, indem ich fast gar keine Sekundär-Literatur erwähne.

Die Wandlungen in Ihren sprachwissenschaftl. Anschauungen sind doch sehr gering; wenigstens nach meinem Eindruck.

Die Philologen, für die man schreibt, sind doch sehr wenig belehrbar. So höre ich anläßlich des Breviers, |6|es seien zu wenig Beispiele für die allg. Theorien vorhanden. Ich antworte drauf: ja natürlich, die habe ich weggelassen, das war ja eben die Absicht des Büchleins...

Walzel hat mich zu einem Aufsatz über "zeitliche Perspektive im lyrischen frz. Gedicht" begeistert. Ein führender Literaturwissenschaftler, der zur Überzeugg gelangt, daß nur durch Verbindung mit der Linguistik die künstlerische Erfassung der Dichtwerke möglich sei. In seinem methodologischen Werke "Gehalt und Gestalt" widmet er mir denn auch 1 1/2 Seiten. So fallen wenigstens Anregungen von mir in die Nachbarwissenschaften hinein.

Krüger ist jener Hamburger Priv. Doz., der über westspan. Mundarten ein perspektiveloses Buch geschrieben hat.2

Am 6. Juli fährt meine Frau nach Pörtschach. – An Mesk denke ich sehr gern. Er war ein liebenswürdiger Lehrer. Als ich mich habilitiert hatte, sagte er mir ganz treuherzig: "Ich verstehe nicht, wieso Sie als Jude sich habilitieren konnten...". Ich traf ihn einmal in Capri und freute mich sehr. Nun aber Schluß !

Alles Herzliche
Spitzer


1 Oskar Walzel, Gehalt und Gestalt im Kunstwerk des Dichters Berlin: Athenaion 1923.

2 Fritz Krüger, Studien zur Lautgeschichte westspanischer Mundarten. Auf Grund von Untersuchungen an Ort und Stelle. Hamburg: Gräfe & Sillem 1914.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11105)