Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (323-11084)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Pörtschach

21. 12. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: Antisemitismus Neuphilologische Mitteilungen Revista Internacional de los Estudios Vascoslanguage Französisch Grammont, Maurice Becker, Philipp August Richter, Elise Gamillscheg, Ernst Bédier, Joseph Vossler, Karl Wagner, Max Leopold Meyer-Lübke, Wilhelm Meillet, Antoine Salverda de Grave, Jean Jacques Gilliéron, Jules Gauchat, Louis Urtel, Hermann Griera y Gaja, Antonio Bonn Schuchardt, Hugo (1894) Spitzer, Leo (1920) Spitzer, Leo (1921)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (323-11084). Pörtschach, 21. 12. 1921. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2154, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2154.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Pörtschach, 21. XII.

Verehrter lieber Freund,

Dank für Ihren lieben Brief. Ich bin nun glücklich im Wörtherseehafen der Ehe eingelaufen, in dem es warm und froh sein ist. Am 31. reisen wir zurück. Hoffentlich bringt die Reise keine Fährlichkeiten, wir müssen so sehr aufpassen. Sie ist ja doch ein Wagnis!

Ich hatte mich über Ihre Karte ein kleinwenig gekränkt, weil sie mir mangelhafte Bedachtheit für Sie vorzuwerfen schien, was wirklich nicht der Fall war. Ich arbeite nie nach dem Nachtmahl dadurch habe ich mir meine Gesundheit bewahrt –, daher erwähne ich das Aufbleiben bis 12 als Rarität. Daß Grammont nicht 1914 gestorben ist, schien mir durch den Artikel aus seiner Feder 1921 genügend widerlegt. Das "vollführen" bedrückt mich, bitte um Verzeihung.

Nun zu der Festgabeschrift-Frage. Sie wissen, daß ich trotz aller Wut auf die antisemitischen Kreise ein "guter Kerl" bin und davon meine Sympathie oder Antipathie nicht abhängig mache. BeckersAntisemitismus ist seine Privatsache – er ist ein großer Gelehrter und mein Lehrer, basta. Wie hat er sich nun zu mir verhalten, Frau Minni, die mit ihm in Fehde lebte, behauptete, feindlich. Mir gegenüber war er immer sehr nett, hat mich auch zu einer Abschiedskneipe eingeladen. Ich schrieb ihm anläßlich seines Abgangs unumwunden, wie sehr ich über seinen Antisemitismus empört sei, er antwortete er bitte mich, ja nicht anzunehmen, daß er sich in der Haltung zu mir durch derlei Dinge beeinflussen lasse. Somit habe ich von seiner Seite eine "Ehrenerklärung" und kann mich nicht über ihn beklagen. Friedmann wurde auch aufgefordert u. arbeitet mit, El. Richter dagegen nicht, weil B. sie nicht schätzt. Gamillscheg versichert mir, ich solle meine Bedenken "im Interesse der deutschen Wissenschaft" zurückstellen. Ich habe noch nicht definitiv zugesagt. Subjektiv glaube ich, daß Becker sich durch meine Mitarbeit sehr erfreut zeigen wird.

Es scheint aber, daß Sie in dieser Sache anderes im Vordergrund sehen als ich: Sie den "Stolz", ich vor allem die "Wissenschaft". Es ist das etwas, was mir oft im Verkehr mit Christen aufgefallen ist: diese können |2|nicht die ganz sachliche, "vorurteilslose" Haltung von Juden dort begreifen, wo diese angegriffen oder benachteiligt sind. Ich sehe z.B. in Becker nur den großen Forscher, (den Vorgänger Bédiers), der mein Lehrer war, dem ich daher Ehrfurcht schulde. Da ich weiter vor dem Alter sehr viel Ehrfurcht habe, so denke ich, vielleicht im Hinblick auf meinen Vater, wie sehr ihn freuen muß, wenn jüngere Leute an ihn denken, und ich begrabe schmerzlos den Tomahawk, den ich früher einmal – siehe obigen Brief – geschwungen hatte. Sie scheinen sich die Frage vorzulegen: wie kann Sp. der Jude B. den Antisemiten ehren? Aber es will ja der Romanist Sp. den Romanisten B. ehren. Und ich verstehe auch nicht, was das mit meiner Laufbahn zu tun haben soll, daß ich meinen Lehrer, der mir gewissermaßen Abbitte getan hat, ehre.

In der Vossler-Sache steht es anders: ich kann mich auf einen Präzedenzfall berufen: M.L. Wagner wurde von mir nicht zu dem M-L. Unternehmen aufgefordert, teilte mir aber mit, er wolle etwas tun. Er widmete ihm dann ein Buch. Die Ehrung eines Gelehrten scheint mir nicht das Reservatrecht einer Clique (wie dies im Falle Leskien1 oder Vossler gehandhabt wurde), sondern das aller Mitforscher von Namen (und den streitet mir ja auch niemand ab). Ich hätte nun wie Sie im Leskienfall meinen Ingrimm schriftlich niederlegen können – zweifle aber, daß das mir mehr genützt hätte als die einfache Mitarbeit an einem Unternehmen, dessen "Idealismus" ich billige.

In den letzten Tagen sind mehrere Rezensionen über "Hunger" und "Kgf.Br." erschienen, die mich gefreut haben: in Neuphil.Mitt., in Die Neueren Sprachen, BLL (Meillet), Neophilologus (Salverda de Grave). Gilliéron hat mir mehrere Abhandlungen geschickt, darunter eine sehr grobe gegen Gauchat. Seine Frau sandte mir 2 Bilder von dem Meister, die ihn sehr gealtert zeigen. Er soll infolge von Arterienverkaltung an Gehörschwäche leiden.

Urtel schrieb mir eigentlich sehr freudig noch vor kurzem. Auch mich betrübt, was Sie mir mitteilen. Woran leidet denn seine Frau?

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Wenn Sie umbrochene Korrekturen Ihrer Artikel bekommen, so bitte ich um Mitteilung von Jahrgang und Seitenzahl, bes. bei Rev. Basque, damit ich sie in das Bibl. Verz. (Nachtrag) einfüge. Ein Fragekärtchen ist übrigens unterwegs, wo ich auch durch Hineinblicken in Sachs mir nicht zu helfen gewußt hätte (ähnlich stand es ja auch mit dem Ung. Text).

Nun zu "Klein" als Zärtlichkeitswort: ich habe darüber nicht so sehr eigene Beobachtungen als solche meiner Frau: diese meint, Kleene werde in Berlin überhaupt zu Frauenspersonen, oft nicht gerade in sehr hochschätzender Absicht, gesagt. Aber auch kleines Fräulein könne man in Deutschland beim Ansprechen auf der Straße hören. Sie selbst sei, obwohl nicht körperlich klein, als sie in einem Wiener Garnisonsspital pflegte, oft kleines Schwesterl genannt worden. Die Parallele mit frz. ma petite femme etc. liegt nahe.

M-L ist nach Barcelona zu Vorträgen für den Frühling eingeladen, Griera kommt im Jänner zu 3 Vorträgen nach Bonn.

Gegen Gamillschegs Etymologien, deren jede fast falsch ist, habe ich einen Artikel der Ztschr. eingereicht.

Nun senden wir Ihnen die herzlichsten Weihnachtsgrüße! Verbringen Sie das schönste Fest, das die Menschheit je ersonnen hat, das Fest, das unser Alltagsleben mit einem duftenden Märchenschimmer umwebt, so schön wie wir es wünschen und wie wir selbst es uns zu gestalten trachten werden.

Alles Liebe von den

Spitzers


1 Schuchardt widmete selbst eine Schrift an Leskien: An August Leskien zum 4. Juli 1894. Graz: Styria 1894.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11084)