Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (287-11047)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

21. 04. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Balassa, József Hilka, Alfons Lerch, Eugen Becker, Philipp August Schuchardt, Hugo (1885) Schuchardt, Hugo (1900) Spitzer, Leo (1922) Schuchardt, Hugo (1920) Wassermann, Jakob (1921)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (287-11047). Bonn, 21. 04. 1921. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2118, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2118.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 21. IV.

Verehrter lieber Freund,

Dank für die neuerliche Sendung. Da Sie selbst "vorläufig" schreiben, so wage ich noch zu hoffen, daß Bogen 1 der Schrift über die Lautgesetze (S. 1-8)1 noch zum Vorschein kommt, der nicht enthalten war. Darf ich nun den Vortrag über die "Klassifikation"2 bis zur Drucklegung behalten? 107 (ich vermute, Sie meinen dies unter 109 a: "das ich mir nicht einmal leihweise verschaffen könnte") geht bald zurück. Die Magyarika habe ich von Balassa annoncieren lassen – aber sie werden wohl kaum zurückkommen. Wie soll ich es nun mit den beiden Abhandlungen M Nyr. 46, 137ff. u. M. Nyelv. 12, 278ff. halten? Soll ich aus dem Ungarischen rückübersetzen. Lieber wäre mir, wenn Sie mir Ihre Original-Mss. sendeten – damit ich nicht ein Stilpastiche zusammenfexe. Selbstverständlich käme nur das Allgemeine in Betracht. Der erstere Aufsatz ist übrigens teilweise im "Anthropos" wiederholt. – Wenn Sie die Aufsätze über Vinsons Syntaxe basque dem Syntaktiker Spitzer vom Syntaktiker Vinson gelegentlich verschaffen könnten, wäre ich Ihnen très obligé. – Auch ich verlege gern Sachen u. besonders mein Umzug hieher hat Verbundenes auseinandergerissen. Eine Bibliothek ist wie der unbewegliche Koloss Russland: arm und hilflos. So finde ich Ihre No. 66 und 646 nicht.

Nun aber Schluß mit dem Gebettele! – Da Sie selbst im letzten Butlletí etwas veröffentlicht haben,3 brauchen Sie wohl kein Sep. meines Artikels über Onomat. (ich habe bisher übrigens keins). Hoffentlich haben Sie die beiden Bändchen der "Bibliotheca" richtig erhalten. – Die Greifswalder Aussichten sind auf ein ungreifbares Minimum reduziert. Das Min. will Lommatzsch, den es zweimal übergangen hat u. der|2| auch vor Hilka in Gr. vorgeschlagen war. Wenn L. von Berlin weggeht, so ist die Sache natürlich entschieden. Es gelten eben noch immer die bürokratischen Altersunterschiede, auch wenn der Betreffende sonst dem Min. nicht besonders zusagt: denn wie sollte der Textherausgeber L. dem mittelalter- und philologiefeindlichen Becker zusagen? Für mich ist eben nichts zu machen.

Ich lese jetzt Wassermann's "Mein Weg als Deutscher und Jude": er schildert dort einmal seine Stellung beim Militär: "ich merkte bald, daß es mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre [die Zufriedenh. herbeizuführen]; daß es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz die befriedigende Leistung selbstverständlich zu finden, die unbefriedigende an den Pranger zu stellen".

Herzlichste Grüße
Sp.


1 H.S., Über die Lautgesetze: Gegen die Junggrammatiker. Berlin: Oppenheim 1885.

2 H.S., Über die Klassifikation der romanischen Mundarten (Leipziger Probevorlesung von 1870).  Graz, 1900. Im folgenden geht es um Vorlagen zu kleineren Arbeiten, die ausschnittsweise ins Brevier Eingang finden.

3 Zuletzt H.S., "Andorra", in: Butlletí de dialectologia catalana 36 (1920): 77.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11047)