Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (277-11037)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

09. 01. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: Revista Internacional de los Estudios Vascos Gilliéron, Jules Saussure, Ferdinand de Lerch, Eugen Farinelli, Arturo Crescini, Vincenzo Maver, Giovanni (Hans) Goidánich, Pier Lollis, Cesare de Battisti, Carlo Salvioni, Carlo Vossler, Karl Griera y Gaja, Antonio Scheuermeier, Paul Urquijo Ybarra, Julio de Aranzadi y Unamuno, Telesforo de Italien San Sebastian Spanien Lerch, Eugen (1921) Schuchardt, Hugo (1897) Schuchardt, Hugo (1899) Schuchardt, Hugo (1891) Schuchardt, Hugo (1918) Gilliéron, Jules (1918) Spitzer, Leo (1921) Pauli, Ivan (1919) Jaberg, Karl/Jud, Jakob (1928–1940)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (277-11037). Bonn, 09. 01. 1921. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2108, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2108.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 9. I. 1921

Verehrter Herr Hofrat,

Dank für Ihren Querbrief, der aber weder querköpfig geschrieben noch auch mir in die Quere gekommen ist. Freue ich mich doch über jedes Lebenszeichen von Ihnen. Auch wir haben Ihrer oft gedacht und Sie sind also nicht so einschichtig wie Sie glauben. Gleichzeitig mit Ihrem Brief ka]u[m auch ein Schreiben Gilliérons – fast derselben Stimmungsart: Klage über Alter, Alleinsein und die böse Zeit ("Tout ce que je vois m'écoeure"). Es scheint also dies Gefühl des Alleinseins – das mit Verheiratung oder nicht nichts zu tun hat – eine Gelehrtenkrankheit zu sein. Ich nehme auch ihre Spuren an mir schon deutlich wahr: immer mehr Liebe stirbt einem dahin, man ist immer alleiner. Und das kommt wohl von den engen Grenzen, die dem Gelehrtentum überhaupt gezogen sind: die paar Fachgenossen sind doch nicht die Welt! Auch ist unsere Arbeit, die auf Anspannung aller Fähigkeiten zum Zwecke geistiger Triumphe hinzielt, im Wesen egoistisch (wenn auch in höherem Sinne) und vereinzelt uns. Endlich sprechen alle Menschen und im besonderen alle Gelehrten Monologe – sie verstehen sich, nicht einander und wollen dies auch gar nicht. Deshalb ist alle Anerkennung anderer kalt, weil sie nie zur Identifikation mit unserem Wesen führt.|2| Das zeigt sich auch in unserer Streitfrage, ob ich Sie richtig als Historiker beurteilt habe. Ihnen tönt daraus eine kalte Klassifikation, die ich nicht beabsichtigt hatte. Sie wissen, daß ich das "Shakespeare und kein Ende" auf Sie angewandt habe, um damit anzudeuten, daß Ihre Persönlichkeit eben unendlich ist. Ich habe nicht "Nur-Historiker" geschrieben, sondern "Historiker" – einfach deshalb, weil Ihre Einwände gegen Saussure die eines solchen sind. Wer wüßte besser als ich, daß Sie das Gleitende, Nicht-Abgezirkelte lieben! Ist es doch das gerade, was mich gegenüber der Einkapselung der Bürogrammatiker und ihrer romanistischen Nachfahren mächtig zu Ihnen zieht.

Das mit dem "weiten Überblick", der den Romanisten nottue, müssen Sie einmal Herrn Lerch sagen, der mir eben diesen Überblick als Negativposten ankreidet: ich studiere angeblich verschiedene Sprachen, um in ihnen dasselbe zu finden. Das ist Aufkläricht, 18. Jahrh. usw. Herr Lerch hat eben keinen weiten Überblick und leugnet den Elementargedanken – weil er eben das Elementare unserer Wissenschaft nicht beherrscht (wie sein Altfrz. Übungsbuch zeigt).1

Mit den Italienern bin ich nicht in so reger Fühlungnahme wie Sie. Es ist ja auch wohl niemand mehr da, mit dem ich – außer mit Farinelli, Crescini und Maver – Lust zum "Anbandeln" hätte. Der Typus Merlo ist mir unsympathisch, Goidanich und De Lollis sind schreibfaul, Battisti für mich uninteressant.|3| Wenn Sie die Italiener auf meine Kriegsbücher, die Italien so sehr betreffen, hinweisen wollten, wäre ich dankbar. – Salvioni habe ich nie besonders nahetreten können. Wenn ich so veröffentlichte wie Salvioni, hieße es: "immer diese Kleinigkeiten". Salvioni hat nicht die Fähigkeit gehabt, über den positiven Kleinkram hinauszublicken. Er klebt an der linguistischen Scholle – und ist damit terre à terre. Vollends die Opposition seines Schülers Merlo gegen Gilliéron ist gradezu trottelhaft. Ich schließe Sie keineswegs von der Sprachgeogr. aus, da ja Gilliéron Sie selbst als seinen wissenschaftlichen Vorgänger auffaßt, sondern sage nur, daß jener praktisch ganz anders arbeitet als Sie. Wollen Sie etwa leugnen, daß "Romanische Etymologien III", "Slawo-Italienisches", "die romanischen Lehnwörter im Berberischen" etc. ganz anders aussehen als die Généalogie.... l'abeille?2 Dabei brauchte Gilliéron einen Zuschuß Ihres vielseitigen und "gleitenden" Wesens. Aber ich "klassifiziere" schon wieder!

Der Individualist, der an der eigenen Persönlichkeit Freude hat, freut sich an fremder, daher die mephistophelische Charakterisierlust.

Sie haben gewiß recht: eine Etymologie sollte als Einzelblümchen, ohne Zusammenhang mit Größerem, verpönt sein. Aber dehnen wir das überhaupt auf die Wissenschaft aus, so möchte ich sagen, daß der herrschende Betrieb gerade der entgegengesetzte, der seelen- und weltanschauungslose, ist und daß gerade meine mangelnde Kühle den "Großkopferten"-Kleinköpfigen nicht behagt. Neulich schrieb mir |4| Vossler, die Synthese zwischen menschlichem Fühlen u. wissenschaftlichem Forschen, die andere gar nicht erstreben, sei mir in "Ital. Kgf.-Br." geglückt. Das hat mich sehr gefreut. Weil es wirklich eine der wesentlichen Triebfedern meines Arbeitens herauslöst und weil Vossler ja eben doch ein ganz besonderer Mensch ist.

Kluge's warakione = garçon halte ich für arg verfehlt, sowohl lautlich (garance!) wie semantisch (urspr. Bdtg. 'Bursche', nicht 'Knecht', vgl. Pauli3). Vising's Gerte ist wohl das Richtige.

Auch nach San Sebastián habe ich meine Fühlhörner gesandt – Griera und Castro haben meine "Fremdwörterabhandlung" erbeten u. verwerten sie gegen die Basken. In Finnland und Spanierland werde ich als "profesor alemán" zitiert –während ich in Deutschland aber durch die Nichtprofessur büßen muß.

Gilliéron hat uns nach Twann für den Sommer eingeladen. Scheuermeyer hat die ersten Karten des oberit. Atlas angefertigt.4 Ich sollte sie zu Weihnachten bekommen, sie sind aber nicht fertig.

Die öst. Valuta sinkt auf Null herab. Was wird nur werden? Ich habe mein finanzielles Leid dem Berliner Personalreferenten geklagt u. erhoffe nun die Remunerierung meines Lehrauftrages. Alle Priv. Doz. bekommen sie nun fast, nur ich nicht. Natürlich...

Wie könnte man auf billige Weise (d.h. umsonst!) zur Revue internation. des études basques kommen? Könnten Sie mich den Herrn Urquijo oder Unamuno oder sonstwem empfehlen? Die span. Zeitschriften bekomme ich durch Mitarbeit, denn kaufen kann ich ja solche Schätze nicht.

Haben Sie mein Morgenstern-Röllchen nicht bekommen?

Beste Grüße von uns beiden – e pronta risposta!

Spitzer


1 Eugen Lerch, Einführung in das Altfranzösische. Texte mit Übersetzung und Erläuterungen. Leipzig & Berlin: Teubner 1921.

2 J. Gilliéron, Généalogie des mots qui désignent l'abeille d'après l'Atlas linguistique de la France; Paris: Champion 1918

3 Ivan Pauli, "Enfant", "Garçon", "Fille" dans les langues romanes. Étudiés particulièrement dans les dialectes gallo-romans et italiens. Essai de lexicologie comparée. Lund: Berlingska Boktryckeriet 1919.

4 Es handelt sich um Scheuermeiers Beitrag zu Karl Jaberg und Jakob Jud (Hrsg.), Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, mit Beteiligung von Paul Scheuermeier, Gerhard Rohlfs und M. L. Wagner. Zofingen: Ringier 1928.

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