Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (266-11026)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Pörtschach

07. 09. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Sozialismus Psychoanalyse Literarisches Zentralblatt für Deutschland Freud, Sigmund Sperber, Hans Braun, Otto Brüch, Josef Spitzer, Emma Wien Sperber, Hans (1912)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (266-11026). Pörtschach, 07. 09. 1920. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2096, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2096.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Pörtschach, 7. IX.

Verehrter Herr Hofrat,

Dank für mugoró etc. Nun wüßte ich gern Näheres über das "sanars – nein" – heißt das: "Sanars = sanare ist falsch" oder "ich will nichts über sanars sagen?"

Warum ich nicht den psychoanalyt. Versuch klar ansage? Weil der Ruhm des Freudianers ein zweifelhafter ist. Jede Bewegung, die von Juden ausgeht (Sozialismus, Psychoanalyse) oder gepflegt wird (Monismus), ist ja von vornherein "geliefert". Das ist nun einmal so. Sperber verdankt seine Nicht-Habilit. in Wien seinem Imago-Aufsatz.1 Übrigens bedarf mein Aufsatz keiner Vorbereitung durch Freud, dem ich schon in meiner Diss. manches schulde, dem ich aber nicht in seinen Gewaltsamkeiten beistimme. In der Isolde Traumesweben werde ich mich demnächst versenken.

Otto Braun's Buch hat man mir schon empfohlen, aber ich verhielt mich zu ihm wie Sie zu dem Muß-Gelesen-werdenden Barbusse. – Der Besprecher im Lit. Zentralbl. ist mir unbekannt. Wie erfährt man ihn? Wie heißt der Herausgeber? Er hat Recht im Sachlichen, die Form ist die, die ich gewohnt bin. Man spricht eben zu einem Publikum, das einen nicht mag. – Zu Ihrem Hopp-articolejo: haben Sie Brüch's Bemerkungen in Ztschr. 30 gekannt?

Ich habe wieder große Sorgen: meine Frau hat, wie ich Ihnen wohl schon schrieb, bei einem ganz harmlosen Tritt ins Boot sich eine Sehnenzerrung mit Erguß im Gelenk zugezogen, die |2|allem Anschein nach Monate lang sie ans Bett fesseln wird. Wie das mit unserer Abreise werden wird, weiß ich noch nicht. Wir haben Pech und meine Glückeskurve ist in absteigender Linie: wir sollen nun einmal das materielle Wohlleben schwer bezahlen! Und doch, wie viel mehr wert ist die Liebe zu einem anderen Wesen als die mit dem Egoismus doch zum Verwechseln verwandte Liebe zur Wissenschaft! Allerdings teilt das liebend-geliebte Wesen keine Keulenschläge aus wie die "Wissenschaft" oder vielmehr ihr Klerus.

Ergebenste Grüße
Spitzer


1 Hans Sperber "Uber den Einfluss sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache", in: Imago 1912. Imago war die 1912 von Freud gegründete psychoanalytische Zeitschrift.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11026)