Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (225-10984)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Bonn

15. 12. 1919

language Deutsch

Schlagwörter: Don Quijote Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Universität Marburglanguage Französisch Paris, Gaston Cornu, Julius Lerch, Eugen Vossler, Karl Meillet, Antoine Chamberlain, Houston Stewart

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (225-10984). Bonn, 15. 12. 1919. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2055, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.2055.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Bonn, 15. XII.

Verehrter Herr Hofrat,

nun, was predige ich denn anderes, als daß die Fremdwörterbewegung nichts ist als eine Weltanschauungssache, nichts mit der Sprachwissensch. zu tun hat, die beiden Teilen helfen oder schaden kann. Daß ich als Wahldeutscher nicht das Recht hätte, für "richtige" Deutsche und zu ihnen zu sprechen, ist eine ausgemachte deutsche Anschauung, die ja auch die Vergebung der Professuren beherrscht: in Frankreich darf Lanson, durfte G.Paris, obwohl Juden, im Namen der franz.-Literatur- bzw. Sprachwissenschaft reden (von Italien mit seinen zahlreichen Stadtnamen tragenden Linguisten will ich schweigen). – Also der gute alte Cornu ist gestorben! Ein netter alter Herr! – Beiläufig: was ist mit seiner Bibliothek? Könnten Sie mir bei den Erben ein Vorkaufsrecht sichern? Ich wäre Ihnen dafür sehr verbunden. – Das Unrecht, das die Entente in Südtirol tut, ist nichts gegen das Unrecht, das die Ungarn den beherrschten Nationalitäten angetan haben. – Meine Verbitterung in Deutschland wächst. Nach der Lerch-Vossler-Campagne gegen mich erhält natürlich Lerch – zur Belohnung?! – ein Extraordinariat. Bitte, lesen Sie einmal dieses eminent "deutsche" Buch über das Futurum? Und sagen Sie mir dann bitte, ob es uns nicht tausendmal mehr im Ausland schaden wird als meine angeblich utopistischen Internationalistereien. Und da schrieb mir noch Meillet vor kurzem, daß "aucun linguiste digne de ce nom" solche "sottises" gesagt habe wie Chamberlain. – Zu Ihrer sehr inhalts- und gedankenreichen Rez. über Urtel: zu dinque-danque vgl. frz. dinge, verrückt? Zu en un sentiamén wäre |2|Spitzer Aufsätze S. 219 Anm. zu zitieren.

In Anm. auf Sp. 400 l. cascabellus. – zu aiko-maiko vgl. Aufsätze S. 194 Anm. und S. 213. – Über arri und arriar vgl. Rodríguez-Marín's Anm. zu verschiedenen Stellen des Don Quijote.1

Ergebenste Grüße
Spitzer

Wechssler kommt also nach Berlin – wer nach Marburg?

Haben Herr Hofrat mit Prof. Simonyi wieder briefliche Verbindung? Ich schrieb zweimal vergebens.


1 In den Jahren 1911-1913 und 1916-1917 besorgte Francisco Rodríguez Marín zwei kritische Ausgaben des Don Quijote (Barcelona und Madrid).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10984)