Eduard Sievers an Hugo Schuchardt (03-10563)

von Eduard Sievers

an Hugo Schuchardt

Leipzig

02. 08. 1896

language Deutsch

Schlagwörter: Phonetik Phonologie Akzent - Akzentforschung artikulatorische Phonetiklanguage Georgischlanguage Armenisch Tiflis Erckert, Roderich von (1895) Sievers, Eduard (1876) Schuchardt, Hugo (1895)

Zitiervorschlag: Eduard Sievers an Hugo Schuchardt (03-10563). Leipzig, 02. 08. 1896. Hrsg. von Johannes Mücke (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.2002, abgerufen am 22. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.2002.


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Leipzig - Gohlis, Turnerstr. 26
2. Aug. 96

Lieber herr college,

Die begegnung mit herrn Geordania1  ist ihrerzeit programmässig verlaufen, leider nicht ganz mit dem erfolg den sie unter günstigeren umständen vielleicht hätte haben können. Es ergab sich nämlich bald, dass herr G. transcribierte texte, die ich ihm vorlegte, doch nicht so geläufig lesen konnte dass man echte satzsandhiformen dabei hätte herausbekommen können; anderseits hatte ich keine originaltexte zur hand (ausser den einzelwörtern des alten Klaprothschen Vocabulars2), die ich ihm hätte vorlegen können: ich hatte auch, wegen starker besetzung mit prüfungen, vor der ankunft des herrn G. nicht mehr zeit gehabt, mir wenigstens eine anzahl mustersätze zu transcribieren, damit ich, während er das original läse, die transcription verfolgen könnte. Ohne transcription hätten mir originaltexte bei flüchtigem vorlesen auch nicht genützt, da |2|sich da ohne die stütze des auges für den der sprache unkundigen doch nichts genügendes hätte auffangen lassen. Ich kann Ihnen also nur mit aller reserve ein paar einzelbeobachtungen über laute geben. Das accentproblem habe ich auch nicht lösen können: gerade beim vorsprechen isolierter wortformen wechselte G. natürlich mit dem ictus je nach den silben die er etwa lautlich hervorheben wollte (etwa zum behuf einer correctur einer falschen nachbildung durch mich [nicht lesbares Zeichen]). -  

Die თ [behauchtes t] ფ [behauchtes p] ქ [behauchtes k] sind echte aspiraten, und zwar, wie Sie hervorheben, ohne besonderen nachdruck gebildet. Doch möchte ich sie nicht lenes nennen: dazu ist ihr druck doch nach meiner schätzung wider zu stark. Man könnte vielleicht sagen, daß der druck hauptsächlich auf den hauch falle, daß also der vorausgehende verschluss relativ schwach sei: das würde wol dem tatsächlichen am besten entsprechen. Aus der relativ grossen stärke des hauches erklären sich übrigens auch gelegentliche begleiterscheinungen. Während das ფ [behauchtes p] in ფაფარი [phaphari] z.b. ganz reines ph ist, hat es in formen wie  ფული phuli ein deutliches labiales |3|blasegeräusch (das an der gerundeten mundöffnung gebildet wird), und vor i kommt ein palatales beigeräusch neben dem h vor, also in fällen wie ლაფი laphi. Darauf mag auch wol die angabe zurückgehen, dass ფ zum teil als f gesprochen werde (phuli etwa pφuli, wenn ich mit φ das blasegeräusch andeute, annähernd für den ungeübten = pfuli): herr G. leugnete diese aussprache ganz bestimmt, und meinte (wenn ich nicht irre) sie käme nur bei den Russen vor. Auch die etwas sonderbare beschreibung des lautes bei Erckert s. 290 3 versteht sich wol am besten aus einem wirklichen laute wie (u), ph(i) -.

Bei ტ [ejektives t] კ [ejektives k] პ [ejektives p] nebst წ [ejektives ts]  ჭ [ejektives tsch] ist der kehlkopfverschluss deutlich, und zwar ist bei G. genau so wie Sie mir s. z.4 hier es vorsprachen, die kehlexplosion deutlich von der mundexplosion getrennt, sie kommt hinterher (im gegensatz zu der gleichzeitigen explosion der beiden verschlüsse im Tifliser Armenisch): also p-ʾa, t-ʾa, k-ʾa etc. (gegen arm. p͗a, t͗a, k͗a (wenn ʾ hier die kehlexplosion bezeichnen soll). Die ʿ aspirierten ც [behauchtes ts] ჩ [behauchtes tsch] entsprechen ziemlich genau den aspirierten arm. ts͏͑, tš͑, nur dass sie wieder, dem allgemeinen charakter der georg. |4|aspiraten entsprechend, einen etwas leichteren verschluss zu haben scheinen.

(Fortsetzung auf dem andern bogen p. 5)5

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(Fortsetzung auf dem andern bogen: bitte das versehn zu entschuldigen).

Ganz unsicher geblieben bin ich über die eig. natur des ყ (q) [ejektiver Kehlkopflaut]. Sprach G. es isoliert aus, so bildete er einen tief gutturalen verschluss mit gleichzeitigem kehlkopfverschluss; die mundexplosion gab ein stark kratzendes tiefgutturales reibungsgeräusch, und nachher folgte, wie bei den übrigen kehlkopfverschlusslauten, die kehlkopfexplosion: also etwa q-̽ ʾa, wenn ich mit  ̽ das gutturale kratzgeräusch bezeichnen soll (die aussprache war auf alle fälle vollständig verschieden von der die mein Tifliser Armenier mir für das georg. q gegeben hatte: es fehlte bei G. die von mir beschriebene starke hebung des kehlkopfs, andererseits bei meinem Tifliser wieder jede spur eines Kratzgeräusches). Danach würde das ყ theoretisch in die reihe ტ კ  usw. zu stellen sein. Aber die sache änderte sich complett beim wortsprechen. Da ich von vorn herein dem ყ den kehlkopfverschluss beimass, ihn auch bei G.’s isoliertem lautieren hörte, so reproducierte ich ihn auch beim nachsprechen von wörtern, und das resultat war, |6|dass ich es ihm nie recht machen konnte: ich müsste ’weicher’ sprechen hiess es (d.h. im sinne des georg. ’weich’, das offenbar nichts anderes besagen will als ’ohne kehlkopfschluss’). Das war auch nicht verwunderlich, da ich eben das was ich bei G. hörte nicht richtig nachahmen konnte solange ich den kehlkopfschluss anbrachte. Nach langem hin- und herparlamentieren bin ich schließlich zu dem resultat gekommen, daß das ყ übh. keinen festen lautwert mehr hat. Es schwankt tatsächlich zwischen der aussprache als media (s. u.) und spirans, und der druck ist oft so minimal, dass man wie Sie sagen es manchmal kaum hört. Ein wort wie baqáqi sprach G. bald als bagági, bald als baჟági (dh. mit einer stark bezüglich des geräusches reducierten spirans ჟ, die nicht mit dem stark reibenden ღ zusammenfiel, auch nicht bez. der stellung). Es sind ganz ähnliche erscheinungen wie man sie in den semit. dialekten bezüglich des alten qāf findet (übergang in g und g͑ain u. ä., auch übergang in einfaches hamz [stimmloser glottaler Plosiv]: das wäre das verklingende georg. q).

In auflösung begriffen sind ferner die sog. |7|mediae, also die reihe ბ [b] გ [g], დ [d], ძ [sth. Affrikate] (dzil) ჯ [sth. dsch] (džan). Sofern sie überhaupt noch stimmhaft gesprochen werden, haben sie einen eigentümlich gepressten stimmklang, der jedenfalls für die sprache des herrn G. überhaupt charakteristisch ist. Gewöhnlich aber sprach er sie, wenigstens im anlaut, stimmlos aus und zwar entweder so nach art unserer gut thüring. - sächs. ziemlich starken b, d, g, oder aber als aspiraten, zb. oft ganz deutlich thon für დუ [dʊ] mit kräftigerem verschluss als bei den alten aspiraten wie თ. Das wären also ansätze zu einer lautentwicklung wie sie die versch. armenischen dialekte mit ihrer entwicklung media : tenuis : aspirata auch aufweisen, nur dass die sache bei G. noch im chaos zu liegen schien. Erwähnen will ich noch daß G. ab und zu – ob individuell, weiß ich nicht – einer anlautenden ’media’ einen gar nicht einmal zur selben silbe gehörenden, zeitlich getrennten stimmstoss vorausgehen liess, also etwa (ə)gori, dh. mundverschluss, stimmstoss, pause, mundexplosion: der stimmton wäre also hier nach vorn herausgerückt wie das ʾ bei den tenues nach hinten gerutscht ist. Uebrigens mag G. gerade beim einzelsprechen der buchstabennamen auch von

(Forts. auf dem anderen bogen s. 4)

|4|schultheorien beeinflusst gewesen sein, in der bekannten art gewisser halb ’naturvölker’. Wenigstens frappierte es mich, von ihm beim ძ dzil stets die aufforderung zu bekommen, erst ein zita zu sprechen dann danach dz zu bilden, weil das mit einer äußerung bei Erckert 2896 zusammenzustimmen scheint, die doch auch wol auf dessen georg. gewährsmann zurückgehen dürfte. Dabei war es sehr komisch, wie G. das z in zita stimmhaft aussprach, aber das dz in dzil sofort stimmlos bildete bez. in stimmlose aspirata umsetzte, ohne zu merken daß seine zita-regel nun gar nicht stimmte. -

Das ვ w ist ein sehr weit gesprochenes labiodentales w, das dem  in § 466 meiner Phon. 47 beschriebenen papuanischen   als stimmhafte parallele entspricht. D.h. bei der bildung des w nähert sich die unterlippe, die ein wenig eingezogen wird, den oberzähnen, aber der spalt bleibt doch öfter wol 2 millimeter oder gar mehr breit. Es fehlt also auch fast ganz an einem deutlichen

(Forts. s. 8 auf diesem Bogen[)] |8|reibungsgeräusch, und der gesamteffect kommt dem unseres mitteldeutschen bilabialen w ziemlich nahe.

Sonst wäre vielleicht noch zu erwähnen dass G. das  შ šín ziemlich stark palatal aussprach. *)

Dass die stimme leicht ausfällt, habe ich schon bei den medien erwähnt: das stimmt also auch zu Ihren beobachtungen. Vorzüglich wird in der nachbarschaft von stimmlosen stimmhafter consonant auch stimmlos; also z.b. ok͑r̬o, hw̬ith u. dgl.; ja ein wort wie tqe wald klang (mit dem umweg über ჟ für q) fast ganz wie txe, nur dass das reibungsgeräusch des x kürzer abgebrochen erscheint als in dem etym. x: ähnlich etwa wie unser kratzendes pseudo-uvular r in tr- gegen tch-, wenn man sie bilden wollte.

Auch vocale verstummen in unbetonter stellung; namentlich bei i habe ich das beobachtet, vgl. z.b. schnell gesprochenes odzdā́th‘ (mit palatalem th) 30, othχmotś 80 u.ä.

[FN S. 8 unten:] *) und dass die ganze dentalreihe, einschl. der ts- und -laute echte dentale (postdentale) enthält.

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Weitere beispiele für stimmlosigkeit auch bei herrn G. m̬tha, r̬ku, γ̬w̬thisagan (Schuchardt s. 12), γ̬w̬thiw̬ (spr.  xf̭thiw̬), m̬χr̬iw̬ (s. 14) etc. Das schöne ungeheuer von s. 8 sprach herr G. w̬z̬j̬nób̬ aus (auch das n wol noch stimmlos).8

Zu formen wie mathni wurde das th explodiert, dann der n-verschluss neu gebildet.

Zu s. 12 bemerkte G., dass die druckform ტფ in dem namen für Tiflis nur bei russischen drucken vorkomme: man spreche nur თფილისი.

Weiteres wüsste ich im augenblick nicht zu sagen, oder wenigstens nicht zu schreiben: doch können wir ja vielleicht bei gelegenheit noch einmal mündlich über die sache verhandeln, wobei sich manches leichter ergeben wird. Jetzt freilich gehe ich zunächst auf ca 4 wochen fort (vom 6. ab ist meine adresse St. Jodok bei Steinach, Tirol, bis ca 2 Sept.), um meine ziemlich derangierten nerven wieder etwas anzufrischen. Sie können den grad meiner gegenwärtigen dösigkeit schon aus dem malheur entnehmen |10|das mir mit den beiden (urspr. in einander liegenden) ersten bogen dieses briefs begegnet ist: als ich den fehler merkte, bin ich nachträglich erst recht in confusion geraten. Bitte nochmals um entschuldigung.

Mit besten grüßen

Ihr

ESievers.


1 Möglicherweise identisch mit Noé Geordania, einem Korrespondenzpartner Schuchardts, der mit Schuchardt zwischen 1896 und 1897 zum Georgischen korrespondierte (vgl. die Briefe Nrn. 03637-03643).

2 Vermutlich der Orientalist und Forschungsreisende Heinrich Julius Klaproth (1783-1835), vgl. seine Reise in den Kaukasus und Georgien in den Jahren 1807 und 1808 ( Klaproth 1812-1814 ).

3 Gemeint ist wohl Die Sprachen des kaukasischen Stammes (Erckert 1895). Auf S. 290 findet sich zur Aussprache von „ph, (p‘)“ folgende Anmerkung: „Dieser weiche Lippenlaut ist für das Mingrelische nicht genau durch ph wiedergegeben, da er dort ein erweichtes b, aber kein aspiriertes p ist. In den anderen Dialecten ist es ein hartes, starkes aber kurz ausgesprochenes pf, als ob im Laute p auch der Laut f enthalten sei.“

4 D.i. „seiner Zeit“.

5 Die Reihenfolge der Textstücke folgt in dieser Edition in der von Sievers beabsichtigten Anordnung, nicht ihrer tatsächlichen Folge auf den einzelnen Seiten des Briefs.

6 Vgl. Erckert (1895: 289), wo es zu „dz“ heißt: „Wird in einem Laut wie das griechische ζ (zeta) ausgesprochen".

7 Vgl. Grundzüge der Phonetik zur Einführung in das Studium der Lautlehre der indogermanischen Sprachen (Sievers 41893: 175) § 466 zur „Reduction des Reibungsgeräusches von Spiranten“, wo ein labiodentalesals Hörbeleg von Sievers gebracht wird.

8 Vgl. Schuchardt (1895 [HSA 289]), Über das Georgische, woher Sievers die Beispiele entnommen hat.

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