Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (66-00606)

von Jan Baudouin de Courtenay

an Hugo Schuchardt

Sankt Petersburg

17. 07. 1910

language Deutsch

Schlagwörter: Minderheiten- und Regionalsprachenlanguage Sorbischlanguage Litauischlanguage Russischlanguage Polnisch Salemann, Carl Gustav Hermann Baudouin de Courtenay, Jan (1984) Baudouin de Courtenay, Jan (1910)

Zitiervorschlag: Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (66-00606). Sankt Petersburg, 17. 07. 1910. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1893, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1893.

Printedition:


|1|

Petersburg, d. 4 / 17. VII. 10.

Verehrter Kollege und Freund!

Vor mehreren jahren haben Sie sich mir gegenüber über Salemann beklagt, daß er auf einige Ihre briefe mit vollem stillschweigen antwortete. Jetzt haben Sie gewißermaßen das recht, etwas ähnliches auch von mir zu sagen. Ihr brief vom 16 februar blieb bis heute ungeantwortet. Bei mir sind jedenfalls mildernde umstände mehr in betracht zu ziehen, als bei Salemann. Er hat nur 2 od. 3 stunden in der universität, als akademiker-privatdozent, dann verwaltung einer abteilung der akademischen bibliothek, und sonst nichts. Ich dagegen muß |2|14 – 16 stunden wöchentlich vortragen (in 3 lehranstalten), dann habe ich eine unmasse prüfungen (einige hundert köpfe an der universität in den höheren weiberkursen, d.h. an der weiber-universität), sitzungen etc. Es ist also kein wunder, daß man in diesem wirrwarr und wilder jagd seine korrespondenzpflichten vergißt. Im ersten augenblick wollte ich auf Ihren brief bald antworten; darauf aber hat sich die sache immer mehr verschoben.

Was das gehirn Sauerweins1 betrifft, so hat meines wissens eine genaue untersuchung desselben nichts besonderes ergeben: das gehirn wie ein gehirn, ohne irgendwelche auffallende eigentümlichkeiten. Entweder hat man bis jetzt keine genügende mittel solcher untersuchungen gefun|3|den, oder es steht solche begabung nicht in einem direkten zusammenhang mit dem äußerlichen aussehen des gehirns zusammen.

Jetzt kommt licho auf die reihe. Es kann wohl sein, daß seine bedeutung von 13 ausging, aber es ist auch eine andere deutung möglich, wenn man sich nämlich in die bedeutung des wortes hineindenkt. Licho bedeutet doch: „was übrig bleibt“, „das überflüssige“, „das unvorhergesehene“ u.ä. Daher eine weitere entwickelung vor allem in 2 richtungen: 1) das russischel’ix (лих-, лихо́й) bedeutet „das maß übertreffende“, „vorzügliche“, „eminente“, „außerordentliche“.– лиха́ч – ein vorzügliches pferd und dessen besitzer, droschkenkutscher; лихо́й молодец – „braver kerl“ etc. 2) polnisch „das unnütze“, „das unbrauchbare“, „das schädliche“, „brack |4|zum wegwerfen“ u.ä.

Haben Sie meine nachträglich Ihnen zugeschickten „экзаменаціонныя требованія2 erhalten? Sie können daraus sehen, womit man sich hier beschäftigt. Dem Vasmer 3 habe ich Ihren auftrag übermittelt. Gegenwärtig befindet sich Vasmer in Kossów (Ostgalizien)4 in Sanatorium des Dr. Tarnawski, seit 12 tagen ungefähr. Es weilt dort auch meine ganze familie. Vasmer ist nämlich bräutigam meiner ältesten tochter, welche gerade vor ferien die staatsprüfung an der universität bestanden hat. – Ich reise auch morgen, d. 5/18 d. m., nach Kossów, und dann nach Kraków. Ich möchte heuer auch Bulgarien besuchen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr ergebener

JBaudouin de Courtenay


1 Georg Julius Justus Sauerwein (1831-1904), Sprachgenie und freier Mitarbeiter der britischen Bibelgesellschaft. Er soll ca. 75 Sprachen beherrscht haben. Setzte sich sehr für die sog. „kleinen“ und Minderheitensprachen ein, vor allem für das Sorbische und Litauische. Lebte seit 1874 in Norwegen, wo er sich um die Erneuerung der norwegischen Sprache bemühte. Er starb in Kristiana ( Oslo, Norwegen), wurde aber in Gronau (Niedersachsen), wo er aufgewachsen war, beerdigt. Baudouin führt ihn in seinen Kopenhagener Vorträgen zum „Einfluss der Sprache auf Weltanschauung und Stimmung“ von 1923 (vgl. Mugdan 1984: 216f) als Beispiel für die „Vervollkommnung der Weltanschauung“ durch das Lernen von Fremdsprachen an und betont sein Eintreten für die Rechte der nationalen Minoritäten.

2 Baudouin de Courtenay, Jan. 1910. Ėgzamenacionnyja trebovanija po „vvedeniju v jazykovědenie“. Drevnecerkovno-slavjanskij jazyk. St. Peterburg: Tip. B.M. Vol'fa.

3 Max Vasmer (1886-1962), deutscher in St. Petersburg geborener und einige Jahre auch in Russland tätiger Slawist. Heiratete die älteste Tochter Baudouins Cezaria Anna. Vgl. dazu 32-610, Baudouins Brief vom 7.VII.1920.

4 Heute Kosiv, Ukraine

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 00606)