Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (65-356)

von Hugo Schuchardt

an Jan Baudouin de Courtenay

Graz

14. 03. 1904

language Deutsch

Schlagwörter: language Georgisch Salemann, Carl Gustav Hermann Schuchardt, Hugo (1904) Dirr, Adolf (1904) Schuchardt, Hugo (1904)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (65-356). Graz, 14. 03. 1904. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1892, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1892.


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Graz, 14 März 1904

Hochgeehrter Herr Kollege

Ich bitte tausendmal um Entschuldigung dass ich Ihnen nicht sofort nach Eingang des Buches über die Intern. Spr. dafür gedankt habe. Ich hoffte nach einiger Zeit Ihnen melden zu können dass ich es in meinem Aufsatz für die Beil. z. Allg. Ztg erwähnt hätte; nun bin ich aber auf Wochen hinaus durch Anderes – leider auch z. T. durch meine Frühjahrsneurasthenie – ganz |2|in Anspruch genommen. Es gilt die Durchsicht einer Handschrift in mehreren Bänden zu beenden; sie rührt von einem noch Unbekannten her – aber es ist ein aufgehender Stern am sprachwissenschaftlichen Himmel.

Salemann wird mir wohl schwerlich schreiben. Es ist mir, wie gesagt, lieb zu hören dass kein persönlicher Grund vorliegt. Aber im Unklaren bin ich dennoch. Die Grammatik von Džanašwili ist so unkritisch (aber reich an Material) dass sie keinesfalls gedruckt |3|werden wird. Also warum kann ich sie nicht bekommen? Salemann schrieb mir damals ich könnte sie ohne Weiteres haben wenn ich mich an ihn oder an die Akademie wendete. Das Letztere mag ich nun, nach Allem keinesfalls mehr tun.

Ich habe, als fast Einziger der sich im Westen mit dem Georg. beschäftigt, in meiner auf dasselbe bezüglichen Korrespondenz entschiedenes Unglück. Vor Monaten schon wandte ich mich nach Berlin um einige nähere Aus|4|kunft über die aus Damaskus stammenden, kürzlich dorthin gebrachten alten georg. Hdss. zu erlangen –ich habe seither wiederholt angeklopft – keine Antwort. – Am 20 d. M., also in wenig Tagen, wird bei Hartleben eine georgische Grammatik (von Dirr1) erscheinen. Daran hat es bis jetzt vollkommen gefehlt.

Vor mir liegt der 1. Bd. von Dittrichs Grundzügen der Sprachpsychologie, 800 Seiten – und da ist von der Sprache selbst eigentlich noch gar nicht die Rede. Wie soll man alles das lesen!

Mit besten Grüssen

Ihr dankbar ergebener

HSchuchardt


1 Das Buch des Kaukasusforschers Adolf Dirr (1867-1930) erschien bei Hartleben in Wien und Leipzig unter dem Titel Theoretisch-praktische Grammatik der modernen georgischen (grusinischen) Sprache mit Übungsstücken, einem Lesebuch, einer Schrifttafel und einer Karte“ und wurde von Schuchardt sehr kritisch in einer umfangreichen Rezension in der Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 18 (1904): 241-260 besprochen. Gleich zu Beginn dieser Rezension beschwert sich übrigens Schuchardt darüber, dass „man nun in den letzten Jahrzehnten den Russen … beginnt … die Bezeichnung ‘grusinisch’ … abzuborgen.“ (Brevier-/Archivnr.478)

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archiv der Petersburger Akademie der Wissenschaften. (Sig. 356)