Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (58-356)

von Hugo Schuchardt

an Jan Baudouin de Courtenay

Graz

16. 01. 1899

language Deutsch

Schlagwörter: Bismarck, Otto von Weigand, Gustav Ludwig Österreich Ungarn Buszko, Józef (1972) Madeyski-Poray, Stanislaus (1884)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (58-356). Graz, 16. 01. 1899. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1885, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1885.


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[Etwas eilig] Graz 16 Jänner 99

Hochgeehrter Herr Kollege:

Noch ehe ich die übersandten Broschüren gelesen habe, sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank dafür; denn da ich sie begreiflicher Weise ziemlich langsam lesen werde, müsste ich sonst meinen Dank zu lange aufschieben. – Ihre Aeusserungen über Bismarck werden mich nicht verletzen; er war ein heftiger Feind der Polen, und ein Pole darf auch ihn hassen. Ich interessire mich von |2|jeher für die Sprachenkämpfe und Alles was damit irgendwie in Beziehung steht. Was unsere Monarchie anlangt, so bin ich für dies- wie für jenseits der Leitha immer der Anwalt der Gerechtigkeit gewesen; freilich wird das was man Gleichberechtigung nennt, sehr verschieden interpretirt. Mein Ideal würde eine Abgrenzung der Nationalitäten gegeneinander sein, die ja auch bei sich verschiebenden Grenzen möglich wäre; um vollständige Beseitigung mittelalterlicher Ländergrenzen! Sie werden begreifen dass ich die staatsrechtlichen Forderungen der |3|Tschechen im schroffsten Widerspruch zur Gleichberechtigung der Nationalitäten finde, ganz abgesehen davon dass sie die grösste Verwirrung unserer Verhältnisse herbeiführen und eine dauernde Verwirklichung derselben ganz unmöglich ist. Warum die Polen und die Slowenen, die ganz andersartige Interessen haben, diese tschechischen Aspirationen unterstützen, verstehe ich nicht. Die Hegemonie der Deutschen in Oestreich höre auf – es sei, aber doch nicht damit die Hegemonie der Tschechen in Böhmen begründet werde? – |4|Mit den Slowaken in Ungarn habe ich mich vorübergehend beschäftigt, gelegentlich der ersten Studie des magyarischen Statistikus J. Körösy „Die Slowakisirung Oberungarns“ (magy.), die er mir zugeschickt hatte. Da ich mich dem magyarischen Chauvinismus, der darin ausgesprochen war, entgegenstellte, so habe ich von dem Verfasser darüber in freundschaftlichster Weise nähere Aufklärung erhalten. Ich lese eben im Budapesti Hirlap dass von dieser Veröffentlichung ein neues Heft erschienen ist. Dass Sie in Ungarn als Agitator betrachtet worden sind, wundert mich keineswegs. Gustav Weigand ist es bei seinen rumänischen Studienreisen in Südungarn ebenso ergangen; aber als ich an die Redaktion des Bud. Hirl.|5|eine Berichtigung darüber einsandte, hat man sie loyaler Weise abgedruckt. – Ich wiederhole mein Bedauern darüber dass Sie nun wieder gegen Osten ziehen werden; ich entsinne mich dass Sie mir gesagt hatten, Ihre Frau Gemahlin habe die Uebersiedelung nach Oestreich besonders gern gesehen. Ich bitte mich nicht für einen Slawenfeind zu halten; im Gegentheil hat es mir immer am Herzen gelegen, es möchten Slawen und Deutsche auf gutem Fusse miteinander leben. Und ich sehe auch keinen Grund warum dies nicht möglich wäre; nur mit den Tschechen werden wir vorderhand keinen Frieden haben.

Mit herzlichstem Grusse

Ihr ganz ergebener

H. Schuchardt

Eben kommt mir die Broschüre Ihres Landsmannes Madeyski1 zu, auf die ich auch sehr gespannt bin.


1 Stanisław Madeyski-Poray (1841-1910), war galizischer Politiker und Jurist, der dem Polenclub angehörte und Unterrichtsminister mehrerer Regierungen war. Er befasste sich mit österreichischem Zivilrecht, war Professor an der Universität Krakau und war politisch in Galizien und in Windischgrätz tätig. (ÖAW (ed.). 2003-2013. ÖBL, Online-Edition. Wien: ÖAW. s.v. Madeyski-Poray (= ÖAW. (eds.). 1972. ÖBL, Band 5, Lfg. 25. Wien: ÖAW, 401) Er trat gegen eine deutsche Staatssprache in Österreich auf. Vgl. Madeyski, Stanislaus. 1884. Die deutsche Staatssprache oder Österreich ein deutscher Staat? Wien: Selbstverlag d. Verf.: 122.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archiv der Petersburger Akademie der Wissenschaften. (Sig. 356)