Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (53-356)

von Hugo Schuchardt

an Jan Baudouin de Courtenay

Graz

15. 11. 1897

language Deutsch

Schlagwörter: language Armenischlanguage Georgischlanguage Semitische Sprachenlanguage Baskischlanguage Kaukasische Sprachen Baudouin de Courtenay, Jan (1897) [o. A.] (1897) Schuchardt, Hugo (1897) Baudouin de Courtenay, Jan (1896) Michankova, Vera Andreeva (1948) Marr, Nikolaj Jakovlevič (1908) Schuchardt, Hugo (1895) Schuchardt, Hugo (1895)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (53-356). Graz, 15. 11. 1897. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1867, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1867.


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Hoch geehrter Herr Kollege!

Zunächst meinen verbindlichsten Dank für Ihre frühern Zusendungen, bes. für Ihre Arbeit über das Kassubische.1

Sie werden wohl begriffen haben dass gegen das même insuccès à Vienne von uns irgendwie reagirt werden musste.2 Warum hat man nicht |2|gleich eine Photographie aufgenommen und sie in verschiedenen Exemplaren verschickt? Jetzt ist das moutarde après dîner. Ich habe vielleicht in meinen Vermuthungen bezüglich des Originals nicht ganz Recht gehabt; aber ich muss auch jetzt noch dabei bleiben dass ich zu entschuldigen bin, wenn ich mit der Abschrift zum grossen Theil nichts anzufangen wusste. Ich bitte zu vergleichen (die mir früher zugekommene Abschrift auf die ich mich hier beziehe, weicht etwas von der zweiten ab):

Z. 1,2 Or.a (deutl. A) A>= к
Z. 1,4 I (deutl. I)= r
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Z. 2, 1s (deutliches S) = u
Z 2, 4 E (deutliches ε)= []3 (von diesem Haken vermag ich nicht einmal eine Spur zu entdecken)
Z. 2, 6 l (deutliches L)= m (Das Abkürzungszeichen fehlt)
Z. 2, 9i (I)= h
Z 2, 11r (deutliches R)= []
Z. 4, 2 a (deutliches A)= t (der nach oben verlängerte senkrechte Strich macht diesen Buchstaben dem 5tender 3. ganz ähnlich)

u. s. w.

Dies, wie gesagt, nur zu meiner Rechtfertigung; nicht zur Anklage gegen Sie; denn wenn man eine Schrift nicht kennt, ist es schwer genau zu kopiren. Zwischen den georgischen Buchstaben gibt es so grosse Ähnlichkeiten, dass Verwechselungen für den Fremden sehr leicht möglich sind

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Sie schrieben mir vor Jahr und Tag, dass Prof. L. Masing sich mit dem Georgischen beschäftige; ich schickte ihm darauf meine beiden Schriften (Über das Georg. und Über den passiven Char.4) zu, habe aber kein Lebenszeichen von ihm erhalten. Ich denke dabei nicht an eine Empfangsbescheinigung; dergleichen vergesse auch ich manchmal bei bestem Willen – aber er hat doch in der langen Zwischenzeit gewiss irgend einen Artikel der sich auf die kaukas. Sprachen bezieht, veröffentlicht. Oder nicht?

Mit bestem Grusse

Ihr ergebenster

Hugo Schuchardt


1 Baudouin de Courtenay, Jan. 1897. Kašubskij „jazyk“, kašubskij narod i „kašubski vopros“. Stat’ja I. St. Peterburg: V.S. Balašev.

2

Schuchardt zitiert hier Baudouin, der in seiner Mitteilung im Bulletin international de l’Académie des sciences de Cracovie (1897): 204-211 schreibt: „Même insuccès à Vienne, où, par l'entremise de M. Antoniewiez, M. Pawlicki avait aussi fait parvenir l'inscription en copie.“ Die besagte Reaktion ist wohl der offene Brief, den Schuchardt in Bezug auf die georgische Inschrift auf dem Kreuz von Pawlicki verfasste: Schuchardt, Hugo. 1897. ‚Brief des Professors H. Schuchardt an Professor Fr. Müller in Angelegenheit des georgischen Kreuzes von Pawlicki. Graz, 2. August 1897‘. In Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 11: 294-296 unter „Kleine Mittheilungen“.

Baudouin hatte seinen Bericht über die Inschrift auf dem Kreuz auf der Sitzung der Akademie in Krakau am 14.12.1896 eingebracht (1896. ‚Odczytanie i objaśnenie zagadkowego napisu na krzyżu otrzymanym z Prus zachodnich przez Członka Akademii ks. Pawlikowskiego’. In Sprawozdania z Posiedzeń Wydziału Filologicznego Akademi Umiejętności w Krakowie. T. 1/ Nr. 10: 1-8). Dieses Kreuz war vom Mitglied der Akademie, dem Fürsten Pawlickij in Westpreußen in Schlochau (Człuchów) gefunden worden. Baudouin hatte eine Abschrift von der Inschrift auf der Rückseite des Kreuzes angefertigt und sich an unterschiedliche Stellen um Hilfe bei der Entzifferung gewandt. Schuchardt hatte von M. Antoniewicz und M. Pawlicki am 16. Juni 1886 eine Abschrift erhalten, in der diese ihm mitteilten, die Inschrift würde für glagolitisch gehalten, sie hegten aber die Vermutung, sie sei georgisch. Nikolaj Jakovlevič Marr (1865-1934), im September 1891 z.T. gegen den Willen seines Lehrers A. A. Cagareli zum Privatdozenten für Armenisch in Petersburg ernannt, der spätere Begründer der „Neuen Lehre von der Sprache“ in der Sowjetunion, hatte eine Transkription der Inschrift in moderner georgischer Schrift gemacht und diese dann lateinisch transkribiert und eine russische Übersetzung dazu geliefert. Baudouin hatte dazu eine polnische Übersetzung angefertigt. Schuchardt hatte die Schrift sofort als Minuskelchutsuri erkannt, aber Schwierigkeiten mit der Entzifferung wegen der mangelhaften Abschrift gehabt. Seine Bemühungen um ein „getreues Facsimile“ (295) blieben ohne Erfolg.

Von Schuchardt gibt es Briefe an N. J. Marr. So wird z. B. von einem Schreiben von ihm aus Marrs Archiv berichtet, Schuchardt habe sich an der von Marr behaupteten Verwandtschaft des Georgischen mit den semitischen Sprachen im Zusammenhang mit seiner Arbeiten zur Klärung des Verhältnisses von Baskischem und semitisch-hamitischen Sprachen (Michankova, Vera Andreeva. 1948. N. Ja. Marr. Moskva, Leningrad: Akad. Nauk (Naučno-populjarnaja Serija); hier S. 151) interessiert gezeigt, die dieser in Osnovnye tablicy k grammatike drevnegruzinskogo jazyka s predvaritel’nym soobščeniem o rodstve gruzinskogo jazyke s semitičeskimi. St. Peterburg 1908, vorgelegt hatte.

3 Die Buchstaben in der zweiten Spalte geben Zeichen der Abschrift wieder, die Schuchardt keinen Nuskhuri-Minuskeln zuordnen konnte. Da es sich dabei also nicht um reale Schriftzeichen handelt, werden sie hier in der Abschrift ausgelassen. Im Falle einer Ähnlichkeit zu lateinischen Buchstaben werden sie hier mit solchen wiedergegeben.

4 Schuchardt, Hugo. 1895. 'Über den passiven Charakter des Transitivs in den kaukasischen Sprachen'. In Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Wien 133: 1-91. Diese Schrift löst eine lang andauernde typologische Diskussion über die Frage der passivischen Interpretation transitiver Strukturen in Ergativsprachen aus, aus der sich u.a. ein angeregter Austausch mit Franz Nikolaus Finck ergibt.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archiv der Petersburger Akademie der Wissenschaften. (Sig. 356)