Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (40-00597)

von Jan Baudouin de Courtenay

an Hugo Schuchardt

Dorpat

29. 06. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: language Armenischlanguage Slawische Sprachenlanguage Baskischlanguage Polnischlanguage Tschechischlanguage Sorbischlanguage Russischlanguage Ukrainischlanguage Slowenischlanguage Serbischlanguage Bulgarischlanguage Litauisch Alexandrov, Aleksandr Ivanovič Graz

Zitiervorschlag: Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (40-00597). Dorpat, 29. 06. 1889. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1856, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1856.

Printedition:


|1|

Dorpat, 29. VI. 89

Verehrter Herr Kollege!

Wie gewöhnlich, bin ich auch jetzt sehr faul und habe eine gewisse Abscheu vor Schreiben (obgleich ich trotzdem sehr viel mit Feder zu thun habe). Darum hauptsächlich habe ich mit der Antwort auf Ihre beiden Karten (vom 18 und 19 Mai) so lange gezögert. Dazu kommt noch der Umstand, daß ich mich in der letzten Zeit mit zwei Gegenständen eingehender beschäftigt habe, und zwar mit der Mathematik (ich nahm Stunden und habe letztens die Differenzialrechnung in ihren Grundprincipien mir angeeignet) und dann mit der neuen, modernenarmenischen Sprache. Diese letzte studire ich bei einem geborenen Armenier, einem gebildeten und begabten Studenten, Ter-Mowsesjanz Parsadan.1 Die armenische Sprache ist vom allgemein linguistischen Standpunkte aus, als typische Mischspra|2|che, höchst interessant. Sie ist auch in mancher Hinsicht z.B. mit der estnischen Sprache sehr ähnlich: die Ursachen und die Ausgangspunkte waren verschieden, und doch war das Resultat auffallend ähnlich. Überhaupt ist die armenische Sprache sehr leicht und verständlich. Ich habe mir auch das Alphabet angeeignet, welches auf den ersten Blick sehr unheimlich zu sein scheint. Aber genug davon.

Vor etwa acht Monaten schickte Ihnen Aleksandrow einige seine Separatabzüge. Man hat aber dieselben retradirt mit der einfachen Bemerkung: retro. Waren Sie damals nicht in Graz? In dem Universitäts-kalender waren damals Ihre Vorlesungen angekündigt. Aleksandrow ist jetzt in Kasan, als Extraordinarius für slavische Sprachen. Seine Adresse: Kasan|3|(Russland). Professor A. Aleksandrow, Александр Иванович Александров, профессор Университета. г. г. Казань.

Ich beneide Sie sehr um das Studium der baskischen Sprache. Es muß wirklich ein Genuß sui generis sein.

Was Ihre Fragen in betreff der syntaktischen Akzentveränderungen anla[n]gt, so scheint es mir, daß man die von Ihnen angeführten Beispiele, einerseits

párlez au roi|| parléz à la reine,

andererseits wieder

das ist ganz offenbár || das ist eine óffenbare Lüge

streng auseinander halten müsse.

Das erste ist wohl rein äußerlich, es ist Sache der Satzrhytmik; und man findet es wahrscheinlich in jeder Sprache mit einer morphologisch unbeweglichen Akzentuazion, also z.B. auf dem slavischen Gebiete im Polnischen, im Čechischen, |4|im Sorbischen (z.B. poln. dó mnie || do niègo …, we wsi || w mieście …). Und selbst in den Sprachen mit morphologisch beweglicher Akzentuazion, wie z.B. im Russischen, findet man Anwendung dieser rein äußerlichen Unterscheidung in den Fällen, wo man mit den Akzentdoubletten (Akzentalternanten) zu thun hat, z.B.

и́ли || или́; … далеко́, глубоко́, высоко́ || далё́ко, глубо́ко, высо́ко ….. Eine solche Alternazion wird besonders von den Dichtern benutzt, z.B.

Гдѣ́ высоко́ стои́тъ нау́ка,

Стои́тъ высоко человѣ́къ.

Was nun die andere Reihe von Erscheinungen betrifft, deren Beispiel Sie in Ihrem

offenbár || óffenbarer

anführen, so glaube ich einige Parallelen dazu aus den slavischen Sprachen zitiren zu können. So scheint mir nur só der bekannte Unterschied der Akzentuation der Adjectiva, insoweit sie attributiv oder prädicativ (resp. bestimmt od. unbestimmt) gebraucht werden, zu erklären |5|zu sein. Z.B. im Russischen:

добра́ (она́ о́чень добра́) … || до́брая (до́брая женщина)…

(он) вели́к, (она́) велика́, (оно́) велико́ … || вели́кій (человѣк), вел и́кая (женщина), вели́кое (дѣло)

(хлѣб) дё́шев, (говядина) дешева́, (э́то) дё́шево … || дешё́вый (хлѣб, сюртук), дешё́вая (вещь), деш ё́вое (издѣліе)

Dann russische

стоя́, лежа́, сидя́, глядя́ …, als lebendige Gerundia, || сто́я, лё́жа, си́дя, гля́дя …, als Adverbia, obgleich man in letzter Zeit beides promiscue gebraucht, und zwar zu Gunsten adverbialischer Formen.

Russische: куда́, туда́, сюда́ … || отку́да, отту́да, отсю́да …;

моему́, твоему́, своему́ … || по мо́ему, (по тво́ему, по сво́ему) …;

во вре́мя, … (Substantiv mit Präposition) || во́ время (adverbiale Verbindung)

|6|

*по по́лю э́тому (Substantiv) (auf diesem Felde) … || по́ полю (adverbial) (im weiten Felde)

….

Kleinrussisch:

Gen. s. m. n. јог о́ … (ihn) || до јо́го … (zu ihm).

Polnisch:

we wsí mojego ojca … (im Dorfe meines Vaters) … || wè wsi, nà wsi … (im Dorfe im allgemeinen, auf dem Lande) …

zawsią́ nászą (hinter unserem Dorfe) || cháta wsią (eine Hütte hinter dem Dorfe), (mehr allgemein, adverbial).

Aehnliches, wie im Russischen, finden wir auch im Slovenischen, z. B. bei den Adjectiven, unbestimmt und bestimmt.

h̻’-dá (eine böse) || húda (die böse) …

h̻’-dí (bösen, pl.) || húdi (die bösen) …

|7|

Selbstverständlich findet man hieher gehörende Unterscheidungen auch im Serbischen, im Bulgarischen … dann im Litauischen

Ich weiß nicht, ob Sie mit diesen meinen ganz flüchtigen Bemerkungen zufrieden sein werden. Falls Sie wieder irgend einen Zweifel haben oder irgend eine Auskunft brauchen, wenden Sie sich immer an mich; und ich werde Ihnen immer nach meinen Kräften antworten. Sie müssen nur Geduld haben und manchmal auf meine Antwort etwas länger warten.

Mit besten Grüssen

Ihr ergebenster

JBaudouin de Courtenay


1 Ter-Mowsesjanz Parsadan. In seinem Bericht vom 16.12.1896 an die Krakauer Akademie über „die rätselhafte Inschrift“ auf dem Kreuz, das in Westpreußen von Fürsten Pawlicki gefunden wurde, schreibt Baudouin, dass er eine Abschrift dieser Inschrift auch an seinen „früheren Lehrer der armenischen Sprache, den ehemaligen Studenten der Dorpater Universität, Parsadan Ter Mowsesjanz und jetzigen Archimandriten Mesrop in der geistigen Hauptstadt der Armenier Etschmiadzin im Kaukasus“ geschickt habe. (S.3f) Weitere Angaben zu dem Verhältnis dieser Person zu Baudouin ließen sich bislang nicht ermitteln.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 00597)