Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (42-356)

von Hugo Schuchardt

an Jan Baudouin de Courtenay

Graz

05. 08. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: language Russischlanguage Italienischlanguage Lateinlanguage Friaulischlanguage Französischlanguage Piemontesische Dialektelanguage Kroatischlanguage Slawische Sprachenlanguage Tschechisch Miklosich, Franz von

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (42-356). Graz, 05. 08. 1889. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1853, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1853.


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Graz 5 Aug 89

Verehrter Herr Kollege!

Ich würde den Dank für Ihren lehrreichen Brief vom 29 Juni wohl noch etwas aufgeschoben haben wenn nicht heute eine Karte von Ihnen eingetroffen wäre. Unter anderem hat es mich sehr interessirt von Ihnen zu hören, dass Sie Differentialrechnung studiren; ich habe mich mit derselben als angehender Student der Philologie aus reiner Neigung beschäftigt (sogar ein begeistertes Sonett darauf gemacht) und immer eine platonische Liebe für die höhere Mathematik bewahrt. Schon seit einer Reihe von Jahren – und vielen in meinem Alter geht es ähnlich – habe ich |2|das Bedürfniss gefühlt mich in irgend einer Wissenschaft auszuruhen deren Methode von der mir sonst vertrauten ganz abwiche. So habe ich mich mit Anatomie und ähnlichem befasst. Umgekehrt wie Sie hat es der grosse Mathematiker Gauss gemacht; er warf sich mit dem grössten Eifer auf das Russische und soll darin auch einen guten Erfolg errungen haben.

Ihre Karte beantworte ich sofort, obwohl ich sie später vielleicht gründlicher beantworten könnte; aber bei mir heisst es periculum in mora und ich kann ja wenn mir Bezügliches noch |3|vorkommt, es immer nachtragen.

1) túca. Pirona Voc. Friul. “Tuzz. Voce con cui si scacciano i gatti.”

2) rúdi, “fortwährend.” Sollte dies das ital.rude> lat.rudis sein? friaul.rud wird von P. in der Bed. “pretto”, “mero”, “puro” angegeben. Vgl. franz. rudement

3) mákoj, “nur”. Aus non magis quam wurde entweder non magis (so friaul.nome, “nur” u. so in vielen Mod.) oder magis quam (so piem.mach d. i. mak) oder es blieb, so öfter bei Dante z.B. Inf. IV, 26 Non avea pianto mache di sospiri. |4|(d.h. lautlich) streng genommen stellt che nicht quam sondern quid für quam dar. Koj ist slawisirt aus Ke.

4) oštapat, “heilen”? Das sieht gar nicht sehr romanisch aus; ospedale liegt lautlich und begrifflich zu fern.

5) cóklan “Trog”? “Trog” heisst auf friaulischçáup, Caip. Es könnte an friaul. çocc çocul = ital.ciocco “Holzklotz”, zoccolo “Holzschuh gedacht werden; man müsste schon[undeutlich] genau wissen welche Art von Gefäss das resianische Wort bedeutet.

6) Krék, Krékiћ, “Haken”, “Nagel. Dieses Wort wiederum sieht viel mehr slawisch als romanisch aus; |5|einerseits klingt es an kljuka, kuka, der gleichen Bed. an, anderseits an kroat.Krakun = kračun “Riegel”? Lässt es sich nicht unter Kŭrk- 1 “krümmen” bei Miklosich Et. Wb. anbringen?

7) búle, Pilze, scheint mir auf lat.boletus graubündn. – roman. bulén, bulín, bulien (so obwaldisch) bulái (so unterengad.), ahd. buliz, mhd. Pilz zurückzugehen.

8) mačak ist doch wohl slawisch (v. Miklosich Et. Wtb)

9) nabúzac ebenso = tschech.nebozez u.s.w. > ahd. naba-gêr, bair. Näbiger; s. Matzenauer Cizí slova p. 262

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3) und 7) kann ich gerade im Friaulischen nicht nachweisen; vielleicht belehrt uns das Resianische über sein erstmaliges Vorkommen auch in dieser Sprache. Verzeihen Sie mein arges Geschmiere; ich habe in Eile und bei grosser Gewitterdunkelheit geschrieben.

Mit besten Grüssen

Ihr ergebener

H. Schuchardt

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archiv der Petersburger Akademie der Wissenschaften. (Sig. 356)