Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (36-00595-6)

von Jan Baudouin de Courtenay

an Hugo Schuchardt

Dorpat

09. 03. 1887

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachwissenschaft Phonetiklanguage Russischlanguage Maimatschin-Dialektlanguage Chinese Pidgin Russianlanguage Deutschlanguage Slawische Sprachenlanguage Bulgarischlanguage Chinesische Sprachen Alexandrov, Aleksandr Ivanovič Krek, Gregor Aleksandrov, Aleksandr Ivanovič (1884) Kruszewski, Mikołaj (1883) Kruszewski, Mikołaj (1884) Kruszewski, Mikołaj (1890) Kruszewski, Mikołaj (1881) Baudouin de Courtenay, Jan (1888) Baudouin de Courtenay, Jan (1889) Baudouin de Courtenay, Jan (1974) Schuchardt, Hugo (1885) Pjaseckij, PavelJakovlevič (1880) Schuchardt, Hugo (1887)

Zitiervorschlag: Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (36-00595-6). Dorpat, 09. 03. 1887. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1849, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1849.

Printedition:


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Dorpat, d. 9 März 1887.

Verehrter Herr Kollege!

In die Korrekturen meiner „slavo-italienischen“ (resianischen) Texte vertieft, finde ich erst heute einen freien Augenblick, um auf Ihren letzten Brief zu antworten.

Leider kann ich hier in Dorpat weder d. II Bd. von „Извѣстія Акад.“ (mit d. Aufsatze von Черепанов), noch Ateneum vom J. 1879 (m. d. Aufs. von Rejchman[)] finden. Folglich ist es mir unmöglich die dort angeführten Texte noch einmal zu prüfen und mit den von Пясецкій (Pjaseckij) mitgetheilten zu vergleichen.

Was ich Ihnen damals aus diesem letzteren (Pjaseckij) ausgeschrieben habe, erinnere ich mich nicht mehr. Auf jeden |2| Fall schicke ich es Ihnen noch einmal, und zwar alles, was ich an verschiedenen Stellen des Buches ertappen konnte. – Allgemeine Bemerkungen über diesen Dialekt findet man bei Pj. gar nicht. Und überhaupt sind die Angaben Pj.’s, als nur eines Dilettanten, in der sprachlicher Hinsicht oberflächlich, nebenbei gemacht und nicht allseitig zuverlässig. So vor allem kann man seine Transscription nicht ganz stricte nehmen. Dasselbe bezieht sich sonst auch auf andere Herren, welche früher über diesen „Jargon“ geschrieben haben.

Aus dem, was Pjaseckij schreibt, erhellt, daß sich die Russen in ihrem Verkehr mit den Chinesen nicht des reinen Russischen, sondern des Kjachta(Majmajtschen-)‑Russischen bedienen. Es ist also die Angabe Aleksandrow’s nicht richtig. |3| Aleksandrow’s Маймачинское нарѣчіе“ steht im „Рус. Фил. Вѣстник“. Томъ XII. (12. Bd.). 1884, pg. 160–163;

Ihr Aufsatz aber in demselben Bande, 318–320.

Pfizmaier’s Arbeit über das chino-russische habe ich vergeblich in den Ausgaben der W. Ak. gesucht. Ist Ihr Citat („Ber. (?) d.W. Ak. Ph.-hist.Kl. G, 1060“) genau? 1 Sollen das „ Berichte“ oder „Denkschriften“ sein? Die hiesige Bibliothek ist überhaupt sehr spärlich versorgt.

Mit Kruszewski’s Auseinandersetzungen bin ich auch gar nicht einverstanden. Seine Lautgesetze sind eigentlich logische Gesetze, wobei er außerdem einige Unkonsequenzen begeht.2 Wie ich jetzt die Sache auffasse, kann man weder von den „gleichen“, noch „ungleichen“ Lauten, als Gegenständen der Untersuchung sprechen, da man doch die Laute auf ihre wirkliche (physiol.-psychologische) Grundlage zurückführen muß. Ich nehme also jetzt keine Lautgesetze an; dafür aber erkenne ich die Nothwendigkeit sich nach den physisch-physiologischen, psy|4|chologischen u. sociologischen Gesetzen auch in der Phonetik um[zu]sehen. In Ihrer Schrift „Ueber die Lautgesetze“ finde ich auch ungefär denselben Standpunkt vertreten.

Kruszewski selbst ist wirklich unheilbar geisteskrank. Wie mir seine Frau vor kurzem schrieb, verschlimmert sich sein Zustand fortwährend. Auf eine Genesung ist gar nicht mehr zu hoffen.

Krek’s Werk in 2er Aufl. habe ich gesehen, durchgeblättert und seine riesige Gelehrsamkeit bewundert. Zu lesen habe ich bis jetzt keine Zeit gehabt. Mit seiner Theilung (Classification) der slav. Sprachen kann man jetzt nicht mehr einverstanden sein. Das Buch ist sehr theuer; darum habe ich es mir nicht angeschafft. Außerdem hat mir der Verf. von sich selbst versprochen ein Exemplar gratis zuzusenden. [Soeben erhalte ich von der Post dieses versprochene Exemplar.]

Wie ich schon früher bemerkte, kann man auf die Umschreibung Pjaseckij’s nicht viel Gewicht legen. So schreibt er selbst (obgleich er p = r od. л = l anwendet): „Нашего р китайцы совсѣмъ произнести не могутъ и или замѣняютъ его звукомъ л, или чѣмъ то среднимъ между р, г и л“ (pg. 14). Jedenfalls ist sein цз [in отопалицзы, поделицза, сандацза) gewiß = cz, nicht iz. Cz soll |5| wahrscheinlich einen mit besonderem Nachdruck ausgesprochenen c oder ʒ (dz)-Laut bezeichnen. –

Was man mit Čerepanow’s Transscript anfangen soll, weiß ich auch nicht. – Vielleicht ist ума-копечайло anst. ума-конечайло (cf. конец = Ende), gleichsam Ver­standes-Ende, ‑Beendigung. Oder kann Ihre Vermuthung, копечайло = копченіе, Räucherung, auch richtig sein. – Середеце-шило ist vielleicht Herzens-Ahle (Ahle = шило).

Лошаки ist wahrscheinlich aus einem Casus obliquus, лошадкѣ, oder aus dem Nom. plur. лошадки entstanden. Das konnten doch die Chinesen öfter hören, als den Nom. sing. лошадка.

Купецкэ (Pj.: кубицкэ) ist wohl = купчик (deminut.) od. купеческіе (adj.).

Шелатай-балетай – vielleicht aus шалды-балды (šaldý-baldý). So viel ich weiß, nennt man so die Tscherkessen (u. überhaupt Kaukasier), welche die Leib-Garde (Leib-Suite) des Kaiser’s od. seines Stellvertreters bilden und welche als sehr gefährliche, verrückte Kunden gelten. Dann kann das überhaupt |6| einen Spektakelmacher, einen Aventuristen bedeuten; dann wieder etwas „unbesonnen, liederlich, irgendwie … machen“. – Das ist sonst nur meine Vermuthung, ohne den mir bekannten thatsächlichen Grund. Das Wort šaldý-baldý ist wohl im russisch[en] türkischen Ursprungs.3

Mit побольшанкэ vgl. russ. по-лучше, по-чище, по-дешевле .., wo по (po-) eine Art Steigerung bedeutet; dann vgl. überhaupt die bulgarische Comparativbildung mit по- (po). – По­большанкэ speciell – по-больше (größer), gebildet nach dem Muster der Deminutiva: *по-большенькій (cf. беленеки, холошанки …).

Побольшане (Čerep., wenn richtig) ist vielleicht durch eine *„proportionelle Analo­gie“ aus dem Deminutiven -большанкэ entstanden, u. zwar wahrscheinlich nicht von den Chinesen (welche das Deminutive in к hier wohl nicht fühlen), sondern von den Russen gebildet.

Поку̀шалэ scheint = покушалъ (Präter. s. m. Nom. s.), abhängig im Satze von „чтобъ я“ (pg. 22).

Mit besten Wünschen und herzlichsten Grüßen

Ihr ganz ergebener

JBaudouin de Courtenay

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[Beilage]4

Путешествіе по Китаю … П. Я. Пясецкаго. I. СПб. 1880.

Pg. 14 wird diese Sprache „кяхтинскій язык“ genannt.

Pg. 14–15.
„Kjachtinisch“Russisch
Сытала́сту, пелея́теле!Здравствуй, пріятель!
Када пэлее́халэ?Когда пріѣхалъ?
Куда пошо́ла буду?Куда ѣдешь?
Тывая́ и́мэнъ кака?Какъ твое имя?
Па́тюшекэ и́мэнъ кака?Батюшкино имя какъ?
Фами́ръ кака?Фамилія какъ?
Тибэ годо́фу сыќлика?Сколько лѣтъ?
Молодой ишо́, ни сытала.Молодой еще, не старый (комплиментъ европейскій, а не китайскій)
Чи́нофэника?Чиновникъ?
Сыта́цкэ али вое́нъ?Штатскій или военный?
Вама побольша́нкэ кому?Кто изъ васъ старшій?
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И фы Бэ-Цзинъ пошо́ла буду?И въ Пекинъ поѣдешь?
Фы пе́лвы ла́сэ? Пеле́жеде ни бы́ла?Въ первый разъ? Прежде не былъ?
Тывая́ кото́лна голда?Ты изъ какого города?
Питилабу́лахы хыло́са?Петербургъ хорошъ?
Толыгово́й какой буду?Торговать чѣмъ будешь?
Ну, саматали́, бала́та, поду́ма ото пали́цзы ниту.Ну, смотри, брать, потомъ не отпирайся.
Никанскэ мане́ръ пакавали́ ни сыма́ша?По китайски говорить не умѣешь?

Pg. 15.

„Дальше этихъ вопросовъ разговоровъ не клеился или, по выраженію китайцевъ“

не сопета„буквально говорится о засорившейся трубкѣ, не сопитъ, а въ переносномъ значеніи вообще не ладится.
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Поигро́театръ.
Цяктинскэ кубицкэкяхтинскій купецъ.
Оку ту яворъахъ ты дьяволъ
Андаливсе равно.
Поделицзавойна.
Сандацзасолдатъ.
Яровоскоро.
На лошакѣ верханверхомъ на лошади.
Делевеникастоляръ.
Тывая пэла́вда, фу доло́гѣ пыли мыного.Твоя правда, въ дорогѣ пыли много.

Pg. 15–16.

ИнотэнкиИннокентій (Eigenname).

Pg. 16

Ты сываю сыло̀фа нисына́ша, наша сыло́фа нисынаша, кака сы тапо́й кавали́ мо́шана!|10|Сы тапо́й кавали́ нилися.́Ты своего слова (языка) не знаешь, нашего языка не знаешь; какъ же съ тобою говорить можно! Съ|10|тобой говорить нельзя.

Pg. 17:

(Май-май-чэнъ =торговой городокъ).
Ваша Май-ма́-чэнъвашъ (русскій) Маймачэнъ = Кяхта.
Наша Ця́кетунаша Кяхта = Май-май-чэнъ.

Pg. 18:

Наша Май-ма́-чэнъ пасаматали́ буду?Нашъ Май-ма-чэнъ хочешь посмотреть?
Наша ни хылоша́нки.Нашъ нехорошъ.
„А мнѣ люди“ поговори было, шибко хылоша́нки –А мнѣ люди говорили, что очень хорошъ.

(spricht Pjaseckij selbst zum Chinesen).

Э! ниту, ниту! Ваша хыло́саЭ, нѣт, нѣт! Вашъ хорошъ.

Pg. 22.

(„Одинъ … мальчикъ … все уговаривалъ меня, чтобъ я“)

покушалэ по́лефъ палю́хапокушалъ брюха борова.
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Pg. 22.

Ши́пака хыло́саОчень хорошо.

Pg. 23.

Ту̀та висѣдѣ ходи́ мо́шана.Тутъ вездѣ ходить можно.
Ши́пака ма́стелана! Пелыфа солта!Очень мастерски, первый сорт;
Тута бисъ ума подѣла нилися́; тибѣ у̀ма мыного. Така люди, кака ту, мало, така люди лѣдаки.этого безъ ума сдѣлать нельзя; у тебя ума сдѣлать нельзя; у тебя ума много. Такихъ людей, какъ ты, (мало); такіе люди рѣдки.

Pg. 363–368 spricht Pjaseckij ziemlich oberflächlich über die Chinesische Sprache selbst. Dabei sagt er (pg. 367), daß z. B. das russische Wort встрѣча von den Chinesen nur als |12| высыталѣча (вы–сы–та–лѣ–ча) ausgesprochen werden kann.

Das soll den Ursprung der russischen Sprache der Majmatschiner erklären.

PS. Besten Dank für Ihre mir gütigst zugeschickte Besprechung von Krumbacher’s „Ein irrationaler Spirant im Griechischen“.5

Sie nennen in Ihrem Briefe Groebers Encyclopaedie. Ist das die genaue Benennung? Handelt es sich um die „Enzyclopädie“ oder um den „Grundriss“? Was für „Enzyclopädie“ wird das sein?


1 Vgl. die Bestätigung der Literaturangabe zur Arbeit von August Pfizmaier (1808-1887), einem Pionier der Ostasienwissenschaften, unter Nr. 37, einer Postkarte von HS vom 25.3.1887.

2 Wahrscheinlich hatte Schuchardt Kruszewskis deutsche gekürzte Fassung der Dissertation gelesen „Očerk nauki o jazyke“, Kazan’ 1883, die in „Internationale Zeitschrift für allgemeine Sprachwissenschaft“ seit 1884 unter dem Titel „Prinzipien der Sprachentwicklung“ („Einleitung“ 1884 Bd. I, dann ab 1885 in Band 2 ein „Vorläufiger Überblick über die Ergebnisse“, der erst im V. Band 1889/90 endete) erschien. Bereits in seiner in deutscher Sprache 1881 in Kazan’ erschienenen Broschüre „Ueber die Lautabwechslung“ war Kruszewski davon ausgegangen, dass es „gewisse Lautgesetze“ gibt, „die für alle Zeiten und alle Sprachen unbedingt massgebend sind“ (S. 35). Baudouin hatte das wiederholt kritisiert und diese Kritik auch in seiner ausführlichen Arbeit über Kruszewskis Leben und seine wissenschaftlichen Arbeiten geäußert. („Mikołaj Kruszewski, jego życie i prace naukowe”, erstmals 1888 in Prace filologiczne, T. II, z. 3: 837-849; 1889 T. III z. 1: 116-175; später auch in den „Szkice językoznawcze“ von 1904; vgl. 1974 Dzieła wybrane, T. 1:. 248-327) Baudouin warf Kruszewski vor allem vor, dass dieser die Sprachwissenschaft zu einer Naturwissenschaft machen wollte und in ihr „Gesetze“ postulierte, die den Gesetzen der Naturwissenschaften entsprechen sollten. Kruszewski habe keinerlei „Gesetze“ entdeckt und seine Charakteristik der Sprachwissenschaft als exakte Naturwissenschaft im Unterschied zu den historischen Wissenschaften sei nur möglich gewesen, weil er „die menschliche Sprache losgelöst vom Menschen“ gesehen habe bzw. „die soziale oder gesellschaftliche Beziehung der sprechenden Menschen nicht berücksichtigt“ habe. (Baudouin de Courtenay, Jan. 1974. Dzieła wybrane I. Warszawa: DWN: 174)

3 Шелатай–балетай, geht wohl eher auf russ. шалтай-болтай zurück und wird heute u.a. aus шалтать, шалтыхать „stammeln“ (von Kindern) und болтать „schwätzen“ als Reimbildung gedeutet.

4 Diese Beilage trägt die eigenständige Bibliothekssignatur 00595.

5 Die Besprechung Schuchardts von „K. Krumbacher, Ein irrationaler Spirant im Griechischen“ erschien 1887 im Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 8: 179-182. [Brevier-/Archivnr. 204]

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