Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (24-00589)

von Jan Baudouin de Courtenay

an Hugo Schuchardt

Dorpat

03. 04. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: Rossijskaja Akademija Nauk (St. Petersburg)language Russischlanguage Slawische Sprachenlanguage Altkirchenslawischlanguage Bulgarischlanguage Slowenisch Miklosich, Franz von Oblak, Vatroslav (1893) Hafner, Stanislaus (1985) Lenček, Rado L. (1992) Schuchardt, Hugo (1886)

Zitiervorschlag: Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (24-00589). Dorpat, 03. 04. 1886. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1822, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1822.

Printedition:


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Dorpat, d. (22.3) 3 April 1886

Verehrtester Herr College!

Durch verschiedene eilige Arbeiten wurde ich von einer Antwort auf Ihren werthen Brief vom 6 März bis zum heutigen Tage abgehalten.

Ich bin jetzt, nach Ihren Ausführungen, geneigt zwei russ.koročun anzunehmen: 1) entlehnt; 2) echt slavisch; – möchte aber ein kleines Amendement vorschlagen, und zwar:

Man kann die von Ihnen angenommene Substituirung eines russ. koročun für kračun (durch die lautliche Analogie) nicht ganz auf eine Linie mit der Substituirung von volos f. vlas stellen. Es gibt ja kein echt russisches Wort mit der ursprüngl. Gruppe vl. Diese Gruppe kommt entweder in den Wörtern kirchenslav. Ursprungs (vlast’, vlaga, vlačiti, vleč …), oder in den aus den anderen Sprachen entlehnten (das Beispiel kann ich augenblicklich nicht anführen) vor, oder endlich ist sie in Folge des Schwundes eines Vocals zwischen v u. l entstanden. So vor allem bei der Präposition |2|vŭ => v_, z. B. vlagát’, vložit’, vletat’, vlĕzt’, vl’ubitsa (влюбиться) … Dem gegenüber finden wir im Bereiche der Gruppe kr, außer den soeben erwähnten drei Kategorien, noch eine vierte, die der echt russischen Wörter, deren Gruppe kr sich direct auf den gemeinsamen al. (indog.) Zustand zurückführen lässt: kraj, krasiti, krasa, kroχa (krocha), kropiti, kryti … Es existirte also diese letzte Kategorie seit der ältesten Zeit her und es würde ein Wort kračun keinen phonetischen Anlass zur Verwandlung in koročun bieten. Es konnte sich dieses letzte also (koročun als „Weihnachten“) nur auf dem volksetymol. Wege entwickeln, d.h. durch die Anlehnung an das andere schon früher im russ. existirt habende koročun (von der √ korot-, ? korok-), wozu man den Typus der phonetischen Parallele in der sich eben zu jener Zeit einbürger[n]den Reihe von Wörter fand, derer ein Glied echt russischen, das andere wieder kirch.-slav. Ursprungs war, wie z.B. k ratkij || korotkij, krasta || korosta …, dann auch grad || gorod, vrata || vorota, prax || porox, brazda || borozda, dražajšij || dorogój, mla|3|dój || molodój …, sladkij || solodkij, nrav || nórov

Zu Vlas || Volos cf. Vladímir || (Volodímir) Volodia (Володя – hypocoristicon) … olo, oro ist mit einer gewöhnlicheren, vertraulicheren, volksthümlicheren, mehr concreten, la, ra wieder mit einer feierlicheren, ungewöhnlicheren, mehr literärischen, mehr abstracten Bedeutung associirt. Dasselbe bezieht sich überhaupt auf die „Correlation“ oro, olo, ere … || ra, la, re, le

Ganz richtig ist Ihnen das Suffix -un, (-ún, -uná) bedenklich. Es ist immer, solange es lebendig gefühlt wird, Exponent der nomina agentis gewisser Art.

Ich stimme auch für „Kirchenslawisch“, da es doch ausschliesslich Kirchensprache ist. Andererseits aber, was die Eigenthümlichkeiten der dieser „Literatur“ zu Grunde liegenden Sprache betrifft, sehe ich eine viel grössere Aehnlichkeit mit dem Bulgarischen (d.h. mit dem muthmasslichen Altbulgarischen), als mit irgend welchem Slovenischen. Bei Miklosich scheint es mir mehr ein gewisser „point d’honneur“, als eine wirkliche motivirte Ueberzeugung [zu] sein.1 Bei Jagić wieder scheinen mir ganz andere Erwägungen mitzuwirken.

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Haben Sie in der Wiener Angelegenheit irgend welche Nachricht bekommen? Für Ihre Theilnahme bin ich Ihnen, hochgeehrter College, zu grossem Danke verpflichtet. – Wenn Sie Miklosich überzeugen könnten, dann, scheint es mir, würde die Sache ganz glatt gehen. Meinerseits halte ich sie jetzt für fast aussichtslos, und zwar aus dem folgenden Grunde: Vor einigen Wochen bekam ich eine private Anfrage aus Wien, ob ich nicht dorthin gehen wolle. Darauf habe ich selbstverständlich auch privatim geantwortet, dass ich es für eine grosse Ehre halten würde, obgleich ich materiell eher verlieren, als gewinnen würde. Die Nähe der Südslaven (in Oesterreich u. Italien) aber, bei welchen ich meine Dialektologie getrieben habe und noch weiter zu treiben gedenke, ist für mich entscheidend. Leider war ich so naiv und unvorsichtig, dass ich einem der hiesigen Collegen im Vertrauen mitgetheilt habe, ich hätte einige Aussichten auf Wien. Dieser hat die Nachricht weiter befördert, es hat sich allmählig eine ganze Legende gebildet, welche schliesslich auf den Spalten Petersburger Zeitungen ihren Wiederhall fand. Von dort |5|soll sie selbst ins Ausland gerathen sein. Wenigstens sagt man mir, es stehe darüber auch in einigen deutschen Zeitungen. – Ein Zeitungsgerede aber ist in solchen Sachen immer nachtheilig. – Ich bin also für meine Geschwätzigkeit ganz genügend bestraft worden.

Den Trost finde ich in der Bearbeitung meiner Texte. Der erste Band (mit den resianischen Sprachproben) soll bald druckfertig sein, worauf ich ihn der SPetersburger Akademie übergebe. Gleichzeitig mit den Texten will ich auch ihre deutsche Uebersetzung drucken. Ich hoffe, Sie werden darin manches für Sie interessantes finden.

Mit besten Grüssen

Ihr ergebener

JBaudouin de Courtenay

PS. Meinen besten Dank für die Zusendung Ihrer Recension auf Ásbóth und Volf.2 Ich habe sie mit dem grossen Interesse durchgelesen.


1 Kirchenslawisch: Die von dem Slowenen Jernej Kopitar (1780-1844) begründete Theorie, wonach die altkirchenslawische Sprache wegen des Wirkens der Slawenapostel auf österreichischem Boden in Pannonien bzw. Karantanien entstanden sei, gleichsam also eine slowenische Grundlage gehabt habe (Pannonische Theorie), wurde auch von seinem Schüler Franz Miklosich zeitlebens gegen alle begründeten Einwände vertreten. Nicht zu Unrecht unterstellt ihm Baudouin hier, dass er an dieser Theorie wahrscheinlich zum einen aus austroslawischem bzw. slowenischem Patriotismus, zum andern vielleicht auch aus Gründen der Wertschätzung für seinen Lehrer Kopitar festhielt. Es war der slowenische Grazer Slawist Vatroslav Oblak (1864-1896), der angeregt durch Schuchardt und Baudouin sich von junggrammatischen Positionen löste und zudem durch seine mazedonischen Dialektstudien, die er am Terrain unternahm, handfeste Beweise gegen die pannonische Theorie der altkirchenslawischen Sprache lieferte. Baudouins Charakteristik der von Miklosich als Altslowenisch bezeichneten Sprache als Kirchenslawisch bzw. Altbulgarisch entspricht also der sich bereits damals durchsetzenden wissenschaftlichen Auffassung. Freilich musste noch Oblak, der seine Abrechnung mit der pannonischen Theorie unter dem Titel „Zur Würdigung des Altslovenischen“ (1893. In Archiv für Slavische Philologie 15: 338-370) veröffentlichte, 1894-1896 in Graz „Altslowenische Grammatik“ unterrichten.Vgl. dazu: Hafner, Stanislaus. 1985. 'Geschichte der österreichischen Slawistik'. In E.J. Hamm und G. Wytrzens (eds.) Beiträge zur Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Schriften der Balkankommission. Linguistische Abteilung 30), 11-88; hier: S. 20, 46 und 66. Den Briefwechsel zwischen Baudouin und Oblak hat Rado L. Lenček mit einem ausführlichen Kommentar 1992 herausgegeben (Lenček, Rado L. 1992. The Correspondence between Jan Baudouin de Courtenay (1845-1929) and Vatroslav Oblak (1864-1896), München: Slavica-Verl. Kovač. (Geschichte, Kultur und Geisteswelt der Südslaven. Neue Serie, Band III)). Über die Jagić unterstellten Erwägungen (er war Kandidat auf die Nachfolge von Miklosich in Wien) soll hier nicht spekuliert werden.

2 Schuchardt, Hugo. 1886. 'Ásbóth, O., ‘Szlávság a magyar keresztény terminologiában’ und Volf, Gy., ‘Kiktől tanúlt a magyar írni, olvasni?’'. In Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 7: 152-157. (Brevier-/Archivnr. 193).

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