Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (22-356)

von Hugo Schuchardt

an Jan Baudouin de Courtenay

Graz

06. 03. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: language Russischlanguage Altkirchenslawischlanguage Rumänischlanguage Italienischlanguage Galloitalienische Dialekte Leskien, August Miklosich, Franz von Jagič, Vatroslav Ignaz Mussafia, Adolf Wien

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (22-356). Graz, 06. 03. 1886. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1820, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1820.


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Graz, 6 März 1886.

Verehrtester Herr Kollege,

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren eben eingelaufenen Brief. Was Ihre Bemerkungen gegen meine Etymologie von koročun u. s. w. anlangt, so möchte ich meinerseits wieder bemerken, dass die Verschiedenheit der Bedeutungen im Russischen und die Beschränkung des einen auf das Russische mich durchaus an der Zweiheit der Wörter festhalten lassen. Koročun für ein entlehntes kračun wäre doch wohl im Russischen nicht auffälliger als Volos neben Vlas. Wenn das Wort ein altslowenisches gewesen ist, so würde seine Entlehnung aus |2|dem Rumänischen doch nicht eine Unmöglichkeit sein. Es dürften sich wohl noch mehr Wörter dieser Art finden. Freilich möchte man dann eher mit Leskien von “Altbulgarisch” als von “Altslowenisch” reden. Eines werden Sie mir zugeben, es gehört eine gewisse Ueberwindung dazu, in einer Bezeichnung für “Weihnachten”, wie crăciune nicht den Namen Christus wiederzufinden dem wir in so vielen gleichwerthigen Zusammensetzungen und da zum Theil in so starker Entstellung begegnen. Bei Ihrer Etymologie ist mir instinctiv – denn ich kann keinen Grund dafür angeben – die Endung un bedenklich; hat nicht etwa auch Miklosich daran gedacht als er das Wort unter die Fremdwörter aufnahm, ohne es als solches erklären zu können? |3|Schon längst ist es mir beigekommen ob nicht Sie wenn Jagić ablehnt für Wien zu gewinnen wären. Vor einiger Zeit habe ich mich bei Mussafia1, sowie bei einem andern der Wiener Matadoren nach dem Stande der Angelegenheit erkundigt und dabei mir auch erlaubt – natürlich mit der mir als Nichtslawisten gebührenden Zurückhaltung, aber doch mit Interesse und Wärme – auf Sie hinzuweisen. Antwort ist noch nicht erfolgt; Mussafia ist wie Sie wissen, sehr leidend (auch an den Augen) und schreibt mir nur selten, der andere Kollege versprach, da er augenblicklich sehr beschäftigt sei, für später ausführliche Mittheilung. Morgen wird aber ein dritter Wiener in dieser Sache interpellirt werden, und ich hoffe |4|Ihnen demnächst berichten zu können. Wenn ich Ostern nach Wien ginge, würde ich von Miklosich Alles erfahren; aber dann wird wohl auch die Sache schon entschieden sein.

Mit besten Grüssen

Ihr ergebener

Hugo Schuchardt

Zu “Altslowenisch” = “Altbulgarisch” möchte ich bemerken, dass ich als Laie allerdings nur weniges über die historischen Verhältnisse dieser Sprache gelesen habe, aber dass meine Unklarheit darüber doch selbst im Verhältnis dazu noch eine zu starke ist. Mir scheint keine der beiden Bezeichungen ganz passend; das indifferente “Kirchenslawisch” war doch gar nicht so übel.


1 Adolfo Mussafia (1835–1905) Sohn aus dalmatinisch jüdischer Familie, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Wien, wo er einer der Begründer (später mit Meyer-Lübke) der Wiener Schule der Romanischen Philologie war. Er verbrachte die letzte Zeit in Florenz, wo er auch starb. Im Diezschen Sinne widmet sich Mussafia der Etablierung der Romania, insbesondere der östlichen Sprachen, dem Italienischen und den galloitalienischen Dialekten. Bekannt unter anderem für das Tobler – Mussafia-Gesetz über die Stellung der Klitika im Verhältnis zur Position des Verbs im Satz.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archiv der Petersburger Akademie der Wissenschaften. (Sig. 356)