Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (21-00588)

von Jan Baudouin de Courtenay

an Hugo Schuchardt

Dorpat

01. 03. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: Rossijskaja Akademija Nauk (St. Petersburg) k. u. k. Akademie der Wissenschaften in Wien Vergleichende Sprachwissenschaft Universität Wien Slawische Philologielanguage Italienischlanguage Slowenischlanguage Rumänischlanguage Russischlanguage Slawische Sprachenlanguage Südslawische Sprachenlanguage Tschechischlanguage Polnisch Jagič, Vatroslav Ignaz Miklosich, Franz von Wien Baudouin de Courtenay, Jan (1895) Jagoditsch, Rudolf (1966) Miklosich, Franz (1870) Baudouin de Courtenay, Jan (1871) Baudouin de Courtenay, Jan (1870) Baudouin de Courtenay, Jan (1904) Lenček, Rado L. (1985) Štrekelj, Karel (1886) Baudouin de Courtenay, Jan (1887) Schuchardt, Hugo (1886)

Zitiervorschlag: Jan Baudouin de Courtenay an Hugo Schuchardt (21-00588). Dorpat, 01. 03. 1886. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1819, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1819.

Printedition:


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Dorpat, d. 1 März 1886.

Hochverehrter Herr Kollege!

Mit der Antwort auf Ihren letzten Brief vom 29 Januar habe ich mich etwas verspätet.

Die von mir angenommenen und bezeichneten „feinen phonetischen Abstufungen“ sind theilweise Folgen eines gewissen Pedantismus. Ich wollte manchmal hören wie das Gras wächst; muss aber behaupten, dass meine Bezeichnungen wenigstens subjectiv ganz richtig sind: ich bezeichnete das, was ich wirklich hörte, und zwar mit den höchst ungenügenden Zeichen des gewöhnlichen Alphabets. Da die Märchenerzähler und überhaupt Erzähler nicht im Stande sind sehr langsam zu diktiren und ich alles Vorgesprochene niederzuschreiben wollte (ein Verfahren, welches ich jetzt gar nicht billige und nur durch eine Art dialektologisches* Fieber erkläre), – was mich an einem genauen Vernehmen |2|(Percipiren) des Gehörten sehr stark hinderte, um desto mehr da ich ja keineswegs ein besonders feines Ohr besitze, – so ist es wohl möglich, dass manche von meinen „feinen Bezeichnungen“ bloss Resultate einer Selbsttäuschung darstellen. Um eine volle Genauigkeit in solchen Sachen zu garantiren, müsste man sich erstens allmählig in die betreffende Aussprache hineinhören, und dann die Thätigkeit der Organe (die physiologische Seite) bestimmen. Beides habe ich unterlassen, theilweise in Folge einer zu grossen Eile, theilweise aber wegen der objectiven Unmöglichkeit (die Leute würden es meistens nicht erlauben). Nichtdestoweniger glaube ich das Recht auf die Meinung zu haben, dass ich die hervorragendsten Eigenthümlichkeiten einzelner Dialekte ganz genau erfasst habe. – Was die von Ihnen erwähnten Einzelheiten betrifft |3|so bemerke ich folgendes:

ъ und ь sollen zwar eine ähnliche Lage des Mundcanals bezeichnen, wie bei ɷ und є, aber 1) ganz kurz, 2) physiologisch und lautlich unvollkommen (die Stimmbänder werden bei dem ъ und ь in keine so präcisen und volltönenden Schwingungen versetzt, wie bei ɷ und є).– tьmá könnte man auch mit t’ma (’–Apostroph) bezeichnen: es ist eine vokallose Sylbe, oder ein Consonant vor einer Pause, wobei mir doch, nach dem einfachen Gehör zu schliessen, die pausa Mundlage dieselbe zu sein schien, wie bei ь.

wo bedeutet eine Sylbe, welche mit einer w-Lage anfängt und in o-Lage übergeht, wobei man aber die Stimme erst beim o tönen lässt, während w, so zu sagen, nur eine physiologische Lage ohne akustisches Resultat bezeichnet.

zda: z schien mir hier mit einem ganz schwachen Verschlusse (clusio) zu schliessen, welchen ich eben durch d bezeichnete; ein umgekehrtes |4|dz (z, italien. tönendes z), ebenso wenn man sich z.B. zu einem ts (c, deutsch z, ital. tonloses z) ein umgekehrtes st zudenken (vorstellen) kann. Ob ich es damals richtig auffasste, weiss ich nicht.

Die Möglichkeit jedes Jahr in die südslavischen Länder zu kommen, um meine dialektologische Forschung fortzusetzen, gehört zu meinen sehr unzahlreichen heissen Wünsche[n]. Leider gebricht es mir an den nöthigen Mitteln, vor allem aber an nervus rerum agendarum. Wir sind hier ziemlich spärlich dotirt. Wenn man eine Familie und nur 2400 (eigentlich 2352) Rubel Gage hat, kann man sich häufige wissenschaftliche Ausflüge nicht erlauben (Uebrigens besuchte ich voriges Jahr Litauen). Trotz alledem hoffe ich in einer nicht entlegenen Zukunft wieder nach Slovenien zu kommen, um meine Dialektenstudien zu vervollständigen. – In diesen |5|Tagen schicke ich der Petersburger Akademie das erste Heft meiner Sprachproben (Resianische Dialekte),1 und beabsichtige eine ununterbrochene Bearbeitung und Veröffentlichung meiner reichen Materiale. Ich möchte auch die Liberalität der Wiener Akademie in Anspruch nehmen. Würde es mir gelingen? D.h. würde die Wiener Akademie meine Arbeiten aufnehmen? – Ich habe gehört, dass Jagić die ihm angebotene Stelle in Wien, als Nachfolger von Miklosich, abgelehnt hat. Wer kommt denn nach Wien?2 Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, dass es mir höchst lieb wäre, eben in Wien wirken zu können, und zwar vorwiegend wegen der kleinen Entfernung von den slovenischen Ländern. Ich |6|könnte ja dann jedes Jahr einige Male diese Länder besuchen und meine Sammlungen completiren. Aber, wie die Russen sagen, не нам, не нам, дуракам, чай с сахаром пить (nicht uns, nicht uns Tölpeln ist es geschieden den Thee mit Zucker zu trinken). – Eine slovenische Dialektologie liegt in meinen Plänen. Es ist möglich, dass ich sie einmal fertig mache.

Štrekelj, der Verfasser der Arbeit über das Karst-slowenische, ist einigermassen mein Schüler; ich correspondire fortwährend mit ihm.3

Ihre Etymologie von koročunrumän.crăcium ist sehr geistreich und anlockend. Ich muss aber dazu folgendes bemerken: 1) Russ.корочун (geschrieben meistentheils карачун) bedeutet vor allem „капут (Caput, z.B. er ist caput), конец (Ende), смерть (Tod), гибель (Verderbniss) …“, was vor allem solche Redensweisen beweisen, |7|wie карачун его возьми=черт его побери (hole ihn der Teufel) дать кому карачун (jemanden zu Grunde richten); вот, задать бы вам карачуна (Nun, wenn man euch zu Grunde richtete!). Die Bedeutung „Сол­новорот (Sonnenwende)“, nach dem russ. allein zu schliessen, scheint nur secundär zu sein. Das denomin. карачу́нить bed.: уничтожать (vernichten), изводить (dass.), убивать (tödten). Das liesse wohl vermuthen, dass das Wort zu der √ kortrus.korot- (kurz, kurz machen, das Leben kurz machen, tödten) gehört, und dass koročun- ur­sprünglich ein Nom. agentis „Kürzer, Tödter“, „Mörder“ (myth. Wesen, eine Art männliche „parca“ „Parca“, Μοῖρα) bedeutete. Die Wintersonnenwende hat man wahrscheinlich als den „Sonnenkürzer“, „Sonnentödter/mörder“ aufgefasst. Cf. auch russ. корочать вѣк (das Leben kürzen). –

2) Sonst ist die erste Bedeutung nur russisch. In anderen slav. Sprachen hat man bloss die zweite. Dabei zu bemerken, dass in den echt altslav. (kirch.slav.) Denkmälern das Wort meines Wissens nicht belegt ist

3) Das č in allen slav. Sprachen erlaubt nicht das Wort auf die √ kort|8|zurückzuführen.

4) Eine Entwickelung des altslov. Krač ins russ. koroč (# krava ≠ korova) scheint mir höchst unwahrscheinlich, da man doch eine grosse Zahl von Wörtern hat, wo das russ. u. südsl. in der Vokalisation CraC- zusammenstimmen (kras-, krad-, brat-, grad- ≠ grando, trava…).

5) Alles dieses führt mich zum Schlusse, dass das Wort mit dem slav. *kork- ≠ südsl.-čech.krak ≠ russ. *корок- (Schritt), окорок (Schinken) ≠ poln.krok (Schritt) … zusammenhängt. Davon hat man denom. korčītī ≠ kračiti ≠ kročiti (poln.kroczyć) … ≠ * koročiti (schreiten, überschreiten); davon weiter nom. agentis korčun ≠ kračun ≠ koročun … (Schreiter, Ueberschreiter, Wendepunkt, Anfang des Wachsens …). – Im russ. konnte entweder nebenbei ein anderes koročún („Kürzer“, „Kürzermacher“, mutilator) von korot- (kurz) schon früher existiren, oder sich erst aus jenem |9|durch Anlehnung (Volksetymologie) an die √ korot- und die begriffliche Metapher secundär entwickelt haben. Es liegt ja doch sehr nahe die Wintersonnenwende einerseits als den Anfang eines neuen Lebens, andererseits als den Tod des alten Lebens der Natur aufzufassen. – Das rumänische Wort halte ich ganz einfach für entlehnt aus dem slavischen. Es war für die Rumänen vor allem ein theologischer terminus technicus, und solche Wörter stammen ja dort meistentheils aus dem slavischen.

Entschuldigen Sie, dass ich so geschwätzig war. Sie haben mich doch selbst herausgefordert.

Mit den besten Grüssen

Ihr ergebener

JBaudouin de Court[enay]

PS. Ich danke Ihnen sehr für die Zusendung Ihrer Entgegnung dem Paul.4

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Nachträglich:

tь ist gar nicht „erweichtes“ t’. Dieses letzte soll die t Aussprache mit einer gleichzeitigeni-Lage der Zunge bezeichnen (Mouillirung, Palatalisation), was meistentheils ein besonderes „palatales“ Geräusch erzeugt. Von einem solchen Geräusche kann bei tь keine Rede sein; – tma selbst macht hier einen ganz und gar nicht-„palatalen“ Eindruck. –

*und folkloristisches


1 In seiner Vorrede zu den unter russischem und deutschem Titel 1895 in St. Petersburg erschienenen „Materialien zur südslavischen Dialektologie und Ethnographie. I. Resianische Texte, gesammelt in den JJ. 1872, 1873 und 1877, geordnet und übersetzt von J. Baudouin de Courtenay“, berichtet Baudouin von seinem Antrag vom 28. April (10. Mai) auf Publikation seiner Arbeit und liefert eine sehr persönliche Erklärung für die Verzögerung von über acht Jahren bis zu deren Fertigstellung.

2 Über Jagić als Nachfolger von Miklosich in Wien und Baudouins Wunsch, nach Wien zu kommen, vgl. auch die folgenden Briefe. Franz von Miklosich (1813-1891), slowenischer Slawist und Inhaber der ersten slawistischen Lehrkanzel in Wien von 1849-1886, hatte seinen Schüler Vatroslav Jagić (1828-1923) bereits 1884 gefragt, ob dieser nicht sein Nachfolger in Wien werden wolle. Jagić war von seiner Stelle als Gymnasiallehrer in Agram (Zagreb) 1871 auf eine Professur für Vergleichende Sprachwissenschaft in Odessa berufen worden, nahm 1874 den Ruf auf den Lehrstuhl für Slawische Philologie in Berlin an, um 1880 einem Ruf nach Petersburg zu folgen. Wegen bestimmter Projekte und des höheren Gehaltes in Petersburg reagierte Jagić zunächst sehr zögerlich. Am 14.7.1885 teilte ihm Miklosich mit, dass die Philosophische Fakultät der Wiener Universität gerade den einstimmigen Beschluss gefasst habe, ihn zu berufen. Nach langen Verhandlungen tritt Jagić dann seinen Dienst zum Wintersemester 1886-87 in Wien an. Baudouin hat noch am 15. März 1886 einen Brief an Miklosich geschrieben, in dem er ihm mitteilt, dass „Herr Jagić für diese Stelle nicht zu gewinnen“ sei (Vgl. dazu Jagoditsch, R. 1967. Jan Baudouin de Courtenay als Kandidat für den Wiener Lehrstuhl (1886). In To Honor Roman Jakobson. Essays on the Occasion of his Seventieth Birthday 11 October 1966, vol. 2. The Hague, Paris: Mouton (janua linguarum series maior 32), 1009-1014; hier 1011) und seine Dienste anbietet, wobei er vor allem die „Nähe der Slovenen“ für seinen Wunsch, nach Wien zu kommen, ins Feld führt. Er selbst hatte Miklosichs 'Beiträge zur Kenntnis der slavischen Volkspoesie. 1. Die Volksepik der Kroaten.' In Denkschriften der Akademie der Wiss. Wien 19: 55-114; Žurnal Ministerstva Narodnogo Prosveščenija 1871: 155; 90-92 rezensiert und bereits in seinem Aufsatz 'Einige Fälle der Wirkung der Analogie in der polnischen Declination'. In Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung 6/1870 (H. 1/1868): 19-88 (mit der ursprünglichen Einleitung versehen erschien dieser Beitrag in polnischer Sprache in seinen Skice Językoznawcze 1904, 176-248) Miklosich Fehler bei der Behandlung der altpolnischen Morphologie in dessen Vergleichender Grammatik der slawischen Sprachen vorgeworfen (Gen -ę, fem. Dekl. Sg. statt -e) und auch dessen darin angewandte Methode an anderer Stelle als „veraltet“ bezeichnet. Ein möglicher Antwortbrief von Miklosich auf das Schreiben von Baudouin scheint bislang noch nicht nachgewiesen. Vgl. auch den Briefwechsel zwischen Miklosich und Schuchardt (die Briefe Miklosichs im Nachlass Schuchardts haben die Briefnummern 07369-07380).

3 Karel Štrekelj (1859-1912), slowenischer Slawist, erhielt 1896 das zunächst Vatroslav Oblak in Graz zugedachte Extraordinariat für slawische Philologie mit besonderer Berücksichtigung der slowenischen Sprache, wo er 1908 zum Ordinarius ernannt wurde und bis zu seinem Tode wirkte. Baudouin hatte den 12-jährigen Schüler auf seiner ersten Reise nach Slowenien, wahrscheinlich im Herbst 1872, kennen gelernt. Štrekelj, der später bei Miklosich in Wien studierte, hatte sich als Student an Baudouin um Rat gewandt, und es entwickelte sich daraus ein Briefwechsel zwischen den beiden in den Jahren 1880-1908, den Rado L. Lenček herausgegeben hat (Lenček, Rado L. 1985. 'Štrekeljeva pisma Jan Baudouinu de Courtenayju in Baudouinova Štrekelju'. In Slavistična Revija 33: 71-100). Štrekeljs Habilitationsschrift über den slowenischen Görzer Dialekt (Morphologie des Görzer Mittelkarstdialektes unter besonderer Berücksichtigung der Betonungsverhältnisse; Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften 1886/1: 277-496; sep. 1887, 122 S.), wurde von Baudouin 1887 im Archiv für Slavische Philologie 10: S. 603-615 ausführlich rezensiert. Štrekelj korrespondierte auch mit Schuchardt, vgl. die Briefe Nr. 11334-11342 im Nachlass Schuchardts.

4 Schuchardt, Hugo. 1886. 'Erwiderung' [gegen Paul in der Frage der Lautgesetze] In Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 7: 80-83 (Brevier-/Archivnr. 194).

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