Johan Hendrik Caspar Kern an Hugo Schuchardt (04-05519-1)

von Johan Hendrik Caspar Kern

an Hugo Schuchardt

Leiden

12. 08. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: Märchen Literaturhinweise / bibliographische Angaben Trübner’s American and Oriental Literary Record Sprachen in Melanesienlanguage Tagaloglanguage Malaiisch Rizal, José Riedel, Johann Gerard Friedrich Nijhoff, Martinus Klinkert, Hildebrand Cornelis Humme, H. C. (1878) Engelmann, W. H. (1867) Niemann, Georg Karel (1866) Wilken, P. N. (1863) Rizal, José (1889) Riedel, Johann Gerard Friedrich (1869) Riedel, Johann Gerard Friedrich (1868) Klinkert, H. C. (1885) Hazlewood, David (1850)

Zitiervorschlag: Johan Hendrik Caspar Kern an Hugo Schuchardt (04-05519-1). Leiden, 12. 08. 1889. Hrsg. von Silvio Moreira de Sousa (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1798, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1798.


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Leiden 12 Aug. 89.

Verehrter Herr College,

Es freut mich ungemein von Ihnen zu erfahren [I], dass die südostasiatischen Thiermärchen Ihr Interesse erregt haben. Der Gegenstand ist höchst anziehend und ein Studium der Malaiisch-Polynesischen Thierfabel wird gewiss lohnend sein, ist leider auch sehr schwierig und die Kräfte eines Einzelnen übersteigend, solange keine ordentlichen Sammlungen nebst Uebersetzungen angelegt worden sind.

Der javanische „Dòngàng Kantjil“ ist ein förmliches kleines Thierepos, worin der Kantjil (Malaiisch Pĕlanduk), die Hauptrolle spielt. Er erinnert theilweise an den indischen Hasen, theilweise auch an den europäischen Reinhart; er ist der Repräsentant des Schwachen, der durch seine Schlauheit die Mächtigen der Erde überlistet. Ausser der von Humme1 gelieferten Uebersetzung eines einzigen Abenteuers existirt nichts in niederländischer Sprache, doch wenn Sie wollen, mache ich mich anheischig Ihnen, einen Prosaauszug aus dem ganzen, in diesem Augenblicke neu afgelegten [sic] Gedichte zu besorgen.

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Die javanischen Landleute kennen noch andere, einzelne Thiererzählungen, die ich gelegentlich unter andern Erzählungen gefunden habe, aber eine Sammlung davon ist noch nicht angelegt.

Reicher noch als die Javaner sind die Sundanesen in Thiererzählungen. Eine ebenso typische wie weitverbreitete Fabel ist „die [sic] Otter und die Krabbe“ in sundanesischem Text und niederl. Uebers. herausgegeben von Engelmann2 in Bijdragen Kon. Inst. v. T. L. & Vk. v. N. Indie“3 1868 [sic], p. 348-383. Eine andere Redaction dieser Fabel kommt auch in Kantjil und sonst vor. Einige sundan. Thiermärchen finden sich, gemischt mit aus dem Arabischen und Niederl. übersetzten Fabeln, in den sundan. Schulbüchern vor. Wegen dies[er] Vermischung kann ich Ihnen jetzt nicht die Titel der einheimischen Märchen angeben, doch werde ich für Sie heraussuchen, was Sie brauchen. „De aap en de schildpad“ kennen Sie schon, wie ich sehe.

Vielleicht noch ergiebiger Fundgrube für einheimische Thiermärchen als die Sundalande, ist der Minahassa. Eine Sammlung von Legenden, mythischen Märchen und Thierfabeln in der Sprache der Tou-m-Bulu findet sich in Niemann’s „Bijdragen tot de kennis der Alfoersche taal in de Minahasa“ (Rotterdam, 1866).4 Einige dieser Stücke sind übersetzt in „Mededeelingen van wege het Nederlandsche|3| Zendelinggenootschap“,5 VII, p. 371fgg.; andere in einem anderen Bande, der mir augenblicklich nicht zur Hand ist. Da die Uebersetzungen nicht sehr genau sind, werde ich selbst andere für Sie anfertigen, wenn Sie es nämlich wünschen.

Vielleicht haben Sie im letzten erschienen Hefte [sic] von Trübner’s Record6 gelesen, was Dr. Rizal7 aus Manila mittheilt über die Erzählung der Schildkröte und des Affen, wie er die in Tagalischer und in Japanischer Redaction kennt.8 Eine dritte, ihm unbekannte Redaction ist diejenige in der Sprache der Tou-n-Sea (nahe verwandt dem Buluschen) im Minahassa, wie sie von Riedel9 mitgetheilt ist in „Tijdschrift voor Indische Taal-, Land- en Volkenkunde“10 XVII (1869), p. 307, nebst holländ. Uebers. p. 313. Ich beabsichtige auf Veranlassung des von Rizal veröffentlichten eine kurze Mittheilung über die Tou-n-Seasche Form der Fabel des Affen und der Schildkröte bei Gelegenheit des Stockholmer Congresses zu machen.

Demselben Riedel verdanken wir einige Fabeln in den folgenden Sprachen der Philippinen und von Nord-Celebes: Tagalog, Bisaya, Balangin, Solog, Sangir, Bantik, Bulu, Sea, Pakewa, Mongondou, Bolaango, Kaidipan, Beol, Goren, talo (Holontalo), Tomini, Pahigi, Poso, Todjo, Luinan, Kaili, Mandar; in Verhandelingen Batav. Genootschap11 XXXIII (1868).

Die Dajak besitzen auch Thierfabel [sic], doch ich besitze keinen einzigen Text. Ferner weiss ich nur, dass der Thierkönig bei ihnen der Bär, bahuang (Malaiisch barúwang) ist!

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Von den Sangirinseln besitze ich handschriftlich Thiermärchen und andre Erzählungen im Dialekt von Manganitu. Auch davon kann ich Uebersetzungen für Sie anfertigen.

Ich hoffe, dass das jetzt mitgetheilte Ihnen vorläufig genügen wird. Sie können versichert sein, dass der Gegenstand mich selbst sehr interessirt und dass es mir ein Vergnügen sein wird Ihnen nach Vermögen den Stoff und die Uebersetzungen, wo nöthig, beizusteuern.

Die zwei Bücher, die Sie zu haben wünschen, habe ich schon bei Nijhoff12 im Haag bestellt. Ob die Bücher hier vorhanden sind, weiss ich nicht; wenn nicht, werden Sie ein paar Monat[e] Geduld üben müssen.

Das facsimile d. Hikajat pĕlanduk13 ist von Klinkert14 zur Uebung seiner Schüler herausgegeben worden, und deshalb ist der ziemlich corrupte Text nicht verbessert. Deshalb ist die Lectüre nicht so leicht. Eine Uebersetzung besteht nicht, doch es brauch[t] Ihnen [sic] nur ein Wort zu kosten und Klin[kert] wird Ihnen die Uebersetzung – nur niederländisch – schicken.

In Stockholm hoffe ich mit Rev. Codrington15 zusammenzutreffen. Ich will ihn angehen mit der Bitte mir Thiererzählungen von den Sudseeinseln [sic] zu besorgen. Eine Fidji Thiererzählung in Hazlewood‘s Grammar16 ist einer kleinen Fabel der Minahassa so ähnlich, dass ich nicht zweifle an der Existenz mehrerer Erzählungen, die auf demselben Ursprung […] die Indonesischen zurückgehen.

Mit hochachtungsvollem Grusse

Ihr ergebenster

H. Kern.

[I] Jetzt fürs erst. Wenn Sie mir etwa früher darüber geschrieben haben, ist Ihr Schreiben nicht zu mir gekommen.


1 Wahrscheinlich wird folgendes Werk gemeint: Humme, H. C. 1878. Abiåså: Een Javaansch Tooneelstuk Wajang Met Een Hollandsche Vertaling En Toelichtende Nota. ‘s Gravenhage: Martinus Nijhoff.

2 Engelmann, W. H. 1867. ‚De otter en de krab (Eene Soendaneesche dongeng)‘. In Bijdragen tot de taal-, land- en volkenkunde van Nederlandsch-Indië 3, 2:348-383.

3 Die Bijdragen tot de taal-, land- en volkenkunde van Nederlandsch-Indië wurden durch die Koninklijk Instituut voor Taal-, Land- en Volkenkunde von Nederlandsch Indië herausgegeben.

4 Niemann, G. K. 1866. Bijdragen tot de Kennis der Alfoersche taal in de Minahasa. Rotterdam: M. Wijt & Zonen.

5 Wilken, P. N. 1863. ‚Bijdragen tot de kennis van de zeden en gewoonten der alfoeren in de Minahasa‘. In Mededeelingen van wege het Nederlandsche Zendelinggenotschap 7: 289-332; 371-391.

6 Die Zeitschrift Trübner’s American and Oriental Literary Record wurde 1865 von Nikolaus Trübner gegründet. Nikolaus Trübner (1817-1884) korrespondierte ebenfalls mit Schuchardt [Korrespondenzpartner: 1865].

7 José Rizal (1861-1896) korrespondierte ebenfalls mit Schuchardt [Korrespondenzpartner: 1865].

8 Rizal, José. 1889. ‚Two Eastern Fables‘. In Trübner’s Record 3, 1: 71-74.

9 Johann Gerard Friedrich Riedel (1832-1911) war niederländisch-indonesischer Beamter und Ethnograph.

10 Riedel, Johann Gerard Friedrich. 1869. ‚Tooe oenseasche fabelen met Nederlansche vertaling en Aanteekningen‘. In Tijdschrift voor Indische Taal-, Land- en Volkenkunde XVII: 302-315.

11 Riedel, Johann Gerard Friedrich. 1868. ‚Bijdrage tot de kennis der talen en dialekten‘. In Verhandelingen van het bataviaasch genootschap van kunsten en wetenschappen XXXIII: 1-44.

12 Der Verlag Martinus Nijhoff wurde 1853 gegründet.

13 Klinkert, H. C. 1885. Hikajat Pelandoek Djinaka, of de Reinaert de vos der Maleiers. Leiden: E. J. Brill.

14 Hillebrandus Cornelius Klinkert (1829-1913) war ein niederländischer Missionar, der die Bibel zu verschiedene Dialekte des Malaiischen übersetzte.

15 Robert Henry Codrington (1830-1922) war ein anglikanischer Priester und Anthropologe. Er studierte die melanesischen Sprachen.

16 Vermutlich wird folgendes Werk gemeint: Hazlewood, David. 1850. A Compendious Grammar of the Feejeean Language. Vewa, Fiji: Wesleyan Mission Press.

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