Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (45-10807)

von Leo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Wien

07. 12. 1916

language Deutsch

Schlagwörter: Wörter und Sachen [Zeitschrift]language Italienisch Brugmann, Karl Friedrich Christian Thurneysen, Rudolf Meyer-Lübke, Wilhelm Bonn Schuchardt, Hugo (1916) Schuchardt, Hugo (1918) Spitzer, Leo (1914–1915)

Zitiervorschlag: Leo Spitzer an Hugo Schuchardt (45-10807). Wien, 07. 12. 1916. Hrsg. von Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1616, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1616.

Printedition: Hurch, Bernhard (2006): Leo Spitzers Briefe an Hugo Schuchardt. Berlin: Walter de Gruyter.


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Wien, 7. Dez.

Verehrter Herr Hofrat,

Welche schöne Arbeit haben Sie mir wieder geschickt. Und dabei ist sie nur ein Prolegomenon für die angekündigte über die romanischen Fremdwörter im Berberischen.1 Darauf freue mich schon recht! Möge Ihnen vergönnt sein, Ihr Übelbefinden, von dem Sie sprechen, zu überwinden und Sie uns bald zu schenken! – Sie haben wohl mit Absicht Brugmanns und Millardet's Arbeiten nicht erwähnt?

In Wörter und Sachen, das eben erschienen ist, soll ein Artikel von mir über ital. Lazzaretto und Ghetto2, ferner einer über ital. coso und Verwandte erschienen sein. Ich weiß nicht, ob ich Separata bekommen werde, denn jetzt heißt es ja bei jeder Störung "Krieg ist Krieg"! – Sie lassen ihr baskisches Vöglein frei, Thurneysen hat auch das seine fliegen lassen (se interaman).

Für Weihnachten habe ich bei meinem Kdo. einen Urlaub zur Regeneration nach Bonn, der Stadt, die viele Studenten und einen Meyer-Lübke hat, erbeten. Hoffentlich bekomme ich ihn. Daß Sie das Gefühl eines nun schon Dreißigjährigen nicht begreifen können, der zwischen einer über das Mittelmaß hinausgehenden kritischen Begabung und dem Mangel am |2|höchsten, am Genie, kämpft, ist mir bei Ihrer weltumspannenden Aktivität wohl begreiflich. Sie haben in meinem Alter schon so viel großes geleistet, wie ichs nicht mit 80 Jahren zuwege bringen werde. Aber Sie haben auch Widerhall gefunden, während meine Schriften nie solchem begegnet sind, gerade dann nicht, wenn ich glaubte, Prinzipielles erfaßt zu haben. Das macht, die deutsche Wissenschaft, speziell die Linguistik, ist nicht philosophisch, denkerhaft orientiert, sondern erstickt im Materialismus des Kleinkrams. Was für kleine Menschen sind doch die Gelehrten! Sie gleichen den Schauspielern an Enge des Horizonts!

Ergebenste Grüße und vielen Dank

Spitzer


1 Es dürfte sich um H.S., Berberische Hiatustilgung. Wien: Hölder 1916 handeln. Zwei Jahre später publiziert Schuchardt Die romanischen Lehnwörter im Berberischen. Wien: Hölder 1917.

2 L.S., "Ital. lazaretto – ital. ghetto", in: Wörter und Sachen 6 (1914-15): 201-205.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10807)