Hugo Schuchardt an Friedrich Diez (08-t00862923_4)

von Hugo Schuchardt

an Friedrich Diez

Ariccia

20. 07. 1868

language Deutsch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Diez (08-t00862923_4). Ariccia, 20. 07. 1868. Hrsg. von Bernhard Hurch (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1393, abgerufen am 04. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.1393.


|1|

Ariccia 20 Juli 1868

Hochverehrter Herr!

Das Wohlwollen, mit welchem Ew. Hochwohlgeboren die Widmung meines Buches aufgenommen hat, ermuthigt mich, Sie um Rath in meinen Angelegenheiten anzugehen.

Ich bin durch das Vulgärlatein auf das Studium der romanischen Sprachen geführt worden, habe mich aber erst seit Kurzem – ungefähr seitdem die Korrektur des 3. Bandes beendigt war – entschieden, mich demselben ausschließlich zu widmen. Von Mai bis Weihnachten vor. J. verweilte ich in Genf, von da bis Juli in Rom und seitdem bin ich hier auf dem Lande, wo die heiße Zeit eher zu ertragen ist. Ich beschäftige mich eifrig |2|mit Italienisch, bes. mit dem römischen Dialekt. Der letztere ist merkwürdiger Weise von fast allen ital. Diall. der wenigst bekannte; es existirt von ihm kein Lexikon, nicht einmal eine Monographie über ihn, und es kostet selbst in Rom nicht wenig Mühe, die Dinge die in demselben geschrieben worden sind, zusammenzubringen. Und wenn auch das Romaneske in lautlicher Beziehung nicht allzu eigenthümlich erscheint, so verdient es doch deßhalb eher mehr als weniger Interesse, indem es Züge aus den verschiedenen Mundarten Italiens aufweist und so den Charakter einer gewissen Universalität bewahrt. Außer dem Leben des Rienzo1 und dem Fragment des Monaldeschi2 sind mir weitere mittelalterliche Denkmäler des Römischen bekannt geworden, die ich auszubeuten gedenke. Doch hat sich meine Hoffnung, nächsten Winter noch in Rom zubringen zu können, bedeutend vermindert, da mein Vater durchaus wünscht, daß ich in diesem Herbste zurückkehre, um mich dann im Frühjahr zu habilitiren. Es bestimmen ihn hierzu |3|allerdings gewichtige praktische Gründe, er meint, daß es für mich – obwohl ich erst 26 Jahre zähle – die höchste Zeit sei, die Rolle eines Lernenden mit der eines Lehrenden zu vertauschen und mißt, meiner Betheuerung, daß ich hierfür noch nicht reif sei, keine große Bedeutung bei. Ich werde das Äußerste thun, um mich noch längere Zeit in Rom zu halten; da ich mich aber schließlich doch dem Willen meines Vaters nicht widersetzen darf3, so ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren, mich bei der Wahl einer Universität, die ja nicht im letzten Augenblick erfolgen kann, mit gütigem Rathe zu unterstützen.

Indem ich hoffe, daß Ihnen meine Bitte nicht allzu unbescheiden erscheinen wird, verbleibe ich mit ausgezeichnetster Hochachtung

Ew. Hochwohlgeboren

allerergebenster

Dr. Hugo Schuchardt.

Ariccia, Via del Corso, Sign. Vincenzo Fortini calzolajo.


1 Die wahrscheinlich älteste Grundlage der Geschichte des Rienzo findet sich in den Fragmenta Historiae Romanae in Romana Dialecto vulgari (1327-1354, veröffentlicht in Antiquitates Italicae Medii Aevi…, herausgegeben von Muratori (1740), S. 247-548).

2 Die Fragmenta Annalium Romanorum von Ludovico Bonconte Monaldesco (Monaldeschi) aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Vgl. Muratori, Scriptores Rerum Italicarum, Bd. XII, 524 ff. Für diesen bibliographischen Hinweis danke ich Luca Melchior. Die Authetizität des Manuskripts ist nicht unumstritten.

3 Verbessert aus 'kann'.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, Dezernat 5.1: Handschriften und Rara. (Sig. t00862923_4)