Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (187-B76_18)

von Hugo Schuchardt

an Graziadio Isaia Ascoli

Graz

01. 04. 1904

language Deutsch

Schlagwörter: language Spanisch Mussafia, Adolf Beer, Rudolf Meyer-Lübke, Wilhelm Rom Wien Schuchardt, Hugo (1904) Schuchardt, Hugo (1904)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (187-B76_18). Graz, 01. 04. 1904. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1338, abgerufen am 02. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1338.


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Graz, 1 April 1904

Verehrter Freund,

Sie haben nun lange nichts von mir gehört, und werden sich vielleicht wundern dass ich die Trombetti-angelegenheit noch nicht erledigt habe. Meine Beschäftigung mit dem monumentalen Werke hat allerdings, abgesehen von den gewöhnlichen gesundheitlichen, durch andere Arbeiten mehrfache und sehr lange Unterbrechungen erfahren. Im Dezember musste ich einen Bericht an die Akademie über eine internationale Hilfssprache machen - ich habe Ihnen denselben nicht geschickt weil meine Elucubrationen in dieser Angelegenheit vonseiten auch |2|der wohlwollendsten Fachgenossen nur mit süsssäuerlichem Lächeln entge-gengenommen zu werden pflegen; überdies werden Sie ja den Bericht1, noch zeitig genug, im Almanache der Ak. lesen; sodann haben mich auf viele Wochen hinaus wieder die romanischen Etymologieen in Anspruch genommen - man kann sich so schwer aus den Banden seiner alten Liaisons befreien; endlich erschien eine längst erwartete georgische Grammatik und ich habe eine ausführliche Besprechung2 derselben abfassen müssen. Nun ist aber eine grosse Beängstigung über mich gekommen; wenn mich eine meiner Neurasthenieen befiele die mich während Wochen zu Allem unfähig machte, - wenn ich stürbe - wenn ein Brand ausbräche und die Trombettischen Bände vernichtete u.s.w.! Ich hoffe, wenn mir einige |3|leidliche Tage bleiben, mein Urteil über Tr.'s3 Werk fertig stellen zu können, und zwar in italienischer Sprache oder, bescheidener gesagt, in einer romanischen Mundart die in Rom nicht ganz unverständlich sein wird. Nur möchte ich wissen an wen und in welcher Form ich dieses Gutachten zu richten habe. Man hat mir diese Sache etwas formlos* übertragen, sodass ich über die Einzelheiten nicht genügend unterrichtet bin. Es wunderte mich auch dass man mir die Bände ohne Wertangabe zukommen liess.

Sodann wünschte ich Ihnen zu sagen dass mich die Leistung Tr.'s3 mit Bewunderung, ja mit Begei-sterung erfüllt hat - er muss |4|den Preis ganz erhalten oder irgendein Äquivalent; wenigstens kann ich mir nicht vorstellen, wie irgend eine der andern Arbeiten sich mit der seinigen zu messen vermöchte: - Sie sehen dass ich keine Zeit gefunden habe, mein Antwortschreiben an Tr.3 für den Druck vorzubereiten, es wird, wenn überhaupt, nach der Entscheidung der Kommission (Mai?) erscheinen - ich denke es auf eigene Kosten in 100-200 Exemplaren drucken zu lassen. - Mussafia geht es schlecht; er darf wie mir Dr. R. Beer (Lektor des Spanischen in Wien) gestern sagte, nicht einmal Besuche empfangen (und er bekam, wie er mir klagte, deren auch so wenige genug; er wohnt freilich in einem ganz fernen Winkel). - Meyer-Lübke hat sich anscheinend rasch erholt; er weilt in Görz.

In Eile - mit herzlichstem Gruss
Ihr ganz ergebener

H SCHUCHARDT

* man hat mir auch gar nicht mitgeteilt, bis zu welchem Termin die Arbeit zurückgeschickt sein muss - ich weiss ja nicht ob nicht auch Andere sie anzusehen wünschen.


1 Hugo Schuchardt: Bericht über die auf Schaffung einer künstlichen internationalen Hilfssprache gerichtete Bewegung, in: Alma­nach der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 54 (1904), 281-296 (Brevier-/Archivnr. 455).

2 Hugo Schuchardt: A. Dirr, Theoretisch-praktische Grammatik der modernen georgischen (grusinischen) Sprache, in: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 18 (1904), 241-260 (Brevier-/Archivnr. 478).

3 Trombetti.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca dell'Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana www.lincei.it. (Sig. B76_18)