Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (186-B76_17)

von Hugo Schuchardt

an Graziadio Isaia Ascoli

Graz

08. 02. 1904

language Deutsch

Schlagwörter: Zeitschrift für romanische Philologie Romanische Studien Meyer-Lübke, Wilhelm Mussafia, Adolf Paris, Gaston Italien Schuchardt, Hugo (1904) Ascoli, Graziadio Isaia (1903)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (186-B76_17). Graz, 08. 02. 1904. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1337, abgerufen am 02. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1337.


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Graz 8 Febr '04.

Verehrter Freund,

Ich habe eine grosse Dummheit begangen, indem ich von einer minimalen Abtragung meiner mate-riellen Schuld an Sie sprach; die letztere bleibt im vollen Umfang bestehen, es handelt sich wirklich um Null. Der Buchhändler hat mir nur die Hälfte des Preises gerechnet (die Bücher waren ja auch schon ganz vergilbt); wie viel der ganze Preis ausmacht, weiss ich nicht, werde mich auch nicht bemühen es zu erfahren, Sie wissen ja: time is money.

Meyer-Lübke ist so viel ich höre auf dem sicheren Wege der Genesung.1

Mussafia hat sich in den letzten Zeiten wirklich recht schlecht befunden, |2|und wenn der Ordre pour le méritewie auch ich glaube ein Pflaster für seine Leiden ist, so vermute ich dass man gerade dieser wegen ihm die Ehrung zuteil hat werden lassen und nicht einem Andern von dem er selbst eingestehen würde dass er grösseres Anrecht darauf hätte.

Am Schlusse meines Artikels von mir im nächsten Heft der Gröberschen Zeitschrift2 werden Sie mit einer Huldigung für G. Paris einige kritische Bemerkungen über seine Nekrologisten3 verbunden finden. Ich habe der Äusserung, dass G. Paris der Erneuerer, fast der Schöpfer der romanischen Studien sei, insoweit wenigstens als es sich um die Sprachwissenschaft handelt, widersprochen, und darauf hingewiesen dass eine solche Erneuerung vielmehr in Italien und Deutschland stattgefunden habe. Ich habe natürlich an Sie an erster |3|Stelle gedacht, Sie werden aber begreifen dass ich an diesem Ort Sie nicht nennen wollte und konnte. Von Deutschland glaubte ich sprechen zu dürfen, da hier ja die Diezsche Überlieferung nie völlig unterbrochen worden ist, und da doch von den Verschiedenen hier mehr und neuartigeres auf dem Gebiete der allgemeinen romanischen Studien geleistet worden ist als von den Franzosen.

Ich bin ein treuer Anhänger der "giustizia distributiva", aber ich sehe dass dieselbe sich nicht immer leicht durchführen lässt. Dass G. Paris den Ordre pour le mérite erhalten hatte, das beruhte zwar im Wesentlichen auf seiner wissenschaftlichen Bedeutung, aber doch nicht ausschliesslich, - z. T. auch auf seinen |4|persönlichen Beziehungen und auf seinem vor einigen Jahren stattgefundenen Besuch in Berlin, bei dem er glaub' ich dem Kaiser vorgestellt wurde.

Mit herzlichstem Gruss
Ihr ganz ergebener

H SCHUCHARDT

Trombetti, dem ich natürlich nichts über meinen Anteil an seiner Angelegenheit verraten habe, schrieb mir neulich, besonders um mir zu erklären wie er sich die litterarischen Hilfsmittel die er anführt, verschafft hat. Er besitzt ja wie es scheint, eine erstaunlich reiche sprachwissenschaftliche Bibliothek. Sie haben ihn, wie er mir ebenfalls mitteilte, kürzlich in Mailand kennen lernen.


1 Vgl. 185-00335.

2 Hugo Schuchardt: Trouver (drittes Stück), in: ZRP 28 (1904), 36-55 (Brevier-/Archivnr. 460); vgl. v. a. 50-55.

3 Auch Ascoli würdigte den großen französischen Philologen: G. I. Ascoli: Cenno necrologico di Gaston Paris, Milano, 1903.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca dell'Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana www.lincei.it. (Sig. B76_17)