Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (166-B76_14)

von Hugo Schuchardt

an Graziadio Isaia Ascoli

Graz

30. 03. 1902

language Deutsch

Schlagwörter: Archivio glottologico italiano Romania (Zeitschrift) Baskische Studien Indogermanische Forschungenlanguage Baskischlanguage Georgisch Biadene, Leandro Giacomino, Claudio Mailand Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Schuchardt, Hugo (1902) Biadene, Leandro (1901)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (166-B76_14). Graz, 30. 03. 1902. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1317, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1317.


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Graz, am Ostersonntag 1902.

Verehrtester Freund,

Mit meinem Dank für das letzte Heft des Archivio habe ich bis heute warten wollen, um auch Ihnen gegenüber die dankbare Erinnerung an das Ostern welches ich vor 34 Jahren in Mailand verbrachte, zu beleben.

Ich vernehme mit Freuden dass Sie sich in der letzten Zeit erholt haben und hoffe dass Sie bald wieder im Vollbesitze Ihrer Kräfte sein werden um uns die Fortsetzung Ihrer irischen Studien schenken zu können. Dieser Wunsch klingt eigennütziger als er ist; |2|ich wenigstens bemesse meine Gesundheit nach der Fähigkeit zum Arbeiten. So bin ich denn mit der allerletzten Zeit ebenfalls nicht ganz unzufrieden; denn, obwohl meine krankhafte und unerklärte Magerkeit fortbesteht und meine alte Nervenschwäche mich ebensowenig verlassen hat, so habe ich doch ein paar etymologische Abhandlungen für die Zeitschrift fertig gebracht. 1 Aber ich habe eigentlich diese Thätigkeit verschworen - nur eben: c'est plus fort que moi - denn wir hängen dabei mehr als sonst von allen möglichen Zufälligkeiten ab. Heute früh noch verdross es mich, die Notiz von einem mir bisher unbekannten Aufsatz Biadenes über capruggine zu finden2 - ich hatte über dieses Wort und damit verwandte vor einiger Zeit ein Langes und Breites niedergeschrieben |3| das ich nun kaum noch umändern kann. Mein Wunsch ist seit längerer Zeit mich gänzlich von der linguistischen Romania zurückzuziehen - ein Rückzug der kaum sehr bemerkt werden würde - und ein wenig mit der ethnographischen Romania zu kokettiren. Vor Allem aber meine baskischen und georgischen Studien fortzusetzen. Es thut mir sehr leid von Giacomino selbst zu hören dass er das Baskische eigentlich aufgegeben hat. Ich selbst kann mir aber dabei keinen Vorwurf machen. Ohne Widerstreit der Meinungen gibt es keinen Fortschritt in der Wissenschaft; überdies hatte ich ja seine Meinung bezüglich basko-hamitischer Beziehungen nicht ganz verworfen, nur halb. Für den Kaukasus "den Berg der Sprachen" bin ich leider zu alt; ihm gehört die Zukunft, von ihm bis zum Persischen Meerbusen erstreckt sich das Gebiet das |4| für die Sprachgeschichte der weissen Rasse das wichtigste ist. Im Georgischen, oder im Kharthwelischen überhaupt finde ich so manche Erscheinungen die zwar Bopps Aufstellung nicht ohne Weiteres rechtfertigen, die aber doch die Möglichkeit irgend eines urgeschichtlichen Zusammenhangs mit dem Arischen (= Indog.) nicht ausschliessen. Sie werden das angesichts der Analogieen zwischen Arisch und Semitisch nicht für wahnwitzig halten. Haben Sie, beiläufig gesagt, nie Neigung verspürt auf das alte Thema zurückzukommen? - Verzeihen Sie dies Geplauder - Sie hatten etwas Näheres über mein Befinden wissen wollen

In aufrichtiger und treuer Verehrung

Ihr

H SCHUCHARDT


1 Schuchardt meint seine in der ZRP 26 (1902) erschienenen Etymologien: Ital. spagn. daga } lat. daca; franz. daille usw. } lat. *dacula, 115; Ital. Isca } lat. insula, 115; Franz. creuset usw., 314-324; Tortula + tartaro, 331-332; engad. lindorna, 332; Lad (obw.) reginavel, 332-333; Franz. osier, 333-334; Etymologische Probleme und Prinzipien, 385-427; Nochmals engad. lindorna, 584-584; Friaul schelfe "Haarschuppen", 585; Ital. schienale "Stockfisch", 585-586; Rum. gargara, -ita; gargaun, 586-588; Zu Zeitschr. 26, 318, 588; Zu altfranz. jagonce, mhd. iachant, 588; Zu Romania 31, 237, Anm. 1, 637-638 (Brevier-/Archivnr. 414-428).

2 Leandro Biadene (1859 - 1939): Note etimologiche, in: Miscellanea linguistica in onore di G. I. Ascoli, Torino, 1901, 549-579.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca dell'Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana www.lincei.it. (Sig. B76_14)