Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (122-B76_9)

von Hugo Schuchardt

an Graziadio Isaia Ascoli

Graz

24. 04. 1895

language Deutsch

Schlagwörter: language Italienischlanguage Deutsch Giacomino, Claudio Mussafia, Adolf Mailand Graz Schuchardt, Hugo (1898) Schuchardt, Hugo (1898)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (122-B76_9). Graz, 24. 04. 1895. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1266, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1266.


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Graz (Gotha), 24 April
1895

Verehrter Freund,

Ich bin sehr gerührt darüber gewesen und bleibe Ihnen sehr dankbar dafür dass Sie mich zweimal so lange Zeit auf dem Bahnhof erwartet haben. 1 Das eine Mal mit gar keinem, das andre Mal mit nur äusserem Erfolge. Denn ich konnte, müde und matt wie ich war, mich mit Ihnen weder über Alles was uns Beide |2| in besonderer Weise interessirt, unterhalten noch über das was wirklich aufs Tapet kam, mich so aussprechen wie ich gewünscht hätte. Sie nahmen ja selbst wahr wie ich einige Mühe hatte mich italienisch auszudrücken. Im Deutschen versagen mir ebenso die Worte je nach dem Grade meiner Nervenabspannung; es ist hart für einen Sprachforscher dass er gerade an der Stelle zunächst zu leiden hat die den Gegenstand seines unausgesetzten Studiums bildet.

Ich habe keine Gelegenheit gefunden auf eine Stelle eines Briefes von mir an Sie zurückzukommen die Anlass zu einem Missverständniss geben könnte. 2 Meine |3| Sympathien für alles Italienische sind so gross dass mir meine Landsleute darüber Vorwürfe machen dürften. Wenn ich in Ländern lateinischer Kultur bin, wenigstens da wo der Oelbaum beginnt, so habe ich das Gefühl als ob ich in meiner eigentlichen Heimath wäre. Nun frage ich mich aber seit Jahren ob man nicht, unbeschadet der Anhänglichkeit an sein eigenes und der Zuneigung zu einem fremden Volk, gewisse Grundsätze anerkennen müsste die eine dauernde friedliche Lösung alles Sprachenkampfes in sich schlössen. Wenn meine Kräfte dazu ausreichen, werde ich über kurz |4| oder lang dies Problem zu behandeln versuchen; wenigstens wird mich die Furcht nicht abhalten dass ich andere Nationen, vor Allem meine eigene, vor den Kopf stossen werde. 3 In einen Gegensatz zu Ihnen werde ich dadurch nicht kommen; ein solcher ist unmöglich zwischen denen die Nichts wollen als Wahrheit und Gerechtigkeit, eine Entfremdung wird nur da stattfinden wo die Triebfedern irgendwelcher persönlichen Interessen ins Spiel treten. Ihre Freundschaft ist mir werthvoller als je, und ich hoffe innigst sie bleibt mir für immer erhalten.

Ich war noch den ganzen folgenden Vormittag in Mailand, befand mich aber wenig wohl und verliess daher das Gasthaus nicht. Sonst würde ich Sie aufgesucht haben; auch bedauere ich dass die Zeit zu kurz war um nur daran zu denken Giacomino und Lattes kennen zu lernen. - Sie werden Mussafia sehen; bitte grüssen Sie ihn vielmals von mir und sagen Sie ihm, ich würde erst Anfang Mai wieder in Graz sein. - Meine Mama befindet sich, Gott sei Dank, leidlich wohl.

Mit herzlichstem Grusse
Ihr
H. SCHUCHARDT


1 Vgl. dazu 121-00297.

2 Vgl. dazu 119-B23_26.

3 Vgl. dazu: Hugo Schuchardt: Tchèques et Allemands, Paris, 1898 (Brevier-/Archivnr. 324); sowie: Literatur über die Sprachenkämpfe, in: Beilage zur Allgemeinen Zeitung 249 (1898), 1-3; 250 (1898), 3-6 (Brevier-/Archivnr. 325).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca dell'Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana www.lincei.it. (Sig. B76_9)