Manuel João da Silva e Costa an Hugo Schuchardt (01-10568)

von Manuel João da Silva e Costa

an Hugo Schuchardt

São Tomé

20. 01. 1882

language Deutsch

Schlagwörter: Universitätsbibliothek Grazlanguage Deutsch Berlin Lissabon St. Thomas Príncipe Fernando Póo Annobón Senegambien Sri Lanka Marburg Nogueira, António Francisco (1880) Schuchardt, Hugo (1885)

Zitiervorschlag: Manuel João da Silva e Costa an Hugo Schuchardt (01-10568). São Tomé, 20. 01. 1882. Hrsg. von Bernhard Hurch (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12621, abgerufen am 14. 09. 2026.


|1|

S. Thomé, d. 20 Januar 1882

Sehr geehrter Herr Professor,

Meine Frau Ida Schelle da Silva e Costa ist im Juni des vor. Jahres mit unseren drei Töchtern, gesundheitshalber, nach Europa zurückgekehrt, und sich in Berlin niedergelassen.

Ihr an Sie gerichtetes werthes Schreiben vom 27 Nov. ist hier am 20 Dec. angekommen, und von mir also empfangen und geöffnet.

Wie Sie sicher aus meinem Deutschen entnehmen werden, bin ich ein geborener Portugiese, und hatte während mehreren Jahren die Ehre K&K General Consul in Lissabon zu sein. Ich verließ diesen Posten 1879 und nahm die mir angebotene Stelle an, eines Directors der hiesigen Filiale der Banco Nacional Ultramarino. Seit also c a. 3 Jahren wohne ich auf dieser so natur- |2|schönen Insel, leider aber immer mehr oder weniger von Fiebern, und in den letzten Zeiten von einer daraus entstandenen allgemeinen Schwäche geplagt, so daß ich im März oder Abril die Absicht habe eine Erholungs Reise nach Europa vorzunehmen. Wahrscheinlich werde ich mich mehrere Monate in Berlin, event. auf einen Ba(?) dort mit meiner Familie aufhalten.

Meine Krankheiten, meine amtlichen Beschäftigungen und die Indolenz die sich unsrer bemächtigen unter der ständig drückenden Hitze die wenigstens unter 3/4 des Jahres nie unter 30 und oft über 34° Centig. ist, im Schatten haben mir nie Veranlagung gegeben der Sprache der hiesigen Eingeborenen Aufmerksamkeit zu schenken, obwohl ich übrigens mit in meiner Jugend (ich bin jetzt 45 Jahr alt) sehr für Sprachen interessiert. Ich muß Ihnen also offen gestehen, daß ich |3| nicht im Stande bin die S. Thomé Sprache zu verstehen. Inzwischen um Ihren Wünschen nachzukommen, habe ich mich an einen hier geborenen gewandt, der mir schon einige Elemente gegeben um einen kleinen Arbeit vorzunehmen, dass ich hoffe Ihnen im nächsten Monat zu senden zu können. In diesem Monate bin ich meistens zu jeder Arbeit unfähig zu gewesen.

Die Sprache in Principe soll ähnlich wie die von S. Thomé sein, aber etwas Unterschied existiert doch. Mit Fernando Pó, Anno Bom &c haben wir hier gar keine Verbindung, und habe ich über die dortigen Sprachen keine Auskünfte erhalten können.

Die S. Thomé Sprache soll sehr unregelmäßig sein, und ist vor Allem sehr gemischt. Außer den Eingeborenen sind immer Einwanderungen von sehr verschiedenen Punkten auf der Küste stattgefunden, die großen Einfluß auf ihre Sprache gehabt. Man hört auch |4|hier die verschiedensten Neger Sprachen von Senegambien bis nach Mossamedes Negern.

In Loanda kenne ich leider Niemand, den ich Ihnen als Correspondent anzeigen könnte. Ich empfehle Ihnen einen in Lissabon herausgegebenes Buch a Raça Negra von Antonio Francisco Nogueira,1 wo sie interessante Mittheilungen über Neger Sprachen erhalten. Ihr Verfasser ist 12 Jahre im Inner Afrika gewesen, ist ein Freund von dh. Coelho, und hoher Beamter in Banco Nacional Ultramarino. Augenblicklich befindet er sich hier, wird aber in zwei Monaten nach Lissabon zurückfahren und wird sich freuen in Correspondenz mit Ihnen zu treten (Franz.)

Wie Sie sicher wißen wird noch auf Ceylon ein corruptes Portug. gesprochen. Die Portugiesen entdeckten Ceylon 1507; 149 Jahre später, in 1656 nahmen die Holländer Ceylon von uns und 1795 wurden die Holländer von den Engländern wegvertrieben, und die letzten nehmen zuletzt Besitz der ganzen Insel 1805. Wir, |5| die Portugiesen hatten also Ceylon 149, haben es verloren vor 223 Jahren, und doch ist unsere Sprache noch diejenige der Eingeborenen. Den Beweis dessen leistet uns eine in Colombo 1833 gedruckte Bibel “ne Portuguez de Ceylon” wovon ich Gelegenheit hatte ein Exemplar vor 4 Jahren in Lissabon zu haben. Ich kann Ihnen zufällig etwas daraus citieren:

O primeiro Livro de Moses chomado Genesis

Capitulo 1

1 Ne o começo Deos ja forma o ceos e o mundo

2 Eo mundo tinha sem feção e vazio: e escurida de tinha sobre o faça de o fundeza. Eo espirito de Deos ja movia sobreo faça de o agoas.

3 E Deos ja falla, Desse ser lume: e tinha lume.

u. s. w.

|6|

Diese Bibel ist “impressado ne officio de Mission Wesleyano” (Colombo) und möglicher Weise kann man dieselbe in London bei der Bibel-Gesellschaft bekommen.2

Mit dem nächsten Steamer hoffe ich Ihnen die erwünschten Auskünfte über S. Thomé Sprache geben zu können. Wir haben nur ein Mal p Monat Dampfschiffsverbindung mit Europa, – Lissabon – woher auch nur ein Mal p Monat (am 5ten) ein Dampfer nach hier geht. Die Briefe nach Gabon und von Gabon nach Europa gehen über S. Thomé. Wenn Sie |7| mehrere Mittheilungen über sonstige hiesige Verhältnisse wünschen, so dürfte Professor Dr. Richard Greef,3 in Marburg a/d.L. Ihnen solche geben können. Er war hier vor zwei Jahren auf einer wissenschaftlichen Reise, und ich gebe ihm noch mit diesem Steamer statistische und sonstige Data auf.

Ich schreibe in der Eile, und muß Sie noch um Entschuldigung für meine vielen Fehler bitten.

Genehmigen Sie, sehr geehrter Herr Professor, die Versicherung meiner Hochachtung

Ihr ergebener

M J da S.a e Costa


1 Das genannte Buch von Nogueira ist in Schuchardts Privatbibliothek an der UB Graz vorhanden. Mit dem Autor stand Schuchardt später (1885-86) auch in brieflichem Kontakt und schließlich hatte Schuchardt auch publizistisch zu einer kurzen Veröffentlichung Nogueiras Stellung genommen.

2 Der Band ist in Schuchardts Privatbibliothek nicht nachgewiesen.

3 Mit Richard Greef stand Schuchardt zu diesem Zeitpunkt bereits in brieflicher Verbindung. Aus den Jahren 1881-1883 sind 9 Schreiben von Greef an Schuchardt erhalten.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10568)